Politik

Großbritannien-EU: Geständnisse eines wütenden Liberaldemokraten

Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2012
Wird Großbritannien nach dem 'Nein' zur Fiskalunion im Dezember 2011 eine Art Schweiz mit Wassergraben in Europa? Ein britischer Libdem empört sich über die Abschottung der Insel vom europäischen Kontinent.

Geben Sie “What Defines an English Person” bei google ein und schauen Sie sich die ersten Suchergebnisse an: So unbeliebt sind wir Engländer geworden, insbesondere nachdem Großbritannien sich entschloss, sich dem neuen EU-Vertrag zur Regulierung des Finanzsystems nicht anzuschließen. Das Thema Europa hat das ursprünglich zweiköpfige Monster namens „Clammeron“ [aus Clegg und Cameron; A.d.R.] gespalten. Die britische Regierung, geführt von Conservatives-Premier David Cameron und seinem Libdem-Stellvertreter Nick Clegg, wurde durch eisernes Garn eines politischen Notstands gestrickt.

Die eine Hälfte von “Clammeron” ist eine politische Eidechse, hervorgebracht aus der bürgerlichen Mitte Großbritanniens, um der konservativen Partei zu dienen. Sein Name: David Cameron, der mit hervorragenden Noten in Philosophie, Politik und Wirtschaft an der Oxford Universität abschloss. Die andere Hälfte von „Clammeron“ ist ein sanfter Mann, der die Liberaldemokraten so nah an einen Sieg heranbrachte, wie es ihnen seit den 1920er Jahren nicht gelang. Sein Name: Nick Clegg, der sechs europäische Sprachen spricht. Beide sind intelligent. Vermutlich jedenfalls.

Clammeron geht nach Europa 

Die Wahlen in Großbritannien, in denen Cameron und Clegg sich erstmals zu „Clammeron“ vereinigten, verschafften weder der einen noch der anderen Partei 2010 eine Mehrheit. Die verwirrten Europäer wunderten sich darüber nicht – umso mehr jedoch die Briten. Anstatt zeitweise aus einer Art Hassliebe heraus zusammen zu arbeiten, vereinten sich die Parteiführer am 12. Mai2011 in einer konservativ geführte Koalition mit (pro-europäischen) liberalen Demokraten – das erste Mal seit dem zweiten Weltkrieg. Der Kleinere wurde vom Größeren geschluckt. Liberaldemokratische Grundsätze wie kostenfreies Studium und Wahlreformen gingen im Nebel krisenbedingter Sparmaßnahmen verloren. So auch die Unterstützung der Wähler, die von ca. 23% auf 10% zurückging – Stimmen, die an den Labour-Oppositionsführer Ed Miliband - die un-staatsmännischste Person die es je gab - gingen.

Achtzehn Monate später ging Clammeron nach Europa und legte sein Veto gegen den Versuch die Weltwirtschaft zu retten ein. Damit ging das Duo weiter, als es die Länder Schweden, Dänemark und die Niederlande sorgenvoll antizipiert hatten.

“Er ist ein Isolationspolitiker, der mal auf’s Klo gehen sollte“, sagt der Englischlehrer Ed Russell und bezieht sich dabei auf Berichte, dass Cameron während der Verhandlungen zum EU-Gipfel viel Kaffee trank, aber nicht auf die Toilette ging, um sich besser konzentrieren zu können. Clammerons Kampf für die nationale Souveränität glich „einer Szene aus dem Leben des Brian, in der dieser Kerl das Recht für Männer schwanger zu werden auf die Anforderungsliste setzen wollte“, sagt Elise Katilova, eine Finanzanalystin. Erst danach riss sich Nick Clegg endlich frei, unter Beifall der ermüdeten und traurig gewordenen Menge, die ihn gewählt hatte. Der erste Faden des eisernen Garns sei endlich gelöst worden, jubelten die Liberaldemokraten.

Napoleonisches Dynamit

Unter der Doktrin kollektiver Verantwortlichkeit muss das britische Kabinett einheitlich hinter der Regierungserklärung stehen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss der Minister die Konsequenzen daraus ziehen, dass er keinen Einfluss mehr auf die Politik üben kann. Die bereits schwachen Stimmen im Kabinett, die Europa mögen, verstummen. Sie sprechen sich für die aggressive Verhandlungsstrategie des Premierministers und die Androhung eines Vetos, falls die Franzosen ihren Kreuzzug, den „angelsächsischen Kapitalismus“ (auch bekannt als ökonomischer Liberalismus oder freier Handel, der für die Briten fundamental ist) fortsetzten, und führen nach Innen schauenden, anti-konkurrenzbetonten Protektionismus ein. Aber der Pro-Europa-Anhänger in Großbritannien hatte nicht mit Camerons Nutzlosigkeit in den Verhandlungen mit diesen verdammten Ausländern gerechnet. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy spielte seine Napoleonkarte aus und gewann mit 26 zu 1.

Wer zuletzt lacht...

Cameron fühlt sich im Milieu der Engländer im mittleren Alter, wie Top Gear Darsteller Jeremy Clarkson oder die klägliche News Of The World-Redakteurin Rebecca Wade, wohl. Da er die EU-Verhandlungen verlässt, muss er sich nicht länger mit diesen vielsprachigen, gerissenen Ausländern herumschlagen, die ihn sowieso nicht mögen. Außerdem umgeht er das Europa-Referendum, das ihm versprochen wurde, jedoch seine Partei aufspalten würde. Wäre das Veto eine gute Idee, sollte alles hops gehen? Der Euro könnte immer noch kollabieren. Aber Cameron hat immerhin die britische Bevölkerung hinter sich. In einer Umfrage für die konservative Times unterstützen 52% das Veto. Nur 12% lehnen es ab. Die mächtige britische Yellow Press in Händenw gewiefter Magnaten verkauft ihren Populismus weiterhin gekoppelt mit Fahne hissendem Imperialismus und glorreicher Isolationspolitik.

Hebt die Hand für Europa

Ihr Traum von einem zukünftigen Großbritannien ist die Schweiz mit einem Wassergraben.

Diese Art des faulen Journalismus ist angesichts einer selbstverliebt-inkompetenten, eurokratischen Elite nicht weiter verwunderlich. Vor der Schuldenkrise waren es lediglich die Landbewohner mittleren Alters in Tweed und mit Mundgeruch, die sich öffentlich gegen Europa aussprachen. Ihr Traum von einem zukünftigen Großbritannien ist die Schweiz mit einem Wassergraben.

Pro-europäische Politiker werden von den Medien meistens angegriffen wenn nicht gar geopfert. Wenn nicht stillschweigende Zustimmung, die Dominanz von feindseligen Stories über die EU verursacht Apathie und Neutralität beim Rest von uns. Traurige Zeiten! Falls wir unsere Privilegien wie visafreies Reisen, einen gemeinsamen, europäischen Markt, niederländisches Marihuana oder die spanische Sonne verlieren sollten – wir wären nicht so glücklich.

Seitdem wir der EU im Jahr 1974 beigetreten sind, betrachten wir sie als selbstverständlich. EU-Politik langweilt uns zu Tode, wie überall sonst auch. Das schließt im besonderen Maße Fremdenhasser, die französischen Bordeaux, deutsche Autos und portugiesische Golfplätze mögen, mit ein.

„Euroskeptiker greifen auf ein 'palmerstonisches', goldenes Zeitalter zurück, in dem wir uns von einem undemokratischen, europäischen Festland isolierten, und es uns wirklich gut damit ging“, sagt zusammenfassend Tim MacDonald, ein PR-Berater. „Es ist ein absoluter Mythos, dass diese zwei Deppen glauben, ihre Lektion aus der Boy’s Own Annuals-Fibel in den 1960ern gelernt zu haben. Wir waren immer untrennbar mit dem Rest von Europa verbunden. Das wird sich niemals ändern. Es wäre besser gewesen in den Monaten, denen diese Gespräche vorausgingen, eine funktionale Beziehung mit dem Rest der EU beizubehalten. Cameron hat das nur nicht geschafft, weil er inkompetent ist.“

Übersetzung: Nina King

Illustrationen: Homepage (cc)Boy's Own Annual cover 1929; Im Text 'Clammeron' (cc)The Prime Minister's Office/ flickr; Video (cc) AFP/YouTube