Politik

Frankreich: Der Paukenschlag des Philippe Poutou

Artikel veröffentlicht am 6. April 2017
Artikel veröffentlicht am 6. April 2017

Präsidentschaftskandidat Philippe Poutou ist anders. In der letzten TV-Debatte zu den französischen Präsidentschaftswahlen kam der Antikapitalist im weißen Sweatshirt und war einer der wenigen, die gegenüber Le Pen und Fillon kein Blatt vor den Mund nahmen. Wer ist der Mechaniker, der an ein Frankreich der Arbeiterklasse glaubt und beim letzten Mal 1,15% der Wählerstimmen erhielt? Interview

cafébabel: Die heutige Welt ist ganz schön komplex. Wie würden Sie einem Kind beschreiben, was Sie tun?

Philippe Poutou: Ich helfe dabei, Autoteile zusammenzubauen (in der Ford-Autofabrik von Blanquefort; AdR). Leider bereichert meine Arbeit egoistische Bonzen, dabei sollte die Wirtschaft doch als erstes Ziel haben, auf die Bedürfnisse seiner Bevölkerung einzugehen. Und gerade weil dieses wirtschaftliche System zutiefst unfair ist, versuchen wir uns mit ein paar Kameraden aus der Fabrik dagegen aufzulehnen, damit wir alle ein bisschen anständiger leben, uns ernähren, wohnen und pflegen können. Damit das zustande kommt, müssen sich das Volk, die Unterdrückten, die Ausgebeuteten die Macht zurückholen und gleiche Rechte für alle fordern.

cafébabel: Jeder kann ein Held sein - just for one day. Was ist die eine Sache, von der Sie schon immer heimlich geträumt haben?

Philippe Poutou: Also vor allem nicht, ein Held zu sein, erst recht kein Superheld. Es gibt keine Retter in Ritterrüstung. Trotzdem, Träumen und Hoffen, das gibt es jeden Tag. Tagträumen über eine große Mobilisierung, mit Millionen Menschen auf den Straßen, um anständiger zu leben, gegen die waltende Ungerechtigkeit.

cafébabel: Viele Menschen finden Europa ziemlich langweilig. Wie kann Europa auch sexy sein?

Philippe Poutou: Indem man ein Europa vorschlägt, das genau das Gegenteil von seinem jetzigen Zustand ist. Mal anders gesagt: ein Europa des Volkes, der Aufruhr gegen die Macht, gegen den Diebstahl der Banker und Financiers und gegen einen tief antideomkratischen Machtapparat. Weiterhin ein Europa ohne Grenzen mit Personenfreizügigkeit, Kooperation zwischen den Völkern, das aber mit der so genannten 'liberalen' Konkurrenzkonzeption bricht und soziale Rechte von oben garantiert.

cafébabel: Was regt Sie in unserer Welt am meisten auf?

Phlippe Poutou: Was mich wütend macht? Die Situation der Fllüchtlinge, die vor Krieg fliehen, vor von Diktaturen veranstalteten Massakern. Diese Flüchtlinge werden dann mit der Brutalität der europäischen Regierungsoberhäupter konfrontiert, die enorme Barrieren schaffen, um die Flüchtlinge aufzuhalten und einzupferchen. Sie verdammen sie, auf dem Meer zu ersaufen oder in Containern zu Grunde zu gehen.

cafébabel: Die Welt will Perfektionismus, welchen Fehler können Sie trotzdem tolerieren?

Philippe Poutou: Perfekt, diese Welt? Ich sehe das absolut nicht. Ganz im Gegenteil, ich sehe meilenweit nur Zynismus, Heuchelei, Individualismus, ein Jeder-für-sich, das Gesetz des Dschungels, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Anderen. Wir sind weit von Perfektionismus entfernt!

cafébabel: Das Internet weiß nahezu alles. Was ist eine Sache, die Google nicht über Sie weiß?

Philippe Poutou: Sie wollen jetzt, dass ich etwas aus meinem Privatleben preisgebe? Das hat wirklich null Interesse. Tut mir leid.

cafébabel: Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden zum Hauptrepräsentanten der Jugend in der Welt gewählt. Was war Ihr Wahlslogan?

Philippe Poutou: Ich kann mir das nur schwer vorstellen, auch wenn ich mich sehr anstrenge. Aber eine Botschaft in die Welt tragen, das ja, dann würde ich sagen: "Wehrt euch gegen die kapitalistische Welt da draußen, gebt auf keinen Fall auf, lasst keinerlei Unterdrückung zu und kämpft für gleiches Recht für alle."

cafébabel: Was ist Ihre erste Geste am Morgen?

 Philippe Poutou: Ich stehe auf, wie immer.

cafébabel: Wenn Sie etwas erfinden könnten, das es noch nicht gibt, was wäre das?

Philippe Poutou: Ich würde mich gern mit Anderen zusammentun, um Sachen zu erfinden, an die schon oft gedacht wurde. Sachen, die den Hunger bekämpfen, die Armut. Impfstoffe, welche die Menschheit als solidarisch und antimilitärisch zeigen würden, dann gäbe es auch weniger Kriege und Gewalt. Aber bis wir dahinkommen, können wir schonmal neue Formate für Streiks und Revolution erfinden.

cafébabelWas würden Sie einem Rassisten entgegnen?

Philippe Poutou: Rassismus muss immer denunziert und bekämpft werden, ohne Frage. Aber da Rassismus nicht genetisch ist, muss man vor allem die Gesellschaft bekämpfen, in der er entsteht. Es sind ebendiese sozialen Ungleichheiten, die etablierten Unterdrückungsmechanismen, die solche Gräben provozieren, Vorurteiel und Hass befeuern. Ich würde sagen für den Anfang: "Täuscht Euch nicht in euren Feinden, kanalisiert eure Wut in den richtigen Bahnen."

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In Europas Teich schwimmen viele große Fische. Die neue cafébabel-Interviewserie Big Fish taucht tiefer in den Alltag der großen Namen des Kontinents ein.