Politik

Gelbe Welle: Nicks 'Cleggmania' in Großbritannien

Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 3. Mai 2010
Seit 1918 ist der britische Premierminister entweder von der Labour-Partei oder den Konservativen gestellt worden, war entweder rot oder blau. Lange sah es so aus, als würde sich bei den Wahlen am 6. Mai 2010 daran nichts ändern. Nichts schien das Zweiparteiensystem in Frage zu stellen. Die Murdoch-Presse rührte für die Konservativen die Wahlwerbetrommel.
Doch dann trat Nick Clegg, der Parteivorsitzende der Liberaldemokraten, auf den Plan.

Beobachter sprechen bereits von der 'Cleggmania'. Der Guardian bezeichnet ihn als 'britischen Barack Obama'. 'Alternative' britische Bürger, die sich im Aufwind befinden, seit sie zu Weihnachten Rage Against The Machine anstatt eines Reality TV-Stars an die Spitze der Charts gebracht haben, haben eine neue Facebook-Kampagne gestartet. Die 160.000 Mitglieder verkünden siegessicher: „Wir haben dafür gesorgt, dass Rage Against the Machine Christmas Number 1 wird! Wir können die Liberaldemokraten an die Regierung bringen!“ Der Aufstieg der kleinen Partei ist als 'gelbe Welle' bezeichnet worden. Die Liberaldemokraten sind die Europa-freundlichen Newcomer, die neue Spannung in das Wahl-Rennen bringen, das bisher immer nur zwei Pferde unter sich ausgemacht haben.

Hier ist er neben dem belgischen Kommissar Karel de Gucht auf einer ALDE-Konferenz zu sehen.

Ein ungewöhnlich europäischer Brite

Nick Clegg ist kein Mann, von dem man vermuten würde, dass er zum britischen Premier gewählt wird. Er spricht fließend Deutsch, Französisch, Spanisch und Niederländisch (durch seine niederländische Mutter). Verheiratet ist er mit der spanischen Anwältin Miriam González Durántez, mit der er drei zweisprachig aufwachsende Kinder hat, Antonio, Alberto und Miguel. Er hat in Österreich als Skilehrer gearbeitet, am Europakolleg in Brüssel studiert und bis 2004 als Abgeordneter im Europäischen Parlament amtiert. Außerdem gilt er als Befürworter der Einführung des Euro in Gr0ßbritannien. Kurz: er ist das, was cafebabel.com einen 'Babelianer' nennt.

Die britischen Zeitungen ergriffen allerdings schon früh Partei. Die unheilige Dreifaltigkeit aus drei dem Medienimperium von Rupert Murdoch angehörigen Tageszeitungen - The Sun, The Daily Telegraph und The Daily Mail - erkoren den Anführer der Konservativen David Cameron zu dem richtigen Mann, um den vom amtierenden Premier Gordon Brown angerichteten Schaden wieder zu richten. Das ist keine große Überraschung. Die britischen Medien geben sich nicht einmal den Anschein, neutral zu sein. Als die Konservativen 1994 unter John Major überraschend die Wahlen gewannen, verkündete die Sun den Sieg mit der inzwischen berüchtigten Überschrift „IT’S THE SUN WOT WON IT' ('Es ist ein Sieg für die Sun'). „Ein Großteil der Presse in diesem Land ist schon seit jeher parteiisch,“ schrieb der Redakteur der Sun, David Yelland, am 18. April im Guardian. „Die Sun hat die Liberaldemokraten absichtlich ignoriert. Der Trick ist, sich auf die Seite des Siegers zu schlagen und beim Premierminister Gehör zu finden. Warum sollte man um eine machtlose Partei werben?“

Chancengleichheit im Fernsehduell

Diesmal aber ist alles anders. 9,4 Millionen Zuschauer verfolgten die nach amerikanischem Vorbild zum ersten Mal im britischen Fernsehen abgehaltene Live-Debatte der Parteivorsitzenden am 15. April 2010. Sie sahen alle drei Kandidaten auf Augenhöhe: David Cameron mit seiner blauen, Gordon Brown mit seiner roten Krawatte, und einen Das T-Shirt zum britischen Wahlkampf-Fernsehduelleloquenten Mann mit gelber Krawatte, der eine relativ unbekannte Partei namens Liberal Democrats repräsentierte. Am darauffolgenden Tag wurden T-Shirts mit der Aufschrift „I agree with Nick“ in Umlauf gebracht, die Browns und Camerons in der Fernsehdebatte häufig geäußerte Erwiderung „Ich stimme Nick zu“ aufgriffen. Die Meinungsumfragen am Tag nach der Debatte waren verblüffend.

Am Tag der Debatte sahen Umfragen die Konservativen in Führung (41%), gefolgt von Labour (32%) und den Liberaldemokraten (18%). Zwei Tage später waren die Umfragewerte von Lib Dem um 12% gestiegen und hatten damit die regierende Labour-Partei überholt. Am 18. April hatten sie auch die Konservativen hinter sich gelassen. Am 21. April erhielt die Partei, die zuletzt vor einem Jahrhundert an der Regierung war, in den Umfragen 34% und lag somit sogar vor den Konservativen (31%) und Labour (26%). Der britische Buchmacher Ladbrokes korrigierte die Wahrscheinlichkeit, dass Clegg der nächste britische Premier wird, von 300-1 auf 10-1. Und das alles innerhalb einer Woche. Da platzte der konservativen Presse der Kragen.

'Clegg vergleicht Briten mit den Nazis', schrie die Daily Mail auf. 'Demokratisches Fähnlein im Winde', schriThe tycoon has always beeneb die Sun. Der etwas nüchterne Daily Telegraph deutete an, Clegg habe Zahlungen von Wahlsponsoren auf sein privates Konto Der Medienmogul hatte bisher den "richtigen" Riecher, auch diesmal?erhalten. Die Sun hatte einen Artikel aus dem Jahr 2002 ausgegraben, in dem Clegg berichtete, wie peinlich es ihm war, als seine Mitschüler auf einer Klassenfahrt nach Deutschland ihre Austauschschüler mit dem zweiten Weltkrieg aufzogen und den Hitlergruß machten. Der Daily Telegraph versäumte es zu erwähnten, dass Clegg alle Spenden offen gelegt hatte, unabhängig davon, ob sie auf sein privates Konto gingen oder nicht. Berichten zufolge soll am Abend des 21. April Rupert Murdochs Sohn James in die Redaktion des (nicht zum Murdoch-Imperium gehörigen) Independent gestürmt sein und den Herausgeber Simon Keiler angebrüllt haben: „Was für ein verdammtes Spiel treibst du?“ Er warf ihm vor, mit der Anzeigenkampagne "Rupert Murdoch won’t decide this election. You will" (Nicht Rupert Murdoch wird diese Wahl entscheiden, sondern Sie!) den Ruf seines Vaters zu schädigen. „Machen Sie keinen Fehler,“ schrieb Yelland im Guardian. „Wenn die Liberaldemokraten diese Wahl gewinnen, wird Rupert Murdoch zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr die britische Politik bestimmen.“

Die 1/4-Stimme für britische Wähler

Ein Grund für die Verdrossenheit der Briten ist das Mehrheitswahlrecht. 2005 gewann Labour mit gerade einmal 35,3% die absolute Mehrheit. Das war der niedrigste Stimmanteil, die eine Mehrheitsregierung im Unterhaus je hatte. Mehr als die Hälfte aller Wähler stimmten gegen den Kandidaten, der sie am Ende im Parlament vertrat, aber ihre Stimmen zählten nicht. Laut der britischen Organisation voter power index haben britische Wähler nicht etwa jeder eine Stimme, sondern lediglich 0,25 Stimmen. Das 'Alles dem Sieger'-Prinzip hat unterdessen offensichtliche Nachteile für kleine Parteien wie die Liberaldemokraten. Nick Clegg wirbt für eine Reform des Wahlsystems und die Einführung eines Verhältniswahlrechts, wie es viele andere europäische Länder haben. Er wird am 6. Mai 2010 vielleicht nicht Premierminister, aber wenn es zu einem Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse kommt, könnten die Liberaldemokraten zu Königsmachern werden. Sie könnten derjenigen Partei ihre Zustimmung zusichern, die willens ist, ihre Politik zu machen. Die USA hatten ihre politische Wende. Nun scheint es, als wären die Briten ebenso entschieden, ihre Politik aufzumischen wie ihre Weihnachts-Charts.

Fotos: Cameron, Brown und Clegg: ©Downing Street, ©conservativeparty und ©Liberal Democrats bei flickr; Clegg T-Shirt ©zazzle.com; Rupert Murdoch ©by simplifica/flickr. Videos: ITV1 / itnnews/ Youtube