Politik

Frankreich wählt: Auf Stimmenfang unter "Froggies" in London

Artikel veröffentlicht am 19. April 2012
Artikel veröffentlicht am 19. April 2012
Die französischen Präsidentschaftskandidaten müssen sich jetzt wieder einmal an den Geschmack von Cheddar und Bacon gewöhnen. Denn Schauplatz der Wahlkampfes ist nicht nur Frankreich, sondern auch London. Dort leben ungefähr 400.000 Franzosen und es werden immer mehr.  Was für eine Bedeutung haben diese vielen tausend Stimmen für die Wahl?

Sie lassen sich bereits aus der Ferne erkennen: Die Geschäftsmänner lesen beim Frühstück die Tageszeitungen Le Figaro oder Le Monde aus ihrer Heimat. Die Luft ist gefüllt mit dem Duft von französischen Baguettes und leckeren Croissants. Und dennoch sind wir nicht mitten in Paris, sondern an einem Ort, der den Spitznamen "sechstgrößte Stadt Frankreichs" bekommen hat. Welcome in einem der schickesten Viertel von London: dem Royal Borough of Kensington and Chelsea.

So viel anders als in Frankreich ist es hier nicht. Über die Präsidentschaftswahlen wird allerorts diskutiert: In den Buchhandlungen, den französischen Lebensmittelgeschäften, dem Käseladen, der Bäckerei und dem französischen Gymnasium "Lycée Charles de Gaulle". Jeder hat eine eigene Meinung. Einige misstrauen dem sozialistischen Kandidaten, François Hollande, der Frankreich mit Sicherheit in den Ruin treiben werde. Andere bemängeln die Kompetenz von Sarkozy und dass er nicht wirklich die brennendsten Themen der Franzosen anpackt. Und wieder andere erkennen seine dynamische Art an.

"Ein starkes Frankreich im Ausland"

Eigentlich sind sie kein Traumpaar in der Politik. Im Wahlkampf ist das allerdings vergessen.Emmanuelle Savarit, Kandidatin der Mitte-Rechts-Partei UMP der Parlamentswahlen für Auslandsfranzosen in Nordeuropa, wirbt in den Straßen des französischen Viertels für ihre Partei. Denn die im Ausland lebenden Franzosen können dank einer Verfassungsänderung unter Nicolas Sarkozy erstmals 11 Abgeordnete wählen. Angesichts der Tatsache, dass in London 70.000 Stimmberechtigte leben, ist das ein bedeutender Vorteil für den Präsidenten. Laut Edouard Courtial, Staatssekretär für Auslandsfranzosen, ist Nicolas Sarkozy eindeutig "der Präsident, der den außerhalb Frankreichs lebenden Franzosen die bisher größte Aufmerksamkeit geschenkt hat".

Und ihnen will Sarkozys Partei UMP weiter schmeicheln. Schulbesuche junger Franzosen im Ausland sollen finanziert und den Auslandsfranzosen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, u.a. mit einer Internetseite "Für ein starkes Frankreich im Ausland". Von Seiten der UMP heißt es deshalb: "Die Franzosen im Ausland können der Diplomatie nützlich sein, sie bilden eine feste Verbindung mit unserem Land und der Frankophonie und fördern die Ansiedlung von kleinen und mittelständischen Unternehmen im Ausland. "Diese Aussage passt gut zu dem Slogan, den Emmanuelle Savarit für ihre Kampagne gewählt hat: "Die Auslandsfranzosen zählen für Frankreich!"

Wahlhilfe mit Roastbeef und Yorkshire-Pudding

Auch Sarkozys größter Konkurrent, François Hollande, hat die Londoner Franzosen für den Wahlkampf ins Auge gefasst. Im Februar statte er ihnen einen Besuch ab, um für sich zu werben. Dabei gab es auch Wahlhilfe vom britischen Oppostionsführer Ed Milliband. Er empfing Hollande im Westminster-Palast zu einem echt britischen Mittagessen. Roastbeef und Yorkshire-Pudding standen auf der Speisekarte.

Die Reise von Hollande zielte darauf, andere Wähler als Sarkozy anzusprechen. Dieser hatte sich bei seiner letzten Londonreise nur auf das Finanzzentrum der Stadt und den damit verbundenen Franzosen konzentriert. Allerdings machen sie nur einen Teil der Wähler aus, wie Axelle Lemaire von der sozialistischen Partei Hollandes betont: "Die Franzosen, die im Vereinigten Königreich leben, sind nicht alle reiche Trader. Es sind viele junge Wähler darunter, von denen ein Drittel im öffentlichen Dienst arbeitet, vor allem im Bildungsbereich."

Egal aus welchem Grund die Franzosen in London leben - sei es wegen der Jobs, dem Geld, der Bildung oder dem anderen Flair - bleibt festzustellen: Irgendetwas hat ihnen in Frankreich gefehlt, was sie anderswo finden oder sich zumindest erhoffen.

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Ein bisschen sind da die Franzosen wie ihre Politiker. Denn auch sie setzen darauf, im Ausland fündig zu werden - zumindest wenn es um die Unterstützung im Wahlkampf geht. Nachdem Sarkozy öffentlich von Angela Merkel und David Cameron unterstützt wurde, machte auch Hollande der Opposition in den europäischen Nachbarländern schöne Augen - in Deutschland, Italien und Großbritannien. Ob das dem sozialistischen Kandidaten helfen wird? Diejenigen, die für ihn stimmen möchten, sind scheinbar entweder vom Präsidenten enttäuscht oder sie leben in South Kensington und identifizieren sich nicht sehr stark mit den Ideen von François Hollande. Veränderungen würden sie aber  begrüßen. Der Mangel an Auswahlmöglichkeiten - sowohl für die im Ausland lebenden Franzosen als auch für jene, die in der Heimat geblieben sind - scheint das eigentliche Problem bei diesen Wahlen zu sein: Kein Kandidat sieht wie der ideale Präsident aus.

In jedem Falle müssen die Auslandsfranzosen, die immer mehr werden, ein neues Frankreichbild widerspiegeln. Im Gegenzug müssen jene Politiker, die an der Spitze des Landes stehen, die Bedürfnisse der Franzosen erfüllen, egal wo auf der Welt sie leben. Dies gilt besonders für wirtschaftliche Krisenzeiten. Ein Gefühl der nationalen Identität und des Zusammenhalts zu bewahren, auch über die Grenzen hinaus, ist die Herausforderung bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2012. Und dabei ist es egal, ob es sich um ein Land handelt, in dem die Franzosen Froggies genannt werden. Deal?

Fotos (in der Reihenfolge im Text):  (cc) jiuck/flickrm, Screenshot von conservativeparty/YouTube,  © Facebookseite von Axelle Lemaire. Video: Eurocircle/YouTube