Politik

Jorge Sampaio: Ein bescheidener Kämpfer

Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2007
Artikel veröffentlicht am 2. Februar 2007
Der ehemalige Präsident Portugals, Jorge Sampaio, ist ein überzeugter Europäer. Dennoch sagt er, dass es Europa an Rhythmus fehle.

"Da gibt es wohl einen Fehler. Wir haben niemanden unter diesem Namen, es sei denn er hat mit einem anderen Namen eingecheckt." Die Empfangsdame des Brüsseler Nobelhotels schaut mich mit einem zweifelnden Blick an. Ob Jorge Sampaio unter Pseudonymen auftritt? Nach einer Minute des Zweifelns finde ich den ehemaligen Präsidenten Portugals schließlich vor einer Tasse Kaffee sitzen. Ein Kronleuchter funkelt über ihm. Ich setzte mich zu ihm, halte jedoch auf der schrägen Sitzfläche nur schwer das Gleichgewicht.

Europäischer Traum auf Portugiesisch

Jorge Sampaio ist heute 68 Jahre alt. Seine politische Karriere begann „ein bisschen per Zufall” 1960 in Portugal. Er war Mitglied einer Studentenorganisation im Widerstand gegen die Salazar-Diktatur, als er mit 21 Jahren Generalsekretär der Föderation der Studentenbewegungen wurde.

„Ich fühlte mich immer schon als Europäer”, betont Sampaio. „Meine Mutter ist in England aufgewachsen, mein Vater hat 1948 in den USA und später in Großbritannien Medizin studiert. Trotz Zensur der Lisabonner Regierung war ich stets von französischer Kultur umgeben; dank den Büchern von Maspero und den Zeitschriftenabos, wie zum Beispiel das von „Esprit, „Temps Modernes, oder Servan-Schreibers „L’Express. Die Zeitschriften wurden mit anderen Zeitungen umhüllt, damit sie nicht von der Polizei beschlagnahmt wurden.”

Noch vor der so genannten Nelkenrevolution im Jahr 1974, „hatte Portugal längst angefangen, sich zu ändern”, erinnert sich Sampaio. „Die Emigration der 60er Jahre! – aus Frankreich kamen die Mädchen zurück um hier ihre Ferien zu verbringen. Sie trugen Jeans und gingen so in Kneipen. Und das in einer Welt, die bis dahin noch ausschließlich von Männern dominiert wurde. Das hatte sich geändert! Es gab so viele andere Welten zu entdecken!”

Zwischen 1965 und 1974 arbeitet Jorge Sampaio als Rechtsanwalt und verteidigt politische Gefangene. Es handelte sich hauptsächlich um Gegner des Afrikakriegs zwischen Angola und Mosambik, bei denen jedoch meist das Urteil im Voraus schon gefällt worden war. 1974 wurde die Diktatur gestürzt. Der europäische Traum breitete sich in einem Portugal aus, dessen Wirtschaft bis dahin durch Kolonialkriege und die massive Emigration in Richtung Frankreich und Deutschland ausgeblutet war. „Portugal schuldet Europa viel, aber es hat ihm auch viel gegeben. Überall, sogar in Indien, leben Portugiesen, die perfekt integriert sind.“

1978 tritt Jorge Sampaio der sozialistischen Partei bei und wird Abgeordneter. 1989 wird er zum Bürgermeister Lisabons gewählt. Von 1996 bis 2006 ist er Präsident Portugals. In den zehn Jahren an der Spitze des Landes war der frühere Rechtsanwalt einigen Stürmen ausgesetzt, da ihm eine absolute Mehrheit im Parlament fehlte.

„Europa ist der einzige Weg“

„Ja, es gefällt mir, mich als einen bescheidenen Kämpfer Europas zu sehen.“ Sampaio hält kurz inne, bevor er weiter spricht. „Ich fühle mich immer mehr als Portugiese.“ Mit der Strenge eines Präsidenten betont er, dass „Europa ohne die Nationen nicht funktioniert. Das Vorgehen ist vielleicht gemeinschaftlich, die Verantwortung liegt aber bei jedem Land selbst.“

Mit wachem Auge verfolgt Jorge Sampaio die Arbeit der europäischen Kommission, der sein Landsmann und früherer Premierminister José Manuel Barroso vorsteht. Eine Institution, die vor Krisen nicht sicher ist: das steigende Misstrauen der Europäer, die aufeinander folgenden EU-Erweiterungen oder die Frage des Türkeibeitritts. „Wir brauchen Fortschritt und Innovation und müssen wieder in die Zukunft vertrauen. Es gibt heute eine wirkliche politische Krise in Europa.“ Sampaio lebt plötzlich auf: er trommelt ungeduldig mit seinen Fingern auf den Tisch. „Europa ist der einzige Weg, das wird viel zu wenig betont.”

In den Augen des ehemaligen Präsidenten fehlt es Europa an Selbstbewusstsein. Erst gestern ist er aus Indien zurückgekehrt und hat dort bemerkt, dass Europa in anderen Ländern Bewunderung hervorruft. Das „Nein” der Franzosen und der Niederländer zu dem europäischen Verfassungsvertrag wird oft als eine direkte Folge der EU-Erweiterung von 2004 gesehen. „Man hätte vielleicht etwas vorsichtiger sein müssen, aber es war von einem rein historischen Standpunkt her einfach nicht möglich, die Länder des alten Sowjetblocks zu verschiedenen Zeitpunkten der EU beitreten zu lassen.”

Um mit dem europäischen Verfassungsvertrag vorwärts zu kommen, muss seiner Meinung nach ein Konsens gefunden werden. Ein Minivertrag könnte ein möglicher Ausweg sein, auch wenn es wahrscheinlicher ist, dass sich die Kooperationen künftig in zukunftsträchtigen Bereichen vertiefen werden. Man muss voranschreiten, auch wenn die „impliziten Führer“ Frankreich, Deutschland und England nicht einer Meinung sind. Das war bereits bei der Gemeinschaftswährung der Fall.

„Politiker brauchen pädagogisches Geschick“

Das Thema Türkei und die Entscheidung des Europäischen Rats, die Beitrittsverhandlungen in acht von 31 Kapiteln auszusetzen, „betrübt“ Jorge Sampaio. Der Beitritt Ankaras sei aus strategischer, demografischer und wirtschaftlicher Sicht vielversprechend. „Man könnte glauben, dass die Türkei alles macht um der EU beizutreten, aber für die türkische Regierung ist die Zypernfrage eine rein nationale Frage“, erklärt er.

Europa befindet sich also in einer Situation des Übergangs. Für Jorge Sampaio ist es unmöglich, aufzuhören. Man muss „weiter machen und die Zukunft vorbereiten, anspruchsvoll sein, und die Europäer mit Mitteln ausstatten, damit sie den neuen Anforderungen gerecht werden können.“ Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltfragen sind global und treffen das Nationalbewusstsein, eben weil sie eine „gemeinsame“ Lösung erfordern. Es wird Zeit, dass Politiker „pädagogisches Geschick“ an den Tag legen und eine „militante Haltung“ einnehmen.

Seit zwei Jahren ist Sampaio als Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen im Kampf gegen die Tuberkulose unterwegs und engagiert sich zudem für Kampagnen gegen Aids. Der ehemalige Präsident eilt pausenlos und mit großen Schritten durch die Welt. „Europa fehlt es an Rhythmus”, sagt er. – Gerade im Vergleich zu Indien, wo die Arbeitsstunden nicht gezählt würden und der Unternehmergeist noch lebe. „Ich glaube an das europäische Modell, an unsere Werte, an unsere Kulturen, die alle verschieden sind. Was für ein Glück das ist! Europa ist eine Lobrede auf die Unterschiede, die gemeinsam einen Regenschirm über ihre Köpfe halten.“