Politik

Keren Ann: 'Man muss von allem etwas in sich aufnehmen'

Article published on 30. Juli 2007
Article published on 30. Juli 2007
Die 33-jährige französische Sängerin Keren Ann stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Sie singt auf Englisch, lebt in Frankreich, New York und Island.

"Seit 1877 das Paris der Freiheit" - die alte Inschrift passt nicht zu dem Ort im Herzen des Pariser Arme-Leut-Viertels Belleville: eine riesige Lagerhalle, ein Wintergarten, ein Kinosaal, ein Konzertsaal. In den ehemaligen Räumen der ersten Pariser Genossenschaft befindet sich heute ein alternatives Kulturzentrum. Hier treffe ich Keren Ann zum Gespräch.

Der im Souterrain gelegene Konzertsaal verströmt den Charme einer Autowerkstatt. Mit Ausnahme der Techniker ist noch niemand da. Die mit psychedelischen Arabesken verzierten Säulen sollen später in ihrem Fluchtpunkt auf das Gesicht der Sängerin weisen. Ich betrete den Saal während des Soundchecks: ein seltsames Schauspiel. Keren zeigt nacheinander auf ihren Mund, auf die Decke, die Gitarre, den Boden, auf die Bassgitarre eines Bandmitglieds, dann schließlich wieder auf den Boden. "Etwas mehr Gitarre, Philippe." Besagter Philipp lässt einen weiteren Klang verlauten. "Okay!" Kerenn Ann spricht mit amerikanischem Akzent.

Später beginnen wir draußen auf einer Terrasse zu diskutieren. Sie schlürft dabei ein Bier. "Die Wodka-Zeiten sind vorbei, mittlerweile trinke ich lieber Whisky. Jetzt gerade habe ich einfach Lust auf ein Bier." Im Sinne ihrer Musik, verbirgt sich auch bei Keren Ann eine gewisse Lebensfreude hinter einem nonchalanten Äußeren. Oft wir ihre Musik als nostalgisch bezeichnet. "Nostalgie und Melancholie haben nicht unbedingt etwas mit dem Reisen zu tun. Vielleicht gibt es einen Moment, in dem man den Ort verlässt und der einen traurig stimmt. Dafür entschädigt aber der Moment der Ankunft. Die Melancholie dagegen ist in mir selbst verankert."

Ich frage sie, wie sie sich einem europäischen Publikum präsentiert. Diese Frage tut sie mit einer Handbewegung ab: "Ich habe nichts über mich zu erzählen. Das ist letztendlich auch nicht interessant. Stattdessen sollte man eher meine Musik hören. Nur das ist wichtig."

Träume sind Ausdruck von Emotionen

Keren Ann hat sichtlich Erfolg mit ihrer Musik. Sie wird von der französischen Kritik und der Bibel der französischen Musikmagazine Les Inrockuptibles in den höchsten Tönen als eine Schlüsselfigur der Nouvelle Scène Française gelobt. Im Jahr 2000 tritt sie erstmals ins Rampenlicht: gemeinsam mit Benjamin Biolay schreibt und komponiert sie das Album Chambre avec Vue der Chansongröße Henri Salvador, dessen Karriere wieder in Schwung kommt und der mit diesem Werk im Folgejahr zwei Musikpreise (Victoires de la musique) abstaubt.

Innerhalb von zwei Jahren nimmt sie zwei sehr persönliche und 'zart klingende' Alben auf, die in der Chanson-Linie von Jane Birkin oder Françoise Hardy ihren Platz finden: erst entsteht La biographie des Luka Philipsen, später folgt La Disparition. Dennoch möchte Keren Ann nicht in die Nouvelle Vague-Schublade gesteckt werden. "Ich schreibe in der Sprache, in der ich meine Emotionen ausdrücken kann. Wenn das Französisch ist, schreibe ich auch auf Französisch. Ich denke oder drücke meine Emotionen aber meist auf Englisch aus, da es meine Muttersprache ist. Bis zu meinem elften Lebensjahr habe ich schließlich kein Wort Französisch gesprochen."

Seit vier Jahren lebt Ann nun schon in New York, wo sie ein neues Album mit dem Titel Nolita aufgenommen hat. Nolita steht für "North of Little Italy", ein New Yorker Viertel, und außerdem – nicht ganz zufällig – auch für "No Lolita". "Don’t say nothing, I’ll speak for two", heißt ein Song auf Anns letztem Album. Und tatsächlich scheint meine Gesprächspartnerin gern zu plaudern: ihr Großvater ist russischer Herkunft, ihr Vater frankophoner Israeli, ihre Mutter dagegen ist die Tochter einer Javanerin und eines niederländischen Offiziers. Sie spricht über Mehrsprachigkeit und über deren Bedeutung für einen ständigen intellektuellen Austausch.

Keren Ann erzählt, dass sie so oft wie möglich Bücher in ihren Originalsprachen liest. Sie spricht Hebräisch, Englisch und Französisch. Ich frage sie, in welcher Sprache sie träumt. "Ich glaube nicht, dass Träume an Sprachen gebunden sind. Das ist ein Mythos. Der Ausdruck des Traumes spiegelt sich in Emotionen wider. Ich habe schon erlebt, dass ich in Sprachen geträumt habe, die ich überhaupt nicht beherrsche."

Unversättlich

"Zuhause ist für mich dort, wo ich mich gerade aufhalte. Ich trage mein Zuhause in mir, versichert die Sängerin. Eigentlich bin ich in dieser Hinsicht wie eine Schnecke. Orientierungslosigkeit ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Gerade als Musiker kommt man viel herum. Das hat sicherlich auch negative Seiten. Die ständige Zeitverschiebung zum Beispiel ist unangenehm. Man trifft eine Entscheidung fürs Leben. Ich will mich aber nicht beschweren, ganz im Gegenteil."

Ann erzählt von ihrer Zeit in New York und wie die Stadt in den letzten vier Jahren ihr Heimathafen in den USA geworden ist. Ich frage sie, ob sie lieber in den USA oder auf Europas Straßen unterwegs ist. "Man muss von allem etwas in sich aufnehmen. Jeder Ort hat enorme Potenziale. Wichtig ist nur, dass man sich dafür öffnet. Reisen ist vielmehr eine Einstellung, eine bestimmte Art, Neues aufzunehmen. Wenn ich in New York bin, habe ich nicht das Gefühl, dass ich in den USA bin. Wenn ich aber ein Konzert in Texas gebe, habe ich sehr wohl das Gefühl, in Texas zu sein. In Europa ist das ähnlich. Auch dort gibt es keinen Ort, der gleichförmig ist. Heute fühle ich, dass ich in Frankreich bin. Aber morgen weiß ich, dass es in Italien wieder ganz anders sein wird. Reise ich weiter nach Schweden, sauge ich dessen Identität in mir auf."

Keren Ann: eine singende Weltenbummlerin, die daran glaubt, dass "all diese Unterschiede vereinbar sein können".