Politik

Junge Griechen, wie geht es euch?

Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2015
Artikel veröffentlicht am 29. Juni 2015

Nach der Hiobsbotschaft vom Wochenende, Griechenland könnte die Eurozone verlassen, haben wir jungen Griechen folgende Frage gestellt: Wie geht es euch eigentlich zwischen Panikmache und geschlossenen Banken vor dem Referendum über die neuesten Brüsseler Sparauflagen am 5. Juli?

Virginia, 32, Paris

"Ich bin heute enttäuscht, frustiert, ziemlich perplex und natürlich traurig. Niemand weiß nun mehr, wie die Dinge morgen aussehen werden. Geschweige denn nächste Woche, das ist schon ein ziemlich komisches Gefühl. Nach all diesen Jahren der (wirtschaftlichen, politischen und sozialen) Krise, ist dies wohl der erste Moment, in dem ich wirklich Schiss habe, dass wir nicht mehr Teil Europas sein werden. Nicht der Eurozone, Europas. C'est grave!"

Yiannis, 30 Jahre, Athen

"Ich bin verwirrt, unterbewusst besorgt, gleichzeitig gehe ich aber auch ziemlich nüchtern an die Sache heran. Es geht letztendlich darum, was für ein Europa wir uns wünschen. Vor allem finde ich es alarmierend, dass trotz der gegebenen Volksabstimmungsfrage für bzw. gegen die Auflagen der Institutionen, von Brüssel/ Berlin eine durchaus andere Schlussfolgerung der Realität aufoktroyiert wird, nämlich die des Verbleibes im Euroraum. Der Alltag in Athen ist aber besorgniserregender als auf dem Lande, etwa auf der Insel Korfu. Gestern habe ich mit einem Freund dort telefoniert und ers agte, dass es dort keine Warteschlangen vor Bankautomaten gibt."

 

Nikos, Kalamata

"Ich habe gemischte Gefühle. Um es wirklich ganz klar zu machen, würde ich sagen: Ich bin zu 50 prozent richtig wütend, zu 40 Prozent stolz und zu 10% enttäuscht. Harte Zeiten für Europa!"

Konstantinos, 32 Jahre, Brüssel

"Seit diesem Wochenende, an dem die Nachricht über das Referendum bekannt wurde, sind wir alle in einem ziemlich krassen mentalen Zustand. Wir machen uns weniger Sorgen um uns selbst, als Expats im Ausland, dafür aber um unsere Eltern und Geschwister, die zurückbleiben. Ich bin ziemlich deprimiert, es scheint aber keinen anderen Ausweg zu geben. Den ganzen Tag sind meine Gedanken bei meiner Verwandtschaft in Griechenland. Ich kann mich kaum auf die Arbeit konzentrieren. Ich rufe so ziemlich alle zwei, drei Stunden an, um zu hören, ob es etwas Neues gibt."

 

 

Christina, 29 Jahre, Athen

"Es ist eine wirklich hektische Woche in Athen. In den Nachrichten sieht man Menschen, die vor Geldautomaten oder an Tankstellen Schlange stehen. Medien und viele der politischen Parteien scheinen sich regelrecht vorgenommen zu haben, uns Leute zu stressen und uns Angst einzuflößen. Leute kaufen und bezahlen nichts mehr. Aber persönlich mache ich mir keine Sorgen. Ich schaue die Nachrichten, spreche mit anderen Leuten und versuche ruhig zu bleiben. Und ich werde im Referendum am Sonntag mit 'nein' stimmen. Ich bevorzuge eine sehr harte Zeit, die auf uns außerhalb der Eurozone zukommen würde, als diesen Endloskampf mit der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds."

Yiannis, Athen

"Seit Freitagabend, als Tsipras das Referendum angekündigt hat, bin ich ziemlich aufgeregt, da wir Griechen die Möglichkeit haben werden, unsere Prioritäten selbst zu wählen. Das Nein würde mehr soziale und nationale Unabhängigkeit bedeuten, auch wenn wir Griechenlands Platz in der Eurozone opfern müssten, weil Europa von einer konservativen Austeritätspolitik gegängelt wird. Das Ja würde bedeuten, wir wollen um jeden Preis in der Eurozone bleiben. Einen einfachen Weg gibt es nicht. Ich werde trotzdem mit 'nein' stimmen und weiter gegen das Spardiktat kämpfen. Gerade wird Geschichte geschrieben und ich bin froh, ein Teil davon zu sein."  

Alexandros, 35 Jahre, Athen

"Die Situation macht mich traurig. Einerseits wurde die Union zu schnell und ohne Vertrauen zwischen ihren Mitgliedern gegründet. Das ist wie ein Pakt zwischen Fremden, die sich noch ziemlich deutlich an die Ereignisse des letzten Jahrhunderts erinnern. Auf der anderen Seite steht die Union dafür, wie wir mit der Gegenwart umgehen und versuchen, sie besser zu machen. Ein Grexit ist für mich aus vielerlei Gründen nicht wünschenswert. Wir müssten in völlig unbekannten Wassern schwimmen. Und Unsicherheit ist die Schwester der Angst - die will keiner. Als ich am Freitag vom Referendum hörte, war meine erste emotionale Reaktion das 'Nein'. Doch ab Montag, als uns Kapitalkontrollen aufgezwungen wurden, dachte ich mir, irgendwas läuft doch schief. Die Leute hier und die Regierung wollen einen besseren Deal mit den Institutionen, um auf keinen Fall den Grexit zu riskieren. Bisher dachte ich auch immer, wir sitzen krisentechnisch irgendwie alle zusammen in einem Boot. Aber diese Isolierung macht mich fertig, das ist schon deprimierend und macht ziemlich Angst, nicht nur auf lange Sicht, sondern auch für die Gegenwart."

Eleni, 30 Jahre, Paris 

"Ich lebe in Frankreich und seit mehreren Tagen sprechen die Menschen hier viel über Griechenland: von der Möglichkeit eines Grexit, der die Börsenkurse einstürzen lässt oder von der Kapitalkontrolle, die die griechische Regierung seit Montag angeordnet hat. Aber man spricht nicht über die Griechen. Die Griechen sind wie alle anderen europäischen Völker auch. Sie sind nicht die besten, aber auch nicht die schlimmsten. Auch sie müssen leben, träumen, hoffen, lachen dürfen. Sie wollen Verantwortung übernehmen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Aber sie fühlen sich völlig orientierungslos. Diesen Sonntag werden sie an die Urnen gehen und sich zum ersten Mal seit 1974 im Rahmen eines Referendums äußern. Und während sie sich den Kopf darüber zerbrechen, ob sie nun mit ja oder nein stimmen sollen, und versuchen, nicht in Panik zu verfallen, zu der auch die Medien beitragen, stimmen immer mehr in den gleichen Tenor ein. Und der klingt in etwa so: egal wie die Sache ausgeht, es gibt keine Hoffnung in die Zukunft und es wird keinen Sieg zu feiern geben.“