Politik

Galileo, der Weltraum-Airbus

Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2007
Artikel veröffentlicht am 23. Mai 2007
Die Zukunft des europäischen Satellitensystems Galileo ist unsicher.

Am 10. Mai endete die Frist der acht Firmen des Konsortiums für die Gründung einer Gesellschaft und die Wahl eines Vorsitzenden. Galileo ist ein ambitioniertes Satellitennavigationsprojekt, das von einer öffentlich-privaten Gesellschaft verwaltet wird, zu der die Europäische Kommission, die europäische Raumfahrtagentur ESA und acht private Investoren gehören. Damit das Projekt überhaupt durchgeführt wird, muss der öffentliche Sektor in der jetzigen Situation den größeren Teil der auf 4,9 Millarden. Euro geschätzten Kosten übernehmen. 2003 hat man noch geglaubt, dass Galileo 2008 in Betrieb geht. Heute lassen sogar die Optimisten verlauten, das Projekt werde allerfrühestens 2012 beendet. Bei seiner Präsentation der Europäischen Raumfahrtpolitik am 26. April unterstrich Günter Verheugen, dass „wir nicht aufgeben können, wenn es um das Projekt Galileo geht.“

Keine Garantie auf Erfolg

Nach der Ablehnung des Verfassungsentwurfs kann Galileo zu einem Projekt werden, das die Bindung zwischen den Europäern erneuert, indem es ihnen zeigt, dass die Beteiligung an einem europaweiten Wirtschaftsunternehmen erfolgreich sein kann.

Galileo kann auf vielfache Weise genutzt werden, wie zum Beispiel zur Autonavigation, Luftfahrtkontrolle und Transportverwaltung. Es kann außerdem dazu dienen, Verschollene zu Land und Wasser zu finden. Außerdem kann es die Organisation der Hilfe für Gebiete, die von Naturkatastrophen betroffen sind, unterstützen oder sogar bei der Suche nach neuen Erdgas- und Erdölvorkommen helfen.

Der Raumfahrttechnologie- und Satellitennavigationsmarkt verzeichnen sehr positive Wachstumsindikatoren. Die Europäische Kommission schätzt, dass der Weltmarkt für Satellitennavigationssysteme (GNSS) 2005 60 Millarden Euro wert war und mit einem Wachstum von 25 Prozent pro Jahr einen Wert von 400 Millarden Euro im Jahr 2025 erreichen kann.

Außerdem prophezeit die Europäische Kommission, dass Galileo sehr ertragreich sein wird und 100 000 neue Arbeitsplätze für qualifizierte Arbeitnehmer schafft. Gleichzeitig stellt es das bindende Glied in einer komplexen Kette einer Industrie dar, die für ihr Wachstum auf eine Satelliteninfrastruktur angewiesen ist. Laut Untersuchungen von Euroconsult aus dem Jahr 2002 bringt jeder in die Raumfahrtindustrie investierte Euro für abgeleitete Industriezweige einen Ertrag im Bereich von sieben bis acht Euro.

Trotz der positiven Wirtschaftsindikatoren bleiben Investitionen in die Raumfahrtindustrie außerordentlich risikoreich. Es gibt keine Garantie für den Erfolg von Galileo, vor allem, wenn man die kostenfreie Nutzung des amerikanischen Satellitensystems GPS in Betracht zieht.

Die Eroberung des Weltraums

Die Konstellation der 30 europäischen Satelliten besitzt einen strategischen Wert. Derzeit ist Europa von dem amerikanischen Satellitennavigationssystem abhängig, das im Falle eines politischen Missverständnisses jederzeit vom Pentagon als verwaltendes Organ abgeschaltet werden kann. Die Vereinigten Staaten betrachten das europäische Projekt Galileo mit Argwohn und befürchten, dass es auch zur Lenkung von ballistischen Raketen genutzt werden kann.

Russland, China, Brasilien und Indien arbeiten momentan auch an Entwicklung in der Raumfahrtindustrie. Wenn Europa die Eroberung des Weltraums vernachlässigt, riskiert es, von den anderen ignoriert zu werden.

Konkurrenz mit ähnlichen Problemen

Die Verzögerungen im Projekt aufgrund von Missverständnissen zwischen den verantwortlichen Verwaltungsfirmen kann die Rentabilität des Projekts gefährden. Wenn Galileo im Jahr 2008 vollendet werden würde, wie die Autoren des „Weißbuches“ zum Thema Weltraum vorsahen, hätte das Projekt einen guten Start. Es wäre das genaueste Satelliten-System auf der Welt. Im Jahr 2012 soll es genauere und modernere Versionen des amerikanischen GPS geben, nämlich das russische GLONASS und das chinesische Beidou. Falls das geschieht, hätte Galileo seinen größten Trumpf aus der Hand gegeben und müsste vom ersten Tag an gegen die Konkurrenz ankämpfen.

Didier Seivre, Helfer in der Navigationsabteilung ESA, erklärt, dass diese Gefahr kein Grund zur Sorge ist. „Unsere Konkurrenten haben auch Verspätungen und aufgrund der Informationen, die uns vorliegen, wird es 2012 weder eine modernisierte Version des amerikanischen noch chinesischen Satellitensystems geben. Vier Jahre Verspätung sind nicht viel, wenn man das Ausmaß des Unternehmens in Betracht zieht und den Fakt, dass die Konkurrenz mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hat.“

Verhandlungen am toten Punkt

Die größten Probleme, sagt Seivre, gibt es mit der Konzession, die im Jahr 2005 unterschrieben werden sollte, aber immer noch auf die Unterzeichnung wartet. „Am Anfang waren wir wohl zu naiv als wir die Organisation des Projekts auf zwei Pfeiler stützen: Technologieentwicklung (für das die ESA verantwortlich ist) und Konzession (die von Mitgliedern eines privaten Konsortiums unterschrieben werden soll, wobei die Europäische Kommission den Prozess wachsamen Auges verfolgt). Wir können das Problem lösen, wenn wir der öffentlichen Gewalt die Kontrolle über den größeren Teil der Investitionen überlassen und sie mit der Aufsicht der Koordination beider Pfeiler beauftragen.“

Auch das Parlament ist „sehr beunruhigt, dass die Verhandlungen zum Thema der Konzession seit einigen Monaten sich an einem toten Punkt befinden“, was aus der Resolution vom 26. April hervorgeht. Da die Europäische Kommission verhindern will, dass Galileo zum „Weltraum-Airbus” wird, stellt sie einen Vorschlag zur Lösung des Problems am 16. Mai vor.