Politik

Kroatien in der EU: der Balkan macht sich auf die Socken

Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2013
Artikel veröffentlicht am 1. Juli 2013

Seit dem 1. Juli ist Kroatien das 28. Mitglied der Europäischen Union. Die kroatische Jugend, die den Krieg kaum miterlebt hat, schwankt zwischen Enthusiasmus für die neuerlangten Freiheiten und Skepsis aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Aussichten.

Zagreb. Auch wenige Tage vor dem schicksalhaften Datum des 1. Juli ist die Atmosphäre in den Straßen der kroatischen Hauptstadt ruhig. Auf dem Hauptplatz wird die Bühne, auf der die Beitrittsfeierlichkeiten stattfinden werden, aufgebaut, hier und da wehen einige EU-Flaggen. Die Supermarktkette Lidl hat eine große Werbekampagne gestartet, wohl froh darüber, dass sich die Vorschriften über importierte Produkte mit dem Eintritt in die Europäische Union ändern. Was wissen wir eigentlich über Kroatien? Die Jüngeren unter uns haben ein paar entfernte Erinnerungen von Kriegsbildern im Kopf, das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1998 mit Davor Suker im Trikot mit dem weiß-roten Schachbrettmuster, den intensiven Blick der Hochspringerin Blanka Vlasic. Und dann gibt es natürlich den Tourismus entlang der Adriaküste Dubrovnik, Split, Zadar, die karge Insel mit dem unaussprechlichen Namen Krk un die Plitvicer Seen. Diese Assoziationen sind Beweise dafür, dass Kroatien und seine 4,4 Millionen Einwohner zum ganz normalen Mitglied der europäischen Familie geworden ist.

Schrumpfende Wahlbeteiligung

Der Beitrittsprozess hatte allerdings wenig mit dem gemächlichen Fließen der langen Save [kroatischer Donauzufluss; A.d.R.] gemein. Während Slowenien bereits im Rahmen der großen Erweiterung von 2004 zu einem Teil der EU wurde, musste sich das benachbarte Kroatien eine zusätzliche Dekade lang in Geduld üben. Das lag nicht zuletzt an der Zeit, die nötig war, um die Wunden des Kriegs heilen zu lassen, sowie an der desaströsen Wirtschaftslage. Das Wachstum schrumpfte im Jahr 2012 um 2%, die Arbeitslosigkeit liegt bei 18% und die Jugendarbeitslosigkeit erreicht sogar 51%, womit sie nahe an das spanische und griechische Niveau heran kommt. Für die kroatische Jugend sehen die Zeiten nicht gerade rosig aus. Einige Tage vor dem EU-Beitritt wurden Jugendvertreterinnen und -vertreter darum gebeten, auf einer Konferenz in Zagreb mit ihren europäischen Kollegen diskutieren. Mirela Travar, Generalsekretärin des kroatischen Youth Network (Mreza Mladih Hrvatske) bleibt realistisch: „Die Wahlbeteiligung an der Volksabstimmung über den EU-Beitritt [2012, 44%; A.d.R.] und an der Wahl von 12 kroatischen Abgeordneten bei der Europawahl [2013, 21%; A.d.R.] war sehr gering. Wir können wirklich nicht von EU-Begeisterung sprechen, aber das ist kein spezifisches Problem von Kroatien.“ Kroatien ist das erste Land seit dem Beginn der Finanzkrise, das der EU beitritt. Und alles deutet darauf hin, dass künftige Kandidaten wie die anderen Balkanländer (Serbien, Montenegro, Mazedonien) noch lange darauf warten werden müssen, bis ihr Beitrittsgesuch erfüllt wird.

WISSEN, WIE MAN DIE EUROPÄISCHE CHANCE ERGREIFT

Sandra Petrovic, seit kurzem 28 Jahre alt und damit eine der jüngsten Abgeordneten des Europaparlaments, zählt eine ganze Reihe Vorteile auf: „Kroatien wird viele Vorteile aus seinem Beitritt zur EU ziehen, beispielsweise für den Verbraucherschutz oder die Chancen, im Ausland zu studieren. Es wird mehr politischen Einfluss gewinnen und natürlich dank des Europäischen Strukturfonds auf rund 150 Mio. zurückgreifen können.“ Viele Kroaten betonen: all dies kann nur unter der Bedingung verwirklicht werden, dass sie auch sicher in der EU ankommen. Marko Grdosic studiert Wirtschaftswissenschaften und repräsentiert das Forum der kroatischen Studierenden. „In unserem Land gibt es eine lange Tradition der Korruption und die jüngere Generation ist unter diesen Bedingungen aufgewachsen.“, meint er. „Daher ist das Vertrauen in die politischen Institutionen nur gering. Allerdings gibt es Hoffnung, dass die europäischen Behörden wenig oder gar nicht korrupt sind.“

BRAINDRAIN UNAUSWEICHLICH?

Viele junge Kroaten meinen, offene Grenzen könnten zum Braindrain führen. „Die Gefahr ist natürlich gegeben.“, zeigt sich Mirela Travar beunruhigt. „Jetzt liegt es an der Regierung, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, die dafür sorgen, dass die jungen Menschen hier bleiben können.“ Der Student Matko Cancer, der sich mit dem Bereich Gentherapie beschäftigt, hat seine persönlichen Konsequenzen bereits gezogen, indem er nach Schweden gegangen ist, an die Universität von Uppsala: „Die Bedingungen, die mir in Schweden für meine Forschung im Labor angeboten wurden, sind besser. Kroatischen Universitäten sind zwar auch gut, haben aber keine engen Bindungen mit der Industrie. Und die braucht man, um große Forschungsprojekte zu finanzieren. Aber eines Tages ich möchte wieder nach Kroatien zurückgehen - wenn ich die Gelegenheit habe, an einem wichtigen Projekt zu arbeiten. Das Klima fehlt mir.“

Von der Seite der Erasmusstudierenden [schon seit einigen Jahren nimmt Kroatien an dem europäischen Austauschprogramm teil; A.d.R.] hört man die gleichen Geschichten: „An meiner Fakultät gab es im ersten Jahr weniger Kandidaten als Plätze“, erzählt Lea Ban vom Netzwerk Erasmusstudierender (ESN). „Im Jahr darauf, dem Jahr des EU-Beitritts hatten wir dann 900 Bewerbungen für 300 Plätze. Die meisten gehen nach Spanien, Polen und Litauen. Natürlich wollen einige im Ausland bleiben, aber die meisten möchten früher oder später wieder zurück nach Kroatien. Ich habe den Eindruck, dass die meisten jungen Menschen den Eintritt in die EU und seine praktischen Vorteile mit Begeisterung aufnehmen. Das hängt sicher auch mit dem Generationswechsel zusammen. Ältere Generationen haben in Jugoslawien gelebt und greifen oft auf das Argument zurück, nicht wieder durch eine externe Macht dominiert werden zu wollen.“

Tatsächlich war die Geschichte des Balkans immer von Konflikten geprägt. Für die kroatische Jugend hat der Eintritt in eine politische Gemeinschaft, die Frieden zwischen ihren Mitgliedern garantiert, eine viel realere Bedeutung als für viele ihrer neuen europäischen Brüder und Schwestern. Von den wirtschaftlichen Herausforderungen einmal abgesehen, ist es diese Generation, die als Brücke zu den anderen Bewohnern des Balkans dienen wird, solange die noch geduldig vor den Toren der Europäischen Union warten.