Politik

Finnland setzt auf Atomkraft

Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 8. Februar 2008
Kursrichtung Finnland. Nach Olkiluoto - diesen hübschen Namen hat man dem ersten europäischen Atomreaktor nach der Katastrophe von Tschernobyl gegeben. Radioaktive Besichtigung.

Schon aus der Ferne kann man lange Reihen von Weinreben ausmachen. Eingerahmt von dichtem Wald setzen sich die tiefgrünen Pflanzen vom klaren blauen Himmel ab. Es weht ein leichter Wind und man könnte meinen in Frankreich zu sein. Die Weinreben werden jedoch von zwei riesigen Betonbauwerken und zahllosen hohen roten Kränen überschattet - ziemlich weit entfernt von dem sonnendurchtränkten Paradies der französischen Weinhauptstadt Bordeaux. Wir sind hier in Olkiluoto, Finnlands größtem Atomkraftwerk, und der hier produzierte Wein wird mit dem verbrauchten Kühlwasser des AKW erwärmt. Normalerweise probiere ich sehr gerne alle möglichen Weinsorten. Heute verzichte ich lieber darauf.

Olkiluoto 3: der erste Atomreaktor Europas nach Tschernobyl

"Natürlich verkaufen wir den Wein nicht!" Olli-Pekke Luhti, Verantwortlicher für Umweltfragen im Kraftwerk, schaut mich an als hätte ich etwas völlig Absurdes gefragt. "Der ist nur für die Partys unserer Mitarbeiter", lächelt er. "Wir produzieren rund 600 Gallonen (2300 Liter) pro Jahr." Das reicht für eine ganze Menge Partys.

Aber die Mitarbeiter in Olkiluoto haben auch einiges zu feiern. Vor fünf Jahren hat die finnische Regierung grünes Licht für den Bau eines dritten, hoch-modernen Atomkraftwerks gegeben: Olkiluoto 3. Es wird der erste Atomreaktor sein, der seit der Tschernobyl-Katastrophe in Europa fertiggestellt wird und überraschenderweise ist die Öffentlichkeit in Finnland von dem Bau sehr angetan.

"Die Finnen unterstützen die Atomenergie weil wir hier nichts verheimlichen", strahlt Anneli Nikula, Vizepräsidentin für Kommunikation im Unternehmen und bekanntes Gesicht der Pro-Atomkraft-Debatte des Landes. Mit ihrem pastellfarbenen Anzug und dem herzlichen Lächeln gleicht sie einer freundlichen Großmutter. Wenige Augenblicke später trägt sie Chemiekittel und Schutzhelm und steht neben einem Schwarzwasserbecken, in dem sie uns die Atommüllkanister zeigt. Mit harschem Auftreten lenkt sie von jeglicher Kritik ab. Hochgebildet und Powerfrau: Nikula kann von sich selbst behaupten, die treibende Kraft hinter den zuletzt getanen großen Schritten Finnlands hin zur Atomenergie zu sein.

Hübsches kleines Kraftwerk

Kraftwerke sind keine schönen Orte. Weit abgeschieden steht Olkiluoto auf einer Insel an der finnischen Ostküste. Selbst die Tannenbäume, die um die Anlage herum gepflanzt wurden, können deren ungeheures Ausmaß nicht verdecken. Allein der neueste Reaktor belegt die

Fläche von 27 Fußballfeldern.

Obwohl es schwierig ist solche gigantischen Atomreaktoren attraktiv zu gestalten, haben die Entwickler ihr Bestes gegeben: Besucher werden im neuen Besucherzentrum empfangen, das mit gediegenen Eichenholzmöbeln eingerichtet ist. Das frische finnische Design verdeckt jedoch nur sehr unzulänglich die alles überragenden 70er-Jahre-Bauten im Hintergrund. Es gibt keine Fenster, keinen Lärm und erst recht keine großen qualmenden Schornsteine wie bei der Anlage in der Simpsons-Heimstadt Springfield.

Und tatsächlich ist jegliches Fehlen von irgendwelchen Kohlenstoffemissionen bei der Produktion von Atomenergie eines der Hauptargumente für diese Art der Energiegewinnung. Wenn da nicht diese kleine aber nicht ungefährliche Nebenwirkung wäre: radioaktiver Müll. Aber das haben die heutzutage ja schließlich im Griff.

Müll vergraben

Die Mülldebatte ist der Kristallisationspunkt bestehender Zweifel am Bau von Olkiluoto 3. Die Schwarzwasserbecken sind als Müllhalden lediglich eine Zwischenlösung für die tausenden von Tonnen radioaktiven Mülls, der hier bereits von den beiden existierenden Anlagen produziert wurde. Nummer 3 wird noch dazu kommen. Es gibt nur eine einzige Lösung: "Der Müll wird hier begraben", fährt Nikula fort, als wir einen Abgang in einenTunnel hinter gehen, in dem uns ein Shuttlebus in die Tiefe bringt.

Einen halben Kilometer tief unter dem Felsgestein schauen wir uns die friedlich da liegenden Kupferkanister an, in denen der hoch radioaktive Müll eingelagert wird. An der grauen Tunnelwand ist eine Infoplakette angebracht: "RADIOAKTIVE SUBSTANZEN KÖNNEN HIER NICHT MIT DER NATUR IN BERÜHRUNG KOMMEN", erklärt diese. "DIE RADIOAKTIVITÄT BAUT SICH ZIEMLICH SCHNELL AB." Und dann steht dort: "IN NUR WENIGEN JAHRHUNDERTEN."

Zurück am Tageslicht bittet man uns, je einen Strahlendetektor mitzuführen, während wir unsere Tour durch die verwundenen Korridore und endlosen Treppenhäuser des Reaktorgebäudes absolvieren. Die Sicherheitsvorkehrungen am Eingang sind scharf. Einmal im Gebäude angekommen, schwirren Mitarbeiter lautlos auf kleinen schwarzen Dreirädern herum als seien sie die immer arbeitende 'Doozers' aus der amerikanischen Kinderserie Fraggle Rock. Innerhalb des Kraftwerks gibt es unzählige Rohre, Verbindungskanäle, gelbe Warnschilder und Stahlfässer. Alle Mitarbeiter tragen Einheitskleidung: weiße Anzüge und blaue Helme mit grünen Schuhüberzügen.

Ich bin ein wenig nervös, obwohl ich nicht genau weiß warum. In Olkiluoto gibt es beeindruckende Sicherheitsvorkehrungen, aber irgendetwas an dieser Atomenergie bleibt mir unbehaglich. Ich ertappe mich dabei, wie ich regelmäßig auf meinen Strahlendetektor schiele, der während der gesamten Tour nur 0,000 anzeigt. Beim Verlassen des Komplexes muss jeder durch eine riesige silberne Maschine, in der wir den Körper gegen eine Oberfläche pressen müssen, damit jedwede Strahlungsbelastung gemessen werden kann. Ein kleines Männchen blinkt nach jedem Scan auf. "Keine Kontamination", gluckst die Computerstimme wiederholend. Als ich am Ende meinen Schutzhelm abgebe, denke ich bei mir, dass ich jetzt auch bereit wäre ein Glas Wein von hier zu trinken.

Olkiluoto in Finnland

(Fotos: Angela Steen)