Politik

Junge Polen über Lech Kaczyñskis Tod und die zweite Tragödie von Katyñ

Artikel veröffentlicht am 11. April 2010
Artikel veröffentlicht am 11. April 2010
Am 10. April 2010 ist das Privatflugzeug der polnischen Regierung mit 96 Menschen an Bord beim Anflug auf den Flughafen von Katyn abgestürzt. Der polnische Präsident, seine Ehefrau und andere polnische Staatsbeamte kamen dabei ums Leben. Junge Polen erörtern die Tragödie.

Es war während des vierten Landeversuchs, als die Maschine versehentlich in die Baumkronen geriet und sich verfing. Es gab keine Überlebenden. Im Flugzeug befanden sich große Teile der polnische Elite: der polnische Präsident und seine Ehefrau, hochrangige Beamte wie der Vize-Außenminister, der Vorsitzende der Polnischen Nationalbank und andere polnische Führungsspitzen aus Politik, Geschichtswissenschaft, Kirche und Armee. Alle gemeinsam waren sie auf dem Weg nach Katyñ, um dort den 70. Jahrestag des Massakers im Katyñer Wald zu begehen. Bei dem Massaker hatte der sowjetische Geheimdienst (NKVD) polnische Kriegsgefangene, darunter mehrheitlich Militärs und Intellektuelle, exekutiert; die Zahl der Toten wird auf 22.000 geschätzt. Am selben Ort, wo vor 70 Jahren die polnische Elite ausgelöscht wurde, ist nun eine neue polnische Elite in einem schrecklichen Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, der Polen im In- und Ausland schockiert.

Eine nationale Tragödie

Keiner schämt sich angesichts des Dramas, seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Es herrscht eine Atmosphäre des Schweigens und der Ungläubigkeit. Für Joanna Leitgeber, 22, scheint der Vorfall immer noch „ein wenig surreal. Das ist ein furchtbar trauriges Ereignis, und obwohl ich unseren Präsidenten nicht besonders mochte, fühle ich starkes Mitleid. Es ist entsetzlich, dass so viele Menschen in dem Flugzeug gestorben sind.“

In Polen sitzen die Menschen entweder zu Hause und verfolgen die ständig aktualisierten Nachrichten im Fernsehen, oder wollen - so sie in Warschau leben - vor dem Palast des Präsidenten Kerzen anzünden. Den Platz vor dem Palast bedeckt schon jetzt ein Meer von Blumen und Kerzen. Tausende Menschen stehen dort und schweigen oder weinen. Der Journalist Filip Jurzyk, 21 Jahre, der heute dort an der allgemeinen Trauerfeier teilgenommen hat, sagt: „Es gibt einen typisch polnischen Charakterzug: Im Angesicht ungeheuerlicher Tragödien können wir uns im Schmerz vereinen und einander stützen. So war es schon beim Warschauer Aufstand [von 1944, A.d.R.], beim Tod von Papst Johannes Paul II. (2005) und als die Armee-Führungsspitze beim Absturz einer CASA 2008 ums Leben kam. Und so ist es auch jetzt wieder.“ Wanda Troszczyñska-van Genderen, in Paris, ist ebenfalls berührt. „Meine Familie und jeder, den ich kenne, befinden sich in einem totalen Schockzustand. Die traurigen Nachrichten sind auf den Titelseiten aller Zeitungen.“

Präsidentschaftswahlen in nur 74 Tagen

Es ist schwer vorstellbar, dass in nur 74 Tagen in Polen Präsidentschaftswahlen stattfinden werden. Neben dem derzeitigen Präsidenten Lech Kaczyñski ist auch der Präsidentschaftskandidat der SLD-Partei [Bund der Demokratischen Linken, A.d.R.], Jerzy Szmajdziñski, bei dem Flugzeugabsturz umgekommen. Niemand weiß wirklich, ob der Bruder des Präsidenten, Jaroslaw, in der gegenwärtigen Lage gewillt ist, sich als Wahlkandidat aufzustellen. Joanna sagt für 2010 eine Veränderung im Wahlkampfstil voraus: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Jahr der Wahlkampf so aggressiv sein wird wie bisher.“

Die genaue Ursache für den Absturz bleibt bisher unbekannt. Viele spekulieren, das Alter der Maschine und das Nebelwetter bei der Landung seien Schuld. „Ich denke, der russische Landeflughafen hatte eine schwache technische Ausstattung und der Pilot wollte unbedingt landen, nachdem vorher drei Landeversuche missglückt waren“, spekuliert Tomasz Zajączkowski (26). „Ich habe gehört, dass das Landemanöver mit einem neueren Flugzeug wahrscheinlich gelungen wäre. Aber wie wir alle wissen, war das Flugzeug des Präsidenten eine alte Maschine und es wurde schon seit Jahren darüber geredet, ein neues anzuschaffen.“

Der 25-jährige Stan Doroshenko hat russische Vorfahren. Er bestätigt, dass Lech Kaczyñski in Russland nicht sehr beliebt gewesen sei. „Die politischen Eliten Russlands hatten ein schwieriges Verhältnis zu Präsident Kaczyñski, weil er unter anderem vor einigen Jahren die Initiative der USA unterstützt hatte, Basen für das amerikanische Raketenabwehrsystem in Polen zu errichten.“

Stan fügt hinzu, dass die russischen Medien berichteten, die russische Regierung arbeite lieber mit Donald Tusk, dem polnischen Premierminister, zusammen. „Eigentlich sollte Tusk an der Gedenkfeier in Katyñ teilnehmen; Kaczyñski war ursprünglich nicht einmal eingeladen.“ Die Tatsache, dass der Präsident in Russland nicht gerade hohes Ansehen genoss, ist Nährboden für unbegründete Gerüchte geworden. Tomasz, der in den USA lebt, ist von seinen Freunden gefragt worden, ob der Absturz nicht verdächtig aussehe und ob nicht Terroristen oder Russen darin verwickelt seien. „Es ist schon interessant, dass mir diese Fragen zu Verschwörungsszenarien von Amerikanern und nicht von Polen gestellt werden. Und dabei sagt man immer, die Polen hätten anti-russische Phobien.“

Auch online in Trauer vereint

Sowohl Polen als auch Russen trauern angesichts der Tragödie. Die Russin Evgenia Plotnikova, 22, die gerade in Paris lebt und studiert, sagt: „Egal, was man über den polnischen Präsidenten gedacht hat und ob man seine Politik mochte oder nicht, es ist eine große Tragödie und ein Anlass großer Trauer. Ich habe in den russischen Medien gelesen, dass viele Moskauer Blumen vor der polnischen Botschaft niedergelegt haben.“ Zwei Facebook-Gruppen sind ins Leben gerufen worden: eine, um Lech Kaczyñski zu gedenken, eine weitere als ein Forum für Beileidsbekundungen. Menschen aller Nationen zeigen dort ihr Mitgefühl mit der polnischen Nation. Polnische Facebook-Nutzer hinterlassen ihre Gebete auf der Wall der Gruppe. Ähnliche Foren sind auf den Internetseiten der meisten nationalen Zeitungen geschaffen worden. „Jeder empfindet das Bedürfnis, diesen Vorfall mit anderen zu diskutieren“, sagt Joanna. „Es ist schwer, die grauenvolle Realität zu begreifen.“