Politik

Fußball-EM 2012 in Warschau: Neues Stadion - neue Stadt

Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2010
Artikel veröffentlicht am 6. Juli 2010
Die Fußball-Europameisterschaft 2012  wird am 8. Juni 2012 im brandneuen Warschauer Nationalstadion eröffnet. Die polnische Hauptstadt, die sich auf über 100.000 Fans und Touristen vorbereitet, freut sich darauf, dem Rest der Welt zu zeigen, wie weit sie es gebracht hat.
Ein Bericht aus der Stadt, in der neben Breslau, Danzig und Posen, 2012 die EM-Begegnungen auf polnischem Boden ausgetragen werden.

Die EM 2012 wird Polen, das die Teilnahme an der WM 2010 in Südafrika verpasste, die Möglichkeit geben, zu glänzen. Gemeinsam mit der Ukraine trägt Polen das wichtigste Turnier Europas im Auftrag der UEFA (Union of European Football Associations) aus. Es ist das dritte Mal, dass zwei Länder gleichzeitig EM-Gastgeber sind. Niemand zweifelt daran, dass der alle vier Jahre stattfindende Fußball-Event für Polen als Gewinn verzeichnet werden kann - schon bevor auch nur eine der 31 Partien unter den 16 qualifizierten Teams ausgefochten worden ist. Aber zu welchem Preis?

Überschwemmungen und schlechte Infrastruktur: Keine Hindernisse für 2012

Das brandneue Nationalstadion der polnischen Hauptstadt, in dem das Eröffnungsspiel am 8. Juni 2012 ausgetragen werden wird, wurde auf dem Gelände des ehemaligen „Stadions des 10-Jahresjubiläums“ errichtet. Letzteres wurde 1955 gebaut und für die neue Konstruktion abgerissen. Als fester Bestandteil des Warschauer Stadtteils Praga am Ostufer der Weichsel machte das Stadion das Viertel nicht nur für die größten Sportveranstaltungen des Landes bekannt, sondern beherbergte auch nationale Feste und Parteifeierlichkeiten zu Zeiten der Volksrepublik. So wie der Abriss des alten Stadions für den Abschluss dieses Kapitels polnischer Geschichte steht, symbolisiert das neue Stadion die Erneuerung der ganzen Stadt.

©Ezequiel Scagnetti

…Das ist zumindest die offizielle, aufpolierte und gern wiederholte Darstellung zum anstehenden Fußball-Großevent. Wenn man die lokale Presse verfolgt, erfährt man, dass die Vorbereitung auf die EM eine weitere Bühne für das übliche Politiktheater darstellt: Ein unfairer Wettbewerb um Projekte, die mehrere Millionen Zloty verschlingen, Termine, die niemals eingehalten werden können, und das allgemeine Gefühl, dass die Stadt völlig ausgelaugt sein wird, wenn die 100.000 zusätzlichen Besucher nach drei Wochen Warschau wieder verlassen haben werden. Anderseits ist die Zuversicht der Offiziellen so groß, dass z.B. Adam Olkowicz, Turnierdirektor und Leiter des Organisationskomitees der EM 2012, immer wieder auf Berichte verweist, die beweisen, dass die Bauprojekte durch die Überschwemmungen dieses Jahres nicht verzögert wurden: „Auch wenn der Winter in diesem Jahr extrem streng war, gab es beim Bau der Stadien keine Verzögerungen.“

An anderer Stelle wird der Optimismus von den Verzögerungen beim Bau der zweiten U-Bahn-Linie gebremst. Diese sollte zwar die Transportmöglichkeiten während des Turniers erweitern, sie wird aber letztlich nicht vor 2013 komplett in Betrieb genommen werden können. Damit können mehr als 500 Millionen Zloty gespart werden. Fans und Touristen werden 2012 trotzdem nicht unter mangelnder Qualität der Transportmöglichkeiten zu leiden haben. Währenddessen schimpfen die polnischen Medien über die ihrer Meinung nach schlechte Organisation und werfen den Offiziellen vor, sich mit der Austragung des Großevents übernommen zu haben. Gleichzeitig kann man aber auch immer wieder lesen, wie vehement Warschau als Austragungsort verteidigt wird, da dies als wichtiger Schritt in eine positive Zukunft für die Stadt gilt, weg vom grauen Image und veralteter Infrastruktur.

Am 8. Juni 2012

Optimismus und Zynismus

Wie kann man Skepsis und Enthusiasmus in einem Atemzug aussprechen? Gar nicht. Eine moderate Dosis Zynismus seitens der Bevölkerung ist niemals falsch. Aber nur schwer lassen sich die üblichen Klagen über die Offiziellen und ihr Handeln nicht nur als die typischen Sticheleien der Einheimischen abtun. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die enorme Aufgabe der Vorbereitung einer Fußball-EM Herausforderungen und Schwierigkeiten mit sich bringt. Man rechnet beispielsweise mit einem Mangel an Hotelzimmern in der Stadt. Den an Spieltagen erwarteten 150.000 Besuchern werden nur rund 30.000 Betten zur Verfügung stehen. Der stellvertretende Premierminister der Ukraine hat seinerseits den Neubau von 20 Hotels in kürzester Zeit in die Wege geleitet. Aber die Polen begrüßen natürlich die Modernisierung ihrer eigenen Hauptstadt.

Andrezj Cudak, der Leiter des Warschauer Sekretariats für die EM 2012, ist optimistisch. In den Momenten, in denen sein Realismus deutlich wird, äußert er jedoch dieselben Zweifel, die außerhalb seines vornehmen Büros zu hören sind. Natürlich ist die Suche nach Sponsoren ein ewiger Kampf. Aber die positiven „Begleiterscheinungen“ des UEFA-Events sind laut Cudak der Hauptgrund, warum seine Bemühungen so populär sind. Er macht auf Effekte aufmerksam, die fast schon selbstverständlich erscheinen: Die Stadt wird eine verbesserte Infrastruktur in Form eines neuen Stadions, einer neuen Ringstraße, eines modernisierten Straßenbahnnetzes, neueren Bussen, restaurierten öffentlichen Plätzen, einer erhöhten Zahl von Hotels und Restaurants und des Ausbaus von Schnellstraßen zu anderen polnischen Städten, aber auch nach Berlin, erhalten. Noch wichtiger ist, dass effizientere Management-Pläne in den unterschiedlichsten Bereichen, beispielsweise Krisenmanagement, Gesundheitsversorgung und Sicherheit, für die Stadt entwickelt werden. „Das Projekt ist einfach mehr als die Summe seiner Teile“, erklärt er. Die polnische Wirtschaft soll von den Impulsen der EM 2012 bis ins Jahr 2020 profitieren.

Veränderungen für die Einheimischen?

Während der Stadionkomplex am Ostufer der Weichsel von Tag zu Tag weiter wächst, ist auf dem größten Freiluft-Markt Europas kaum etwas los. Wie sich das tägliche Leben der Warschauer durch das Großereignis verändern wird, ist ungewiss. Was wird aus der eigentlichen Lebensader der Stadt - den Straßenhändlern, der Multikulti-Kultur der Marktverkäufer aus Vietnam, Bulgarien und Afrika, den Secondhand-Läden, in denen Künstler und Omas gemeinsam einkaufen? Eine positive Veränderung auf der lokalen Ebene, die der Popularität der EM-Austragung zuträglich sein wird, findet man direkt neben dem neuen Stadion. Der dort ansässige Markt, der auch als Russischer Markt bekannt ist - benannt nach der Nationalität der Händler, die ihn gleich einer Mafia kontrollieren - soll Anfang Juli verschwinden. Damit wird ein für kriminelle Energien bekannter Brennpunkt Warschaus beseitigt.

Praga-Viertel

Schließlich soll das Stadiongelände zum Touristenziel werden, ähnlich wie der hundert Jahre alte Rozyckiego Bazar zwei Straßen weiter, wo sich kein Einheimischer mehr zwischen die Touristen verirrt. Der Stadionkomplex soll mit einem neuen Museum über die Geschichte des Praga-Viertels verbunden werden und einen Souvenirladen beherbergen. Das historische Nationalstadion, das ein Denkmal für einen wichtigen Teil der politischen Geschichte des Landes war, wird durch eine neue Version ersetzt, die zum Symbol für Polens Modernität werden soll. Dem alten Bauwerk, das viele als eine der Kuriositäten der Stadt betrachten, nach zu trauern, wirkt dabei schon fast lächerlich angesichts der klaren Vorteile, die die Ausrichtung der EM in zwei Jahren hat. Aber auch wenn die Hauptstadt offensichtlich von den EM-Projekten profitieren wird, könnten Warschau - und Polen - 2012 ein wenig mehr verlieren als nur den EM-Pokal.

Vielen Dank an Natalia Sosin

Fotos: ©s3k/flickr; ©Ezequiel Sacgnetti/ezequiel-scagnetti.com