Politik

Hassaan bin Shaheen: "Europa muss sich für seine Werte einsetzen"

Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 12. Mai 2014

Unter den Diskussionsteilnehmern von "A Dispute over Europe" am 2. Mai 2014 waren nicht nur europäische Schwergewichte. Im Panel "The Idea of Europe - Next Generation" diskutierten fünf junge Studenten, Journalisten und Philosophen darüber, was Europa heute ist oder sein sollte. Einer von ihnen war Hassaan bin Shaheen, Aktivist und Jurastudent aus Pakistan

Was be­deu­tet es, seine Mei­nung frei äu­ßern zu kön­nen, kaum Vi­sumsbestimmungen zu un­ter­lie­gen und das Recht zu haben, genau das Leben zu leben, das einem gefällt? Als Pakistani an der Uni­ver­si­ty of Lon­don kann Has­sa­an bin Shahe­en den Eu­ro­pä­ern so ei­ni­ges erzählen über die un­glaub­li­chen Frei­hei­ten, die sie ge­nie­ßen - und die sie doch so oft zu vergessen scheinen. Has­sa­an, der als po­li­ti­scher und ju­ris­ti­scher Be­ra­ter ar­bei­tet, ist an meh­re­ren po­li­ti­schen Forschungspro­jek­ten be­tei­ligt und hat einen De­bat­tier­club in Ka­ra­chi ge­grün­det. 

Cafébabel: Has­saan, du be­haup­test, dass Eu­ro­pä­er auf einer Gold­ader sit­zen, ohne es zu be­mer­ken. Was meinst du damit?

Has­saan Bin Sha­heen: Ich komme aus Pa­kis­tan und das be­deu­tet, dass es auf der gan­zen Welt nur sechs Län­der gibt, in die ich ohne Visum rei­sen kann. Selbst wenn ich in­ner­halb die­ser sechs Län­der blei­be, wird man mir viele Fra­gen stel­len. Die Mo­bi­li­tät, die ihr in Europa ge­nießt, und die damit verbundene Mög­lich­keit, un­ter­schied­liche Men­schen zu tref­fen und nicht be­grenzt zu sein in den ei­ge­nen Potentialen, sind au­ßer­ge­wöhn­lich. Eu­ro­pä­er haben die Freiheit, ihre Iden­ti­tät und Zu­kunft ge­nau­so zu ge­stal­ten, wie sie wol­len. Trotz­dem gibt es hier so viele Leute, die das kri­ti­sie­ren oder sich be­schwe­ren. Das mag zwar für die Ent­wick­lung Eu­ro­pas wich­tig sein, aber man soll­te auch nicht vergessen, dass an­de­re Men­schen - wie zum Bei­spiel ich - diese Frei­hei­ten nicht haben. 

Cafébabel: Warum sind sich junge Eu­ro­pä­er die­ser Frei­heit so sel­ten be­wusst?

Has­saan bin Sha­heen: Ich denke, das liegt ein­fach daran, dass der Ver­gleich fehlt. Ich will ja, dass ihr Eu­ro­pä­er es ein­fach habt, aber im Ver­gleich zu den Kämp­fen, die Ju­gend­li­che in Pa­kis­tan und In­di­en aus­zu­fech­ten haben, sind die Pro­ble­me der eu­ro­päi­schen Ju­gend bei Wei­tem we­ni­ger ex­trem. Eu­ro­pä­er schei­nen oft nicht zu wis­sen, dass Men­schen in an­de­ren Erd­tei­len für diese Frei­hei­ten kämp­fen und manchmal sogar ster­ben wür­den. 

Cafébabel: Soll­te Eu­ro­pa in Bezug auf diese "Frei­heits­kämp­fe" häuf­ger eine Vor­bild­funk­ti­on annehmen und sich ver­bind­li­cher en­ga­gie­ren?

Has­saan bin Sha­heen: Ich per­sön­lich bin total dafür, aber meine An­sich­ten sind natürlich nicht die der meisten Pakistanis. Die würden das eher für eine Form von Im­pe­ria­lis­mus hal­ten. Trotz­dem gibt es an­de­re, nicht-im­pe­ria­lis­ti­sche Wege, sich zu en­ga­gie­ren. Man muss nicht aktiv ein­grei­fen, son­dern kann auch Part­ner­schaf­ten oder Kooperationen mit Re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen vor Ort ein­ge­hen, Ent­wick­lungs­hil­fe oder In­ves­ti­tio­nen aus dem Aus­land in be­stimm­te Län­der lei­ten. Ich finde, dass Eu­ro­pa sich in diesem Bereich mehr ein­set­zen soll­te. Ihr habt lang genug für das ge­kämpft, was ihr jetzt habt. Wenn die Kräf­te des Bösen dich di­rekt an­grei­fen, gibt es kei­nen Grund, sich auf dem Rücksitz zu verstecken. 

Cafébabel: Du bist einer der Grün­der von "The De­ba­ting Cir­cuit". Lei­det die pa­kis­ta­ni­sche Ju­gend eben­so wie die eu­ro­päi­sche an politischer Apa­thie und fehlender Engagementbereitschaft?

Has­saan bin Sha­heen: Ich glau­be, Ju­gend­li­che auf der gan­zen Welt sind ziem­lich apa­thisch. Wäh­rend mei­nes Stu­di­ums an der Uni­ver­si­ty of Lon­don habe ich tolle Leute ge­trof­fen, die sich sehr aktiv für die Dinge ein­ge­setzt haben, die ihnen wich­tig waren. Aber es gab na­tür­lich ge­nau­so viele, die ein­fach nur Spaß haben woll­ten. Das glei­che gilt für Pa­kis­tan. In Eu­ro­pa ist es aber leich­ter, Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren, weil man hier schnell die so­for­ti­gen Aus­wir­kun­gen sehen kann. In Pa­kis­tan braucht es mehr An­stren­gung und dau­ert viel län­ger, Ver­än­de­run­gen durch­zu­set­zen. 

Cafébabel: Was hat dich auf die Idee ge­bracht, einen De­bat­tier­club zu grün­den?

Has­saan bin Sha­heen: Die Idee ent­stammt der bri­ti­schen Tra­di­ti­on des par­la­men­ta­ri­schen De­bat­tie­rens, das in Pa­kis­tan sehr be­liebt ist. Als ich an­ge­fan­gen habe, war ich sehr schlecht, aber mein Freund Ehab An­sa­ri konn­te das viel bes­ser. Un­se­re Uni­ver­si­tä­ten haben das Pro­jekt nicht wirk­lich un­ter­stützt, des­we­gen haben wir be­schlos­sen, die Sache al­lein durch­zu­zie­hen. Zuerst haben wir im Se­cond Floor Café (t2f) von Sabe­en Mahmud­ einen Ort für unsere Treffen gefunden, dann habe ich in Karachi herumtelefoniert - die übliche Vertretermasche also. Am Ende wollten eine Menge Leute mitmachen. Seit der Gründung des De­bat­ing Cir­cuit im Sep­tem­ber 2012 haben wir über 35 Übungssessions organisiert und Workshops in Bevölkerungsgruppen durchgeführt, die von Extremisten gezielt benutzt werden. Wir haben das Debattieren benutzt, um ihnen kritisches Denken beizubringen. Mein persönliches Ziel ist es, diese Arbeit Vollzeit zu machen. 

Cafébabel: Die Diskussionsrunden beim "Dispute over Europe" wurden alle von Männern dominiert. Wie viele Mädchen machen beim "Debating Circuit" mit?

Has­saan bin Sha­heen: Der Prozentsatz ist natürlich sehr niedrig, aber Frauen sind definitiv dabei, stärker zu werden. Um ehrlich zu sein, reden wir im Westen immer davon, dass die goldene Ära des Feminismus vorbei und das Patriarchat tot sei. Ich glaube aber, dass das Patriarchat noch sehr lebendig ist - in Pakistan natürlich noch viel mehr! Aber wir lesen eure Literatur, sehen eure Filme, kommen in Kontakt mit euren Werten. Die Dinge ändern sich, wenn auch langsam. Auch in diesem Fall gilt, dass der Westen eine aktivere Rolle annehmen und seine Werte verteidigen sollte. 

Cafébabel: Du sagst, dass es nicht genug sei zu reden, sondern man auch handeln müsse. Sind Europäer vielleicht zu gut im Reden?

Has­saan bin Sha­heen: Das gilt wahrscheinlich für jedes Land auf dieser Welt, Europa ist in diesem Zusammenhang keine Ausnahme. Eines der größten Probleme in Pakistan ist es, dass alle so gut im Reden sind! Aber im Westen erkenne ich eine Art Besessenheit, wenn es darum geht, eine allgemeine Öffentlichkeit zu schaffen und den Diskurs zu fördern. Es stimmt, Diskussionen sind wichtig, aber sie müssen auch zu etwas führen. Europa ist allen anderen Meilen voraus, wenn es darum geht zu diskutieren, aber es sollte auch eine aktive Rolle einnehmen, wenn es darum geht, diese Diskussionen in konkretes Handeln umzusetzen. Ich klinge fast wie ein Marxist, wenn ich sage, dass wir die Welt verändern müssen! (lacht) Aber der Punkt ist doch, dass wir wirklich die Welt verändern müssen und dass bloßes Reden im Endeffekt wirklich zu einfach ist. 

CAFÉBABEL BER­LIN STREI­TET ÜBER EU­RO­PA

Cafébabel Ber­lin ist of­fi­zi­el­ler Me­di­en­part­ner von A Dis­pu­te over Eu­ro­pe. Ab dem 2. Mai 2014 könnt ihr hier In­ter­es­san­tes vom Kon­gress und In­ter­views mit den Pa­nel­teil­neh­mern lesen. Mehr Up­dates gibt es auf Face­book und Twit­ter