Politik

Libyen und Europa: Der seltsame Fall des Dr. Muammar und Mr. Gaddafi

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2011
Am 20. Oktober gab die libysche Übergangsregierung den Tod des langjährigen Machthabers Libyens Muammar al-Gaddafi bekannt. Mit einer Amateurkamera gefilmte Bilder des verletzten Diktators machten die Runde in den Medien. Wie Gaddafi aber ums Leben kam, bleibt weiterhin unklar.
Die französischen, US-amerikanischen und britischen Streitkräfte waren Teil der Nato-Luftangriffe im libyschen Bürgerkrieg, der seit Februar 2011 wütete. Lest mehr zu den zwiespältigen libysch-europäischen Beziehungskisten nach der Ankündigung über den Tod des "Revolutionsführers".

Angela Merkel: „Dieser Tag setzt einen Schlusspunkt unter das Regime Gaddafi. Der Weg ist nun endgültig frei für einen politischen Neuanfang in Frieden.“ Deutschland sei darüber „sehr froh“!

Das Statement der Bundeskanzlerin zeigt einmal mehr, dass Deutschland in Bezug auf Libyen die Fahne gern nach dem Wind dreht. Die Beziehungen der beiden Länder waren zwar in den 1980er Jahren aufgrund libyscher Terroraktionen – insbesondere das Bombenattentat in der Berliner Diskothek LaBelle (1986) – gestört. Seit Ex-Kanzler Gerhard Schröder die Wogen geglättet und Gaddafi 2004 eine Entschädigungsvereinbarung unterzeichnen ließ, kamen die Beziehungen wirtschaftlich aber wieder ins Rollen. Libyen liefert jede Menge Erdöl nach Deutschland und unsere Firmen haben Milliardensummen investiert. Kein Wunder, dass die deutschen Minister Jahr für Jahr im Rahmen des deutsch-libyschen Wirtschaftsforums zum Fototermin anreisten. Auch darüber war die deutsche Regierung „sehr froh“… Deutschland werde Libyen auf dem Weg zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und nationaler Versöhnung unterstützen, sagte Merkel nach Gaddafis Tod. Wohl deshalb hatte sich die Bundesrepublik – in der Person von Guido Westerwelle – in der Uno-Resolution zu Libyen in Enthaltung geübt. 

David Cameron: „Stolz auf die Rolle, die Großbritannien eingenommen hat“

Der Wind ist stürmisch als der konservative britische Premierminister David Cameron den Todestag von Muammar al-Gaddafi zu einem Tag des Sieges für Großbritannien erklärt. Dafür braucht man sich nur an den Lockerbie Bombenanschlag erinnern, der in Schottland über 300 Menschen tötete. Oder an die die Polizistin Yvonne Fletcher, die 1984 vor der libyschen Botschaft getötet wurde. Libyen hat Verantwortung dafür übernommen. Erinnert ihr Euch an die IRA? Libyen verkaufte den nordirischen Terroristen Waffen für ihre Operationen. Erinnert Euch auch daran, dass der 20. Oktober ein guter Tag für Briten – und für Libyer - war!

Silvio Berlusconi: ‘Sic transit gloria mundi’; Italien

Gaddafis Tod bewegte den italienischen Premierminister zu einer lateinischen Stellungnahme zum 'vergänglichen Ruhm in der Welt'. Oberst 'Gheddafi' [auf Italienisch] war ein echter Freund für den Cavaliere, fast wie Putin. Libyen war schon immer einer der stärksten Wirtschaftspartner Italiens, auch schon vor der Ära Berlusconi. 2008 unterzeichneten Berlusconi und Gaddafi in Bengasi einen Freundschaftsvertrag, damit Italien für die ehemalige Kolonialisierung Libyens aufkomme. Kostenpunkt: 5 Milliarden Dollar für Infrastrukturen in Libyen. Der Diktator war in Rom immer willkommen: Im Juni 2009 schlugen Gaddafi und seine Gefolgschaft ihre Zelte im öffentlichen Park der Villa Pamphili auf. Es ist erst 14 Monate her, dass Muammar al-Gaddafi vor 500 bezahlten Hostessen Vorlesungen darüber hielt, dass der 'Islam die neue europäische Religion' werden solle.

Webseite des polnischen Außenministeriums: ‘Wir beglückwünschen die libyschen Menschen’

“Wir beglückwünschen die libyschen Menschen, dass sie die jahrelange Diktatur nun zu einem endgültigen Ende gebracht haben“, lautet das offizielle Statement aus Polen. 1978 diskutierten 'Kadafi' [polnische Schreibweise] und die Volksrepublik Polen während eines Besuchs des libyschen Machthabers in Polen noch gemeinsame Ideologien der Sozialistischen Libysch-Arabischen Volks-Dschamahirija und des kommunistischen Generals Wojciech Jaruzelski. Danach wurden Business-Nägel mit Köpfen gemacht. Gaddafi hatte das Geld und die Pläne für Bauten auf Sand, während Polen willige Ingenieure hatte, die an einen Pass kommen wollten. Werte sind Werte und Business ist Business, deshalb fuhr Premierminister Marek Belka auch 16 Jahre, nach dem Fall des Kommunismus in Polen, nach Tripolis, um dubiose Schuldenberge zu diskutieren. Widerspruch: Arbeiteten die polnischen Ingenieure nicht hart genug für Gaddafis Libyen?

Spaniens Außenministerium: ‘Das Wichtigste ist nun, sich für die Versöhnung und Einheit aller Libyer einzusetzen“

Die spanischen Beziehungen zu ‘Gadafi’ [spanische Schreibweise] im letzten Jahrzehnt waren laut dem ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten Jose María Aznar ziemlich ‘extravagant’. Noch 2011 nannte Aznar den Oberst „einen extravaganten Mann, aber nicht dumm“ und überbot sich dann noch selbst mit dem Statement, dass Gaddafi ein „extravaganter Freund, aber trotzdem ein Freund sei“. Der aktuelle sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero wurde immer als ein guter Vermittler zwischen Spanien und Nordafrika angesehen; es gibt sogar Bilder, auf denen Zapatero und Gaddafi im November 2010 Hand in Hand gehen. Während seines Staatsbesuchs 2007 durfte Muammar al-Gaddafi seine Zelte im Garten der offiziellen Königsresidenz El Pardo Palace aufschlagen. „Die Bestätigung über den Tod Gaddafis und einiger seiner engsten Mitstreiter ist ein Schlussstrich unter eine traurige Zeit für das libysche Volk und der Beginn einer neuen Ära, deren Zukunft nur von den Menschen in Libyen entschieden werden kann“, sagte die spanische Außenministerin Soledad Jiménez nach der Meldung. Die Medienhysterie (Spanien nahm an der Attacke Libyens teil), wurde aber später am Tag von Nachrichten über die baskische Terrororganisation ETA abgelöst, die bekanntgab, dass sie nach 43 Jahren nun endgültig die Waffen niederlegen will.

Nicolas Sarkozy: „Das Verschwinden von Muammar al-Gaddafi ist eine wichtige Etappe im seit acht Monaten geführten Kampf des libyschen Volkes, sich von einem diktatorischen und gewalttätigen Regime zu befreien“; Frankreich

So lauten die Worte des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy in einem Pressecommuniqué, welches das Elysée in Reaktion auf den Tod des libyschen Diktators veröffentlichte. Die Beziehungen zwischen 'Kadhafi' [französische Schreibweise] und dem französischen Präsidenten sind die einer lästigen Freundschaft. Doch was eigentlich hätte im Verborgenen bleiben sollen, kommt 2007 ans Licht, als Libyen  - im Tauschhandel gegen einen offiziellen Staatsbesuch des Diktators in Frankreich - gefangen gehaltene, bulgarische Krankenschwestern an Cécilia Sarkozy [die ehemalige Präsidentschaftsgattin] auslieferte. Und so kam es, dass Gaddafi und seine pompöse Gefolgschaft im Dezember 2007 auch im luxuriösen Hôtel Marigny campen durften. Zu guter Letzt sagte der Sohn des libyschen Diktators Salif al-Islam in einem euronews Interview, dass sein Land die französische Präsidentschaftskampagne von Nicolas Sarkozy 2007 mitfinanziert habe.

Illustrationen: Homepage - 'Tripolis am 8. September' (cc)Ammar Abd Rabboa/flickr, Crops (cc)mshamma/flickr