Politik

Gasstreit - Schnee von gestern

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2010
Nun da “Kontinentaleuropas größtes Gaszentrum” in Österreich eröffnet, ist es offensichtlich, dass Europa sich von nun an in einer besseren Position befindet, um mit den geopolitisch motivierten Gaslieferungsstörungen umzugehen, die Teile Europas in den letzten Jahren teilweise auf Eis gelegt hatten. Eine Wiederholung der russisch-ukrainischen Energiekrise im Jahr 2010 ist unwahrscheinlich.

Derzeit werden 80% der russischen Gasexporte über die Ukraine geliefert. Diese geopolitische Gegebenheit hatte zeitweise zu Störungen bei den Gaslieferungen in die 18 europäischen Staaten geführt, welche dasselbe Pipelinesystem verwenden, um natürliches Gas aus Russland zu importieren. In der letzten Auseinandersetzung im Januar 2009 waren Bulgarien, Moldawien und die Slowakei dazu gezwungen, zwei Wochen lang Notfallmaßnahmen zu ergreifen. Viele Regierungen hätten keine Vorkehrungen getroffen, um mit solchen Eventualitäten umzugehen, bemerkt Ian Cronshaw von der Abteilung für Energievielfalt der Internationalen Energieagentur (IEA). Die betroffenen Staaten konnten nicht einfach so von null auf hundert auf Notfallpläne umschalten, um die Auswirkungen der Krise im letzten Winter abzuschwächen.

Warum Gas nicht in bedürftige Länder geliefert werden konnte

Sogar in Zeiten von gesperrten Pipelines habe Europa meistens eine Gasreserve, bemerkt Dr. Colin Lyle vom Verband der europäischen Gashändler. Zunächst einmal läge das Hautproblem im Mangel an ausreichenden infrastrukturellen Kapazitäten und dem Versagen, dem Markt solche Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Dass Europa im letzten Jahr so wenig auf eine solche Situation vorbereitet war, lag unter anderem am Versagen der Regierungen und der Betreiber, Maßnahmen zu treffen, um mit den politischen, marktbedingten, vertraglichen und infrastrukturellen Problemen umzugehen, die beim Bewältigen der Krise aufkamen.

Das Fehlen eines einzigen Standards für eine europaweite Gesetzgebung erschwert die Kooperation.

Das Fehlen eines einzigen Standards für eine europaweite Gesetzgebung erschwert die Kooperation von nationalem Wettbewerb und Energiegesetzen. Zweitens sind Europas Gasnetzwerke nicht alle miteinander verbunden. Viele sind grenzübergreifend und besitzen weder die überschüssige Pipelinekapazität, um die zusätzlichen Gasnotfallvolumen zu bewältigen, noch teilen sie eine gemeinsame Betriebsführungssoftware, die installiert wird, um den Gasstrom umzukehren. Drittens gibt es aufgrund der Anstrengungen der Betriebe, wirtschaftlich sensible Informationen zu schützen, einen Mangel an Transparenz auf dem Markt. Schließlich sind viele von Europas Gaslieferanten an Langzeitverträge gebunden. Das lässt nur wenig Überschuss übrig, den man im Notfall umleiten könnte, vor allem da die Gasvorräte der EU im letzten Winter relativ niedrig waren.

Was hat sich geändert?

Europas Energiesektor hat in Zusammenarbeit mit der EU und den nationalen Regierungen Risikoanalysen durchgeführt, um zukünftig besser auf Gaslieferungsstörungen vorbereitet zu sein. Dr. Colin Lyle bemerkt, dass Europas jährliche Gasnachfrage aufgrund der aktuellen Rezession um 10% gefallen sei. Ein Anstieg der weltweiten Gasproduktion und der Abschluss verschiedener EU-Gasweiterleitungssysteme bedeute auch, dass ein erhöhtes Gasvolumen auf dem europäischen Markt verfügbar sein wird. Die Gasspeicherlevels des Kontinents beispielsweise sind viel höher als vor der Krise im Januar 2009. Durch die Arbeit der EU- Gaskoordinationsgruppe werden verschiedene Markt- und Infrastrukturbarrieren in Europa kontinuierlich beseitigt. Der Balkan ist ein gutes Beispiel: Dort sollen Pläne implementiert werden, die verschiedenen Pipelinenetzwerke in ein einziges System zu integrieren. Der griechische Pipelinebetreiber DEFSA hat seine Lieferkapazität zum benachbarten Bulgarien verbessert, indem Gas durch Griechenlands kürzlich aufgerüstete Import-Verladestation für verflüssigtes Gas (LNG) in der Nähe von Athen aus Übersee importiert wird.

Dieses Jahr wurden Verladestationen für Flüssiggas (LNG) in Wales und in der Nähe von Venedig eröffnet. Die italienische Initiative ist ein Offshore-technisches-Wunderwerk. Mit einem Preis von 2 Milliarden Euro hat es die Größe von zwei Fußballstadien, ist zehn Stockwerke hoch und kann 10% von Italiens Bedarf decken. Solche Terminals spielen eine wichtige Rolle beim Vergrößern von Europas Gaslagerungskapazitäten und der Fähigkeit, seine Gasquellen zu diversifizieren, damit es für geopolitische Auseinandersetzungen weniger anfällig ist. Die Eröffnung des Central European Gas Hub im österreichischen Baumgarten im Dezember hat bereits die Fähigkeit der Region verbessert, Gas zu lagern und an Nachbarstaaten in Zentral- und Osteuropa zu liefern.

Zwischen 2003 und 2008 im spanischen Algeciras gebaut, ist die Verladestation heute in Richtung italienische Küste weitergewandert

Was die Zukunft bringt

Es gibt Vorschläge für weitere Verladestationen von Flüssiggas (LNG), beispielsweise die von Österreichs OMV(österreichischer Mineralöl-, Ergas- und Chemiekonzern) geplante Station auf der kroatischen Insel Krk, um Kroatiens Nachbarstaaten zu beliefern. Weiterhin existieren Pläne, die Lücken in Europas Hochdruckgasnetzwerk zu schließen. Der Bau einer Unterwassergaspipelinne zwischen Griechenland und Italien soll dafür in Angriff genommen werden. In ganz Europa beginnen Energiekonzerne “unkonventionelle” Gasquellen zu erkunden. Darunter fällt beispielsweise Gas, das in Schiefergesteinsfelsen eingeschlossen ist, einem plättchenförmigen, sedimentären Felsen. Bis vor kurzem war die Verwertung dieser Gasform jedoch viel zu teuer. Erst mit der kürzlichen Entdeckung einer neuen Bohrtechnik - die so genannte Hydraulische Rissbildung - können nun auch diese gasressourcen genutzt werden. Die IEA schätzt, dass es ausreichend unkonventionelle Gasvorräte gibt, um Europas Gasimporte 40 Jahre lang auf dem aktuellen Level zu ersetzen. Andererseits wird es aber wahrscheinlich ein Jahrzehnt dauern, bevor Europa Vorteile und Nutzen einer solchen Investition erkennen wird.