Politik

Fiat: Sergio Marchionne oder der „Hammerschmied“ im Pullover

Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2009
Artikel veröffentlicht am 23. Juli 2009
Porträt des Mannes, der die Zügel des dahinsiechenden Unternehmens Fiat in die Hand nahm, um es in einen Champion der Autoindustrie zu verwandeln und sich mit General Motors zu einigen. "Yes, we can".

Der Mann mit dem Pullover spricht nicht viel. Und wenn, dann spricht er Englisch, die Sprache, in der er auch denkt. Des Öfteren hört man ihn Zahlen nennen. Die Zahlen, die seinen Erfolg und den der Fiat-Gruppe ausmachen. Deren Geschäftsführer wurde er im Jahr 2004, als das Turiner Unternehmen kurz vor dem Aus stand. Heute, fünf Jahre später, steht dieser Mann im Pullover an der Spitze eines multinationalen Konzerns, der in einer Wirtschaftssituation, wie sie für die Branche nicht ungünstiger sein könnte, konstant und hartnäckig Marktanteile erobert.

©Giuseppe Nicoloro/flickrDieser Wandel in Rekordzeit war durchaus nicht schmerzfrei: An der Tagesordnung standen Akquisitionen, Veräußerungen, Personalabbau und Entlassungen, auch auf Führungsebene. Dieser Mann im Pullover hat einen Ruf als „harter Bursche“, unvermeidbar für den Aufbau eines Unternehmens, das so weit wie möglich marktorientiert und flexibel sein soll. Auch deshalb flößt das Büro 4.26 im „Lingotto“ (Stadtteil von Turin, A.d.R.) bei der Erwähnung schon Respekt ein. In diesem Büro hat Sergio Marchionne Fiat wie einen Strumpf umgekrempelt und seine Vorstellung vom Automobilbau auf ein weißes Blatt gezeichnet. Und aus diesem Büro hört man heute mitunter Gainsbourg oder klassische Musik. „Aber nur, wenn der Klang perfekt ist“, ergänzt er, was für einen Freund der Exzellenz wie ihn fast pleonastisch anmutet.

Der Cinquecento ist unser iPod

Er ist 52-er Jahrgang, Kosmopolit, Europäer zu zwei Dritteln (Italiener, Schweizer, Kanadier) und Philosoph zu einem Drittel (weitere zwei Hochschulabschlüsse in Jura und Wirtschaftswissenschaften, inklusive Master in Business Administration) mit einer Leidenschaft für Poker - wie behauptet wird. Allerdings erklärte er mehrmals: „Poker hin, Poker her - ich bevorzuge „Scopone Scientifico“ (ital. Kartenspiel, A.d.R.). Sergio, der „Martellatore“ (ital. Hammerschmied, A.d.R.), wie er im Lingotto genannt wird, begann seine Karriere relativ spät, erst mit 31 Jahren, als viele seiner „Konkurrenten“ bereits attraktive Positionen in international tätigen Konzernen bekleideten. Der Mann im Pullover hingegen hat lange „seine Klingen geschliffen“, an seiner Bildung gearbeitet. Auch heute noch klingelt bei ihm der Wecker früh um 5.00 Uhr, weil er sich vor der Arbeit den Luxus gönnt, Financial Times, Corriere, Repubblica, Stampa und Sole 24 Ore zu lesen.

Marchionne debütierte erst, nachdem er seinen individuellen Weg gefunden hatte, fern von Scheinwerferlicht und Traumgehältern. Dieser Weg ist für ihn heute mehr als eine Lebensphilosophie, fast eine Notwendigkeit. So ist es sicher auch kein Zufall, dass er auf die Frage nach seinen Vorbildern Sarkozy nennt: „Ein Mann der Rechten, der sich auch gegenüber Menschen öffnet, die nicht zu seinem ‚Stamm’ gehören“. Er zeigt Pragmatismus im Stil Macchiavellis, unter dessen Panzer jedoch ein unerwartet warmes Herz erkennbar ist: Bei der Präsentation des neuen Fiat 500 erklärte Marchionne: „Ich will, dass Fiat der Apple der Autoindustrie wird. Und der 500 ist unser iPod.“

Neuer Aufschwung für „Made in Italy“

In Sachen „Made in Italy“ wartet Marchionne mit einer nicht zu unterschätzenden Werkzeugkiste auf: Neben seiner Pulloversammlung (alle mit einer kleinen Trikolore, nicht nur zum Schmuck, sondern als Ausdruck eines Patriotismus, den keiner seiner Auslandsaufenthalte auslöschen konnte), waren es vor allem die Technologie und die Logistik, die Fiat die Kraft zu praktisch kostenlosen Akquisitionen (wie das Chrysler-Geschäft) verliehen, in Kombination mit einer fast manischen Aufmerksamkeit für das typische Design Made in Italy, dessen Ideale der Automobilhersteller heute in jeder Hinsicht verkörpert. So stark, dass er die Titelseiten amerikanischer Zeitungen erobert und sogar von einem gewissen Barack Obama anerkennend erwähnt wurde.

Zweifellos ein historisches Ereignis, im Grunde aber gar nicht so überraschend, wenn man Marchionne kennt. Der Mann im Pullover und der erste schwarze US-Präsident der Geschichte haben weitaus mehr gemeinsam als eine Erfolgsgeschichte: Beide haben mit einem „Yes, we can“ begonnen. Marchionne erinnert sich: „Als ich zum ersten Mal in den Stadtteil Lingotto kam, roch es dort nach Verwesung - Industrie-Verwesung, meine ich. Als ich die Dreijahresziele verkündete, hielten mich die Leute für verrückt.“ Sowohl Marchionne als auch Obama pflegen den Kult der Veränderung: „Der Leader von Fiat muss für mich die Fähigkeit besitzen, Veränderungen anzunehmen, die ihm unterstehenden Personen anzuleiten und die ganze mittlere Führungsebene zu bekehren.“ Und er muss klarstellen, wer Weisungen einerseits zu geben und andererseits zu befolgen hat: „Am Ende sind es nämlich immer die Leute im Overall, die schuldlos die Fehler der Schlipsträger ausbaden.“

Sergio Marchionne ist aber auch ein Romantiker. Den 14. Februar 2005 verbrachte er in New York. Im Einzelnen: Nicht etwa auf einer Bank im Central Park mit seiner geliebten Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat, sondern zu Verhandlungen mit General Motors, um das Wunder der PUT-Option (Verkaufsoption ohne Verkaufspflicht, A.d.R.) zu vollbringen, das den erneuten Aufschwung von der Fiat Gruppe, wie wir sie heute kennen, erst möglich machte. Das heißt, einer Gruppe, die auch jetzt noch ein paar Asse im Ärmel hat. Wenn auch nicht für einen Flush oder Straight Flush, denn wir sind zwar ein multinationaler Konzern, aber die Führungsspitze ist und bleibt in Italien. Anstelle von Texas Holdem bleibt für die nächste Runde also noch der Stapel Scopa-Karten auf dem grünen Tisch.