Politik

Kolumne: Absurdes aus Lukaschenko-Land

Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 15. Oktober 2010
Es ist eine Diktatur und es ist unsere Diktatur, in Europa, unmittelbar vor der Haustür der EU. Seit 16 Jahren hält sich das Regime von Alexander Lukaschenko in Belarus an der Macht - über Repressionen bis hin zur mutmaßlichen Beseitigung gefährlicher Opponenten sowie über die Durchführung höchst umstrittener Wahlen. Am 19.
Dezember 2010 ist es wieder so weit, die belarussische Bevölkerung wird, zumindest formell, aufgerufen sein, ihren Präsidenten zu wählen. Bis zu diesem Stichtag präsentiert eine in Berlin ansässige Französin auf cafebabel.com die Kolumne "Absurdes aus der Diktatur". Claudine Delacroix' erster Streich handelt 'Von Geburtstagen und Geburtsdaten'.

Am 19. Dezember werden in Belarus also Wahlen stattfinden, unter durchaus veränderten außenpolitischen Rahmenbedingungen: Die EU hat sich, nachdem sie nach den letzten Präsidentschaftswahlen 2006 zwischenzeitlich einen härteren Kurs gefahren war, 2009 für eine Einbindung Minsks in die östliche Partnerschaft entschieden. Jetzt will sie deren Fortsetzung von der Fairness der kommenden Wahlen abhängig machen. Deutlich wichtiger im Machtpoker dürfte aber der neue, scharfe und fast feindliche Ton sein, den Russland dem Regime Lukaschenkos gegenüber im Verlauf der letzen Monate angeschlagen hat. Beobachter sehen gerade hierin eine Chance auf tatsächliche Veränderungen in Belarus - wenn nicht durch die Wahlen selbst, so doch möglicherweise durch eine Protestbewegung in der Folge.

1 - Von Geburtstagen und Geburtsdaten

Man kennt es von historischen Persönlichkeiten aus weit zurückliegenden Zeiten - Joseph Haydn zum Beispiel: das Datum des Tauftages wurde festgehalten, über den genauen Geburtstag hingegen können nur Mutmaßungen angestellt werden. Im Zeitalter der Bürokratie und der exakten Erfassung von Daten sind solche Fälle rar geworden. Aber nicht auszuschließen, wie ein Blick nach Belarus zeigt. Eigentlich lehrt uns die eigene historische Erfahrung, dass in Diktaturen ein besonders hohes Maß an Ordnung und ganz sicher an Kontrolle herrscht. Seinen Geburtstag von einem Tag auf einen anderen zu verlegen, dürfte mit nicht unerheblichen administrativen Hürden verbunden sein und hohen Rechtfertigungsdruck mit sich bringen. Nicht so bei Alexander Lukaschenko selbst. Dieser hat kürzlich seinen Geburtstag vom 30. August 1954 auf den 31. August verschoben. Im Alter von 56 Jahren.

Der letzte Diktator Europas hat nun das gleiche Geburtsdatum wie sein jüngster Sohn NikolaiDie offizielle Erklärung: Die Mutter Lukaschenkos sei zwar am 30. August auf der Entbindungsstation aufgenommen worden, die Geburt habe allerdings erst nach 24 Uhr stattgefunden. Keine Erklärung wird allerdings bezüglich dessen gegeben, warum diese Korrektur gerade jetzt, im doch reifen Alter Lukaschenkos, vorgenommen wurde.

Das lässt Raum für Spekulationen - sollte der Grund vielleicht darin liegen, dass dem belarussischen Machthaber am 30. August gerade einmal zwei Staatsoberhäupter gratulierten, nämlich der venezolanische Hugo Chavez und der armenische Sersch Sargsjan? Keinerlei warme Worte gab es zudem von Seiten des Kremls, obwohl Belarus oft Bruderstaat genannt wird und in GUS und Zollunion enge Bindungen mit der Russischen Föderation eingegangen ist. Ist die Verschiebung um einen Tag also als Chance für all die Staatsführungen zu verstehen, die vielleicht nur vergessen haben zu gratulieren, dies einen Tag später und trotzdem rechtzeitig nachzuholen?

Oder liegt es doch daran - wie einige Beobachter mutmaßen - dass Lukaschenko damit seinen starken Vatergefühlen gegenüber seinem 6-jährigen Sohn Kolja, immer dabei, ob auf Militärparaden oder bei Lukaschenkos Papstaudienz, durch die Symbolik des gleichen Geburtstages besonderes Gewicht verleihen wollte?

Was auch immer ihn dazu bewogen haben mag - als Konsequenz bleibt nun eine gewisse Unstimmigkeit: Während im Präsidentenpalast ein Alexander Grigorewitsch Lukaschenko, geboren am 31. August 1954, sitzt, weisen die offiziellen Dokumente einen Alexander Grigorewitsch Lukaschenko, geboren am 30. August 1954, als Präsidenten der Republik Belarus sowie als Kandidaten für die nächsten Wahlen aus - ein unwichtiges Detail oder doch ein Zeichen?

Illustration: ©Adrian Maganza/ adrianmaganza.blogspot.com; A. Lukaschenko (cc)Socialism Expo/flickr