Politik

Ist der Euro schuld?

Artikel veröffentlicht am 26. März 2008
Im Magazin veröffentlicht
Artikel veröffentlicht am 26. März 2008
In ganz Europa steigen die Preise. Der Euro wird kritisch unter die Lupe genommen. Aber wer ist wirklich Schuld daran, dass das Leben in Europa immer teurer wird?

Während die Preise alle Dimensionen sprengen, wird der Euro im Vergleich zum US-Dollar immer stärker und hat bereits die symbolische Marke von $1,50 passiert. Es ist beunruhigend, fast beängstigend. Trotzdem scheint die Europäische Zentralbank (EZB) nicht dazu bereit zu sein, den Leitzins zu senken. Politiker geben dem starken Euro oft die Schuld am schwächelnden Wachstum. Einige europäische Staaten machen Europa, womit sich die EZB logischerweise identifiziert, für eigene wirtschaftliche Probleme verantwortlich. Aber teilweise zu Unrecht.

(Wfabry/flickr)

Natürliche Einflüsse

Bevor das Augenmerk jedoch auf die geradezu perversen Auswirkungen des starken Euro gelegt wird, muss eine Anzahl Faktoren beachtet werden. Zunächst haben einige natürliche Elemente Einfluss auf den Anstieg von Preisen für Rohstoffe und Nahrungsmittel. So unterliegt zum Beispiel die Förderung von natürlichen, nicht erneuerbaren Ressourcen, wie Erdöl, der Verantwortung der OPEC-Länder (Organisation Erdöl exportierender Länder). Diese können wiederum die Förderungsmengen erhöhen, lehnen dies aber ab, was maßgeblich den Schwindel erregenden Preis des Barrels beeinflusst.

Zudem hatte eine Trockenzeit, mit der australische Bauern im Jahr 2006 zu kämpfen hatten, entscheidend zum weltweiten Rückgang von Getreideprodukten beigetragen, was wiederum steigende Preise beim Handel mit Getreide bedeutete. Weitere Gründe sind die explodierende Nachfrage aus 'wirtschaftlich erwachenden' Ländern und der weltweite Bevölkerungsanstieg. Letztendlich ist es aber der undurchsichtige Druck, den Spekulanten - besonders an der Chicagoer Börse - ausüben. Hier werden die Preise für Getreide verhandelt.

Nationale Eigenheiten

Aber auch Eigenheiten der nationalen Märkte müssen beachtet werden. Wenn sie nicht wären, wie ließe sich die Tatsache erklären, dass die Preise in Deutschland weniger schnell ansteigen als in Frankreich? Wie erklärt sich bei einem Anstieg des Milchpreises um 20 Prozent ein doppelter Anstieg des Preises für Joghurt bestimmter Marken um 40 Prozent? Scheinbar stehen inländische Strukturen, besonders Großhandelsunternehmen, Preiserhöhungen durchaus positiv gegenüber. Unter diesem Gesichtspunkt hat der französische Premier François Fillon entschieden, eine große Untersuchung der praktizierten Preisbildung der Händler in die Wege zu leiten. Er sagt diesem 'Missbrauch' durch die Einzelhandelsriesen, die sich mit Hilfe des 'Loi Galland' (Regelung zwischen Einzelhandelsriesen und Zulieferern, A.d.R.) und großer Gewinnspannen in die eigene Tasche arbeiten, den Kampf an.

"Wie kommt es dazu, dass der französische Markt bei Nahrungsmitteln zwischen 5 und 30 Prozent teurer ist als andere europäische Märkte?", fragte sich Fillon in seiner Rede vom 25. Februar im Hôtel Matignon. Am 29. Februar erklärte er in der kleinen Stadt Blois, dass die ersten Schlüsse, die durch die Untersuchung gezogen werden könnten, "extreme Unmäßigkeiten aufdecken", was den Bereich der Industrie und der Großunternehmer betrifft. Die Europäische Kommission verzeichnet ebenso einen "unrechtmäßigen" Anstieg der Lebensmittelpreise und erklärt, es läge im Zuständigkeitsbereich der nationalen Behörden, sich nun selbst mit eventuellen Absprachen der Handelsketten zu befassen und Strafen zu verhängen.

Die Löhne stagnieren

Auch wenn der Euro für die sinkende Kaufkraft verantwortlich sein soll, so ist er nicht der einzige Übeltäter. Er könnte sogar vorteilhaft für sein, da er beispielsweise die Benzinpreise dämpft. Inwiefern stellt dann der starke Euro ein Problem für die europäische Wirtschaft dar?

Die Abschwächung der Kaufkraft erklärt sich nicht nur durch den Preisanstieg. Sie könnte auch auf Grund des stetigen Absinkens oder der Stagnation des Lohnniveaus eingetreten sein. Der Euro ist in diesem Vorgang nicht ganz unschuldig. Der starke Euro spielt eine negative Rolle beim Export, da einheimische Güter den Rest der Welt teureres Geld kosten als Güter in US-Dollar. In diesem Zusammenhang ist es für europäische Unternehmen schwierig, sich auf dem internationalen Markt zu etablieren.

Verhängnisvoll für Wachstum und Lohnniveau

Gewisse europäische Wirtschaften scheinen jedoch gut davon zu kommen. So ist Deutschland Exportweltmeister! Nicht alle europäischen Länder sind somit von einem schwachen Wachstum betroffen. Einige verzeichnen sogar eine starke wirtschaftliche Dynamik, wie Irland zum Beispiel.

Die Debatte über die Finanzpolitik der EZB und über die Probleme des "Policy-Mix" beginnt von Neuem. Über die Fragen der Kaufkraft hinaus bleibt nun eine ernsthafte Diskussion zu führen. Und zwar über die Koordinierung und Einigkeit der Wirtschafts- und Finanzpolitiker in Europa.