Politik

Glücklicher Zufall: ein Taxi durch Rom

Artikel veröffentlicht am 30. August 2007
Artikel veröffentlicht am 30. August 2007
In der ewigen Stadt zur Rush Hour ein Taxi bestellen, ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Es ist Montagmorgen, 9 Uhr 30. Der Anruf bei fünf Radiotaxi-Unternehmen endet in der Telefon-Warteschleife, die fünfzehn Minuten lang eine irritierende Melodie abspielt. Es findet sich kein Taxi. Besonders wenn man bedenkt, dass ich fünf Minuten vom Zentralbahnhof Termini wohne, ist das ziemlich eigenartig. Kein Wunder, dass im Herbst 2006 gerade Rom von Streiks und Demonstrationen heimgesucht wurde. Anlass des Streiks war der Vorschlag des Ministers für wirtschaftliche Entwicklung, Luigi Bersani, zur Liberalisierung der Vergabe von Taxilizenzen.

Die Lehre des Mohammed

Die Taxifahrer lehnen dies vehement ab. Möglicherweise sind sie auch Teil einer "Kaste", wenn auch weniger mächtig als die Protagonisten aus der zum Bestseller (La casta) gewordenen Studie der italienischen Journalisten Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella. Wie jede andere Gesellschaftsschicht Italiens versuchen sie an ihrem Status Quo festzuhalten. Wenn Mohammed nicht zum Berg geht, muss eben der Berg zu Mohammed kommen. Anstatt mich auf das Radiotaxi zu verlassen, gehe ich zu Fuß zum Piazza Risorgimento, einem stark von Touristen frequentierten Platz zwei Gassen vom Vatikan entfernt.

Diesmal ist es fast zu einfach: Reihenweise stehen die weißen Autos brav hintereinander und warten geduldig auf Kundschaft. Mein Chauffeur heißt Antonio, 32, braungebräunt, jovial. Er arbeitet seit sieben Jahren als Taxifahrer, mehr als acht Stunden täglich. Er ist in dieses Gewerbe hineingeboren - sein Vater fuhr auch schon Taxi - wollte aber nie selbst Taxifahrer werden. Seine Stimme klingt freundlich und ruhig, während aus dem Radio italienische Musik ertönt.

Römisches Chaos

Meine erste Frage kommt ziemlich abrupt. Warum habe ich diesen Morgen nicht einmal ein einziges Taxi gefunden? "Zwischen 7 Uhr 30 und 10 Uhr bricht in Rom das Verkehrschaos aus. Taxis stecken im Stau und es ist praktisch unmöglich, ein freies zu finden." Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es auch am Sonntagabend, wenn am Termini ununterbrochen verschiedene Fernzüge eintreffen, von Taxis wimmelt wie von weißen Mücken. Antonio macht seine Arbeit Spaß, auch wenn er zugibt, dass "er sie nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit" macht. Er spricht Englisch und hört interessiert Touristen zu, die in sein Taxi steigen. "Sie sind schockiert über das Verkehrschaos in dieser Stadt, über die in doppelten Reihen geparkten Autos, über die Fahrverbote, die ignoriert werden, über die Entladung von Lastwagen am hellerlichten Tag."

Durch die Kommentare der ausländischen Fahrgäste, kann er sich vorstellen, wie Rom im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten abschneidet. "In Bezug auf die Organisation bleibt Rom unvergleichbar mit anderen europäischen Städten. Die öffentlichen Verkehrsmittel lassen hier zu wünschen übrig. Es gibt nur zwei U-Bahn-Linien (davon verkehrt eine nur bis 21 Uhr), die Straßen sind verstopft. Für den öffentlichen Nahverkehr vorgesehene Spuren sind selten. Man verbringt Stunden im Stau, ohne die Fahrzeit kalkulieren zu können." Ein ziemlich vernichtendes Urteil, aber gerechterweise muss man zugeben: das Taxigeschäft in der Hauptstadt lebt zum Großteil von der Ineffizienz öffentlicher Verkehrsmittel.

Ein anderes Problem ist der Missbrauch der Taxilizenzen. Taxifahrer, die ihre Lizenzen für andere Städte erworben haben, finden sich jeden Morgen in Rom auf der Suche nach Arbeit ein: "Das ist illegale Konkurrenz, denn sie kommen und nehmen uns die Arbeit weg. Mittlerweile dürften es fast 4500 sein." Auf der anderen Seite ist es ein hartes Geschäft, das Taxi zu erhalten: "Man muss die täglichen Kosten einkalkulieren. Auch wenn man steht. 25 Euro Fixkosten muss man für Beiträge, Garage, Versicherung und Stadtzuschlag berappen."

Aber es gibt aber auch positive Seiten: "Rom ist eine der sichersten Städte in Italien, als Taxifahrer erwarten einen keine bösen Überraschungen." Auch wenn man in den letzten Jahren den Eindruck hatte, Italien sei unsicherer geworden (ein Gefühl, das in Wahlkampfzeiten gern instrumentalisiert wird). Dementsprechend nehmen in der Nacht hauptsächlich Frauen den Taxiservice in Anspruch. Wer steigt in Antonios Taxi abgesehen von den Touristen? "Eine breit angelegte Umfrage hat ergeben, dass es etwa 5 Prozent "absolut treue" Taxikunden gibt, die immer und überall ein Taxi bestellen. Die anderen 95 Prozent haben entweder den Bus oder die U-Bahn verpasst."

Was kostet das Taxifahren in Rom? "Wenig. Die Tarife sind seit 2001 eingefroren und gehören zu den niedrigsten in Europa. Nur in Lissabon und Athen sind sie noch niedriger."

Und wie lebt es sich in Rom als Taxifahrer im Vergleich zu anderen europäischen Städten? "Wir haben alle die gleichen Probleme." Davon ist Antonio überzeugt. Und was sagt die EU? "Bist jetzt gar nichts. Es gibt keine Normen zur Regulierung des Taxigewerbes: mit Ausnahme der Bolkestein-Direktive zur Liberalisierung von Dienstleistungen, in deren Rahmen das Taxigewerbe eine Ausnahme darstellt." Wenn er als Taxifahrer entscheiden könnte, bliebe Antonio in Rom, "aber wenn ich meinen Job wechseln könnte – fügt er hinzu – würde ich nach Australien oder Neuseeland auswandern, in junge, dynamischere Länder. Ich würde ein Restaurant eröffnen: Ich liebe gutes Essen". Wenn Antonio so gut kocht wie er Taxi fährt, werde ich sein erster Stammkunde sein.