Politik

Inflation: 'Die Ost/West - Preiskonvergenz wird wohl noch 20 Jahre auf sich warten lassen'

Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2007
Artikel veröffentlicht am 20. Juli 2007
Die Europäer haben unisono den Eindruck, dass die Preise gestiegen sind. Wie sieht es aber in der Realität mit der Inflation in der Eurozone aus?

Am 16. Juli wird das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften, Eurostat, wie jeden Monat, die Zahlen zur Inflation in Europa für den Monat Juni 2007 veröffentlichen. Eine Gelegenheit zu überprüfen, ob der Eindruck einer Preissteigerung der Wirklichkeit entspricht. Philippe Waechter, Direktor der Abteilung Wirtschaftsforschung bei „Natixis Asset Management“ und regelmäßiger Berater der internationalen Finanzpresse, analysiert das Phänomen.

Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, die Inflation unter Kontrolle zu halten?

Die Aufgaben der Europäischen Zentralbank (EZB) drehen sich um die systematische Kontrolle der Inflation. Und vor allem darum, starke Schwankungen in der Wirtschaftskonjunktur zu verhindern. Der Präsident der EZB, Jean-Claude Trichet, vereint jedoch zwei verschiedene Handlungsstrategien. Nach außen vertritt die EZB eine anti-inflationäre Politik. In Wirklichkeit ist das Augenmerk der Bank jedoch auf das Wirtschaftsgeschehen gerichtet: Wachstum des BIP, Konsum, Investitionen. Auch die Finanzmärkte scheinen sich hauptsächlich um die Inflation zu sorgen. Ihr tats¨chliches Interesse gilt jedoch der wirtschaftlichen Eigendynamik. Wenn man sich außerdem die aktuellen Tendenzen der Preisentwicklungen ansieht, muss man sich keinerlei Sorgen machen. Eine Detailanalyse des Verbraucherpreisindexes zeigt, dass die Mieten und Lebensmittelpreise langsamer ansteigen. Trotz einer leichten Verbesserung der Arbeitsmarktverhältnisse, sind die Lohnstückkosten stabil. Es gibt also keine starken und dauerhaften Faktoren für einen Anstieg der Inflation.

Käme den westeuropäischen Staaten eine starke Inflation in den Ländern Osteuropas gelegen?

Die osteuropäischen Staaten befinden sich zur Zeit in einer Aufholphase. Sie sind im Allgemeinen dynamischerals die Länder Westeuropas. Diese Entwicklungsphase schlägt sich selbstverständlich in einem deutlicheren Wirtschaftswachstum und einem Anstieg der Löhne und Gehälter nieder. Es ist also ganz natürlich, dass man in diesen Staaten eine höhere Inflation feststellt.

Für wann erwarten Sie eine Angleichung der Preise zwischen Ost- und Westeuropa?

Dieser Prozess wird sich sicher noch sehr lang hinziehen. Wenn man auf das Problem der Angleichung zu sprechen kommt, muss man Zeitspannen berücksichtigen, die von Land zu Land verschieden sind. Man muss mit ungefähr 5 Jahren in den Ländern rechnen, deren wirtschaftliche Bedingungen günstig sind, und mit bis zu 15 oder 20 Jahren in den anderen Staaten. Es dauert sehr lange, eine Konvergenz zu etablieren. Betrachtet man beispielsweise den spanischen Fall, so stellt man fest, dass sich die Anpassung zwischen 1986 und 1996 sehr langsam vollzog. Gegen Ende der 90er Jahre bis zum heutigen Tage hat Spanien jedoch rasant zugelegt.

Haste mal'n Euro?

Mit 1 Euro kommt man im Jahr 2007 nicht weit. Im bescheidenen Ungarn können wir damit lediglich 1 Liter Milch kaufen (ebenso wie Milch und Bier in Italien), während wir uns in Spanien und Frankreich mit 3 oder 2 Litern erfrischen können. Die einfache Fahrkarte ist von Land zu Land etwa gleich teuer. Kurios ist, dass man für den Preis eines Kondoms in Deutschland oder Italien, in Frankreich bis zu fünf Stück kaufen kann. Preisvergleich:

Mit einem Euro in der Tasche kann man in Europa Folgendes kaufen:

In Ungarn: 1 Bier/ 0,5 l Cola/ 1 Liter Milch/ 1 Eis/ 1 Metroticket 1 Duschgel/ 1 Cheeseburger/ 10 Eier

In Portugal: 1 Tageszeitung/ 1 Kaffee/ 1 Metroticket/ 1 gebrauchtes Buch/ 4 Taschentuchpackungen/ 14 Fotokopien/ 30 Minuten Internet

In Spanien: 1 Tageszeitung/ 1 Kaffee/ 1 Metroticket/ 2 Brötchen/ 20 Fotokopien/ 6 Eier / 3 Liter Milch/ 2 Kondome/ 30 Minuten Internet/ 1 Liter Benzin

In Deutschland: 1 Kebab/ 2 Kugeln italienisches Eis/ 1 Liter Benzin/ 1 günstigen Schokoriegel/ 3 Brötchen/ nicht einmal 1 Kondom

In Frankreich: 1 Baguette/ 1 Napolitaner (Kuchen)/ 15 Minuten Internet/ 5 Fotokopien/ 5 Kondome/ 1 Paket Kaugummi/ 2 Liter Milch/ 6 Eier

In Italien: 1 Kaffee/ 1 Liter Milch/ 10 Fotokopien/ 1 Kondom/ 1 Eis

In Holland: 2 Runden Flipper/ 4 Bananen/ 2 Kaffee aus dem Automaten/ 5 Fotokopien

Autor: Fernando Navarro Sordo (Paris)

Übersetzung: Julia-Carolin Brachem