Politik

Kurzer Prozess: Cafebabel-Roomservice auf die Anklagebank von DSK

Artikel veröffentlicht am 23. August 2011
Artikel veröffentlicht am 23. August 2011
Heute, im Rahmen des Prozesses gegen Dominique Strauss-Kahn, wird der Oberstaatsanwalt von New York Cyrus Vance öffentlich ankündigen, ob er die Anklage gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) fallen lässt. Bevor die Medienwelt sich auf das Resultat stürzt, zieht die cafebabel.com-Redaktion Bilanz über die meist verfolgte europäische Affäre des Sommers.

Der nächste Bill Clinton

"Ich sage voraus, dass DSK, wie die Franzosen ihren kleinen Bären, der seine Pfoten nicht immer bei sich behalten konnte, liebevoll nennen, die Megakohle machen wird – allerdings nur in der frankophonen Welt - um auf Konferenzen zu sprechen oder Krisen zu lösen. Ich habe den Eindruck, dass die Aktie DSK mit dem Skandal sogar noch gestiegen ist. Er ist ein heißer Anlagentipp. Allerdings bin ich mir sicher, dass die angelsächsische Welt nichts mehr mit ihm zu tun haben will."

Nabeelah

Schein oder nicht sein

"Politiker finden sich manchmal in schwierigen Situationen wieder, ohne sich über den Einfluss ihres Verhaltens auf die öffentliche Meinung bewusst zu sein. In diesem Fall und aufgrund seines Bildes in der Öffentlichkeit, muss DSK ein tadelloses Verhalten vorweisen. Schon bei Plutarch hieß es, die Frau von Cäsar solle nicht nur ehrlich sein, sondern auch ehrlich erscheinen. Ob DSK nun Opfer eines Komplotts geworden ist oder nicht, er hätte vorsichtiger sein müssen. Nun hat die Justiz das letzte Wort. Und davon wird seine Karriere abhängen."

Cristina

Öffentliche Hinrichtung der Schwerenöter

"Dass diese Art von 'Lolita-Affäre' einen Politiker zu Fall bringen kann, konnte man auch kürzlich in Deutschland beobachten, wo der frühere schleswig-holsteinische CDU-Chef Christian von Boetticher nach einer ‚legalen‘ Beziehung zu einer 16-Jährigen, die er auf Facebook kennengelernt hatte, zurücktreten musste. Boetticher sprach im Anschluss an seinen Rücktritt von einer „öffentlichen Hinrichtung“. Im Fall DSK werden wir wohl nie erfahren, ob es sich an besagtem Tag in besagtem New Yorker Hotelzimmer um ein abgekartetes Spiel gehandelt hat. „Wirklich enttäuschend für Frankreich – DSK war die einzig existierende Alternative zu Sarkozy“, lautet derzeit die Meinung vieler Franzosen. Sollte Strauss-Kahn in seine Heimat zurückkehren, wartet jedoch auch noch der Banon-Prozess [die französische Journalistin und Schriftstellerin hatte im Juli Anklage wegen Vergewaltigung gegen DSK erhoben; A.d.R.]. Die politische Karriere von DSK ist tot. Aber Leute, wolltet ihr wirklich einen Präsidenten, der noch ein schlimmerer Finger ist als Berlusconi?"

Katharina

Anstößliches Theater

"Wir Franzosen mögen große theatralische Abgänge, wenn der Vorhang fällt. Das ist wie bei der berühmten freudianischen Fehlhandlung; in Frankreich nennen wir das einen ‚acte manqué‘ (einen verpassten Akt). Das ist dann in etwa so wie in einem Akt der Commedia dell’arte: Strauss-Kahn hat meiner Meinung nach nachweislich auf jeglichen politischen Affront im Rennen um den französischen Präsidentschaftssessel 2012 verzichtet. Das ist typisch für ihn: erstmal abwarten was passiert, anstatt Stellung zu beziehen. Soweit zur politischen Bühne. Auf dem Rasen erinnern wir uns an einen anderen Franzosen, der 2006 – bereits eine Art Messias – zwei Dribbler vom Tor entfernt, seiner Karriere ein abruptes und nicht weniger theatralisches Ende versetzte. In beiden Fällen handelte es sich um einen Fehler, ob er nun als solcher vor Gericht verhandelt wird oder nicht. Doch während Zinédine Zidane seinen Abgang mit einem Stoß auf Augenhöhe provozierte, verabschiedet sich DSK mit einem Stoß in der Lendengegend."

Matthieu

Verruf und Vergewaltigungsvorwürfe

"Auch wenn seine Unschuld bekräftigt würde, geht DSK vollkommen diskreditiert aus dieser Affäre hervor. Sein problematisches Verhältnis zu Frauen, auch wenn es sich meiner Meinung nicht um einen Vergewaltiger handelt, wurde der globalen öffentlichen Meinung zum Fressen vorgeworfen. Neue Polemiken, wie die um Tristane Banon, werden sein Image weiter beschmutzen. Die politische Zukunft eines Mannes wie Dominique Strauss-Kahn hätte vielleicht in Italien noch Überlebenschancen. Nicht aber in Frankreich, wo die Wähler erbarmungslos sind. Die sozialistische Partei (PS) hat das ziemlich schnell kapiert."

Nicola

Das Tabu sexueller Belästigung

Die DSK-Affäre wird erst zu Ende sein, wenn sexuelle Belästigung nicht mehr nur als „kleine Schwäche“ eines großen Mannes angesehen wird.

"Die heutige Entscheidung des Staatsanwalts ist doch völlig egal. Die DSK-Affäre wird morgen nicht einfach unter dem Vorwand beendet sein, man habe sie zu den Akten gelegt. In manchen Milieus vergisst man vielleicht zu unterstreichen, dass eine ganze Gesellschaft einen Politiker toleriert hat, dessen Ruf als Perversling gleichzeitig mit seiner politischen Macht anstieg. Die DSK-Affäre wird erst zu Ende sein, wenn sexuelle Belästigung nicht mehr nur als „kleine Schwäche“ eines großen Mannes, sondern als unverzeihlicher Fehler angesehen wird, der jeden von seinem Sockel stürzen kann."

Aleksandra

Fotos: Homepage ©Les Fakes de BJ/flickr; Im Text (cc)Webstern Socialiste/flickr; Video (cc)Paoli0013/YouTube