Politik

Lettland 2014: Ohne Jammern in die Euro-Zone

Artikel veröffentlicht am 8. März 2013
Artikel veröffentlicht am 8. März 2013
Mitten in der Euro-Krise will Lettland im kommenden Jahr den Euro einführen. Dabei sind 65 Prozent der Bevölkerung gegen die Gemeinschaftswährung: Viele Letten fürchten nicht nur Preissteigerungen, sie wollen auch nicht für die Krisenstaaten im Süden Europas aufkommen. Denn das kleine Land hat selbst gerade eine schwere Wirtschaftskrise überstanden und dafür viele Opfer gebracht.

Hände maniküren und Haare frisieren: Im kleinen Salon von Inga Kraft und Astrida Fishere ist immer etwas los. In diesen Tagen drehen sich die Gespräche um die Politik. Die lettische Regierung will 2014 den Euro einführen, und das regt Kundinnen und Friseurinnen gleichermaßen auf. „Wir sind erst 22 Jahre unabhängig von der Sowjetunion und dem Rubel“, schimpft Inga. „Und schon wieder sollen wir uns von unserem lettischen Lats verabschieden. Er ist doch Teil unserer Identität.“ Ihre Kollegin Astrida nickt, während sie einer Kundin rote Strähnchen färbt. „Alles wird dann teurer, und wir werden unsere Kunden verlieren.“

Am Montag hatte der lettische Ministerpräsident Valdis Dombrowskis seinen Antrag auf den Beitritt zur Eurozone im kommenden Jahr unterschrieben. „Bereits seit 2003 sind sowohl die lettische Wirtschaft als auch unsere nationale Währung an den Euro gebunden“, erklärte Dombrowskis. „Deshalb wäre es sinnlos, unseren Lats zu behalten. Wir sind einfach zu eng mit Euro und EU vernetzt.“ 

Unternehmen und Touristen würden vom Wegfall der teuren Wechselkurse profitieren, sagt Andris Strazds, leitender Volkswirt der Nordea Bank in Riga. Mehr als die Hälfte aller Unternehmen exportiere in Euro-Staaten und müsse hohe Gebühren für den Tausch von Lats in Euro und umgekehrt hinlegen.

Lettland will mit am Tisch sitzen

Eine Rolle spiele allerdings auch die Psychologie, sagt Strazds: Oft würde von einem Europa der zwei Geschwindigkeiten gesprochen, sagt er. Vom langsameren, zu denen auch die meisten osteuropäischen Mitgliedsstaaten zählen, und vom schnelleren, zu dem die Euro-Länder gehören. „Wir sollten zum schnelleren Europa gehören und mit am Tisch sitzen, an dem über die Zukunft Europas entschieden wird. Und das wird, ob wir wollen oder nicht, der Tisch der Eurozone sein.

“Die Bevölkerung ist von diesen Vorteilen allerdings alles andere überzeugt. Zwar stimmten die Letten bereits 2003 in einem Referendum nicht nur für die EU-Mitgliedschaft, sondern auch für die Gemeinschaftswährung. Seit 2004 ist das Land in der EU, seit dem vergangenen Herbst erfüllt das Land nun die Eurokriterien.

Mittlerweile lehnen mehr als 65% der Bevölkerung die europäische Gemeinschaftswährung ab.

Doch mittlerweile lehnen mehr als 65% der Bevölkerung die europäische Gemeinschaftswährung ab. „Der Euro wird uns Kopf und Kragen kosten“, schimpft ein Passant in der Hauptstadt Riga. Wie er denken viele Letten: Sie wollen nicht für die kriselnden Südeuropäer gerade stehen müssen. Denn ihr kleines Land hat selbst vor kurzem eine schwere Wirtschaftskrise überstanden, die Letten haben dafür bereits viele Opfer gebracht.

2009 stand Lettland vor dem Staatsbankrott. Im Gegenzug für einen Kredit von über fünf Milliarden Euro vom Internationalen Währungsfonds IWF und der EU-Kommission musste die Regierung einen strengen Sparkurs nachweisen. Während der Staat mit überfälligen Reformen seinen aufgeblähten Verwaltungsapparat verschlankte und die Gehälter im öffentlichen Dienst um rund 20 Prozent kürzte, sparten die Betriebe Energiekosten ein und drängten auf den westlichen Markt. Ende 2012 zahlte Lettland seinen Kredit vollständig zurück – drei Jahre früher als nötig.

Nicht so viel jammern

Nicht nur die Politik, auch die Industrie habe aus der Finanzkrise gelernt, sagt der Wirtschaftsexperte Aivars Timofejevs von der Niederlassung der Stockholm School of Economics in Riga. So stieg die Exportquote von 40 Prozent vor der Krise auf mittlerweile über 60 Prozent. In der Lebensmittelbranche seien einzelne Unternehmen zusammengegangen, um im Ausland stärker aufzutreten. „Eine große Rolle spielt die Produktveredelung“, sagt Aivars Timofejevs. „Nur wenn unsere Waren besser werden, sind wir konkurrenzfähig.“

Doch der Aufschwung hat seinen Preis. Die Bruttolöhne in Lettland liegen mit durchschnittlich 633 Euro pro Kopf immer noch unter Vorkrisenniveau. „Wir jammern eben nicht so viel wie andere europäische Länder“, erklärt der junge IT-Experte Janis Gailis, weshalb die Letten nach vorne blicken und anders als die Griechen oder Spanier trotz der Einschränkungen nicht auf die Straße gegangen.

Ministerpräsident Valdis Dombrowskis hat versprochen, die Letten bis zum Sommer vom Euro zu überzeugen. Eine Euromünze im Design des lettischen Lats aus der Vorkriegszeit soll beispielsweise die Identifikation mit der Währung stärken. Aber letztlich wird die Europäische Kommission beurteilen, ob Lettland tatsächlich reif für die Eurozone ist. Voraussetzungen sind eine niedrige Inflation, ein stabiler Haushalt und sichere Steuereinnahmen. Im Frisiersalon von Inga Kraft und Astrida Fishere werden soeben Locken geföhnt und Nägel lackiert. Wenn es nach den beiden Lettinnen geht, wird ihr Land die Prüfungen zur Einführung des Euro im Sommer nicht bestehen.

Die Autorin dieses Artikels, Birgit Johannsmeier, ist Korrespondentin des Osteuropamagazins ostpol.

Illustrationen: Teaser (cc)liber/flickr; Im Text (cc)lancetino/flickr