Politik

Europas neue Germanophobie: Wer hat Angst vorm bösen Deutschland?

Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 1. Dezember 2011
Die Töne gegen Kanzlerin Merkels Tatenlosigkeit in der Euro-Krise und ein zu 'deutschlastiges' Europa werden immer lauter – und heftiger!

Auf dem Alten Kontinent geht ein Schreckgespenst namens 'Deutsches Europa' um. Auf dem britischen Inselstaat wetterte der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage (UKIP) gegen ein „von Deutschland dominiertes Europa“ und laut Daily Telegraph wolle Deutschland Europa 'zurückerobern'. In Frankreich echauffierte sich ein Regierungsmitglied darüber, Deutschland dominiere alles, ein anderer, es wolle sich als europäischer Führer aufzwingen.

Woher diese plötzliche Germanophobie? Im Prinzip geht es um Deutschlands (zu) tragende Rolle in der EU: Nur Deutschland sei finanzkräftig genug, um den verschuldeten EU-Ländern Händchen halten zu können, weshalb man die Rettung des Euro (oder im Zweifelsfall auch dessen Untergang) in deutscher Hand sieht. Erst am Montag appellierte Polens Außenminister Radoslaw Sikorski dramatisch an die Bundesregierung, bei europäischen Reformen zu führen und den Zusammenbruch der Euro-Zone zu verhindern.

Problem Nummer eins: Für mehr finanzielle Hilfe verlangt Merkel mehr Kontrolle über die nationalen Wirtschaftssysteme. Das erinnert viele, etwa die Daily Mail, an frühere Nazi-Aspirationen: „Wo Hitler es nicht schaffte, Europa mit militärischen Mitteln zu erobern, folgen die modernen Deutschen mit Handel und finanzieller Disziplin. Willkommen im Vierten Reich.“

Populistisches Kauder-welsch – auch aus Deutschland

Mit Blick auf Großbritannien kommt die 'Feinfühligkeit' des CDU-Fraktionschefs Volker Kauder erschwerend hinzu, der im Februar seine Kritik am vermeintlichen britischen Egoismus beendete mit: „Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen.“ Britische Medien gingen auf die Barrikaden, allen voran die Daily Mail, die den Satz auf den Titel hob - Verweis auf Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels inklusive. Doch wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Auch deutsche Kommentatoren verwenden einen oft unpassenden Ton und verhalten sich laut dem Blog Sprengsatz wie die „Elefanten im europäischen Porzellanladen“.

Mecker-Merkel-Stimmung in Europa

Kein Wunder also, dass sich die Kritik an Deutschland nun europaweit niederschlägt. Im einst von Hitler besetzten Griechenland tauften Zeitschriften den deutschen EU-Beamten Horst Reichenbach um in „Dritten Reichenbach“ und betitelten Fotos seines Büros als „Die neue Gestapo-Zentrale“. Auch protestieren Griechen regelmäßig in Nazi-Uniform gegen eine scheinbare deutsche Aufbürdung. Spaniens Tageszeitung ABC frotzelte, Merkel habe „ungefähr dieselbe Vorstellung von der Lage der EU in sechs Monaten wie ein spanischer Arbeitsloser, ein griechischer Bauer, eine dänische Hausfrau oder ein Dreher von Daimler Benz“. Laut Italiens Wirtschaftsblatt Il Sole sperrt sich Deutschland in einen „Elfenbeinturm“ ein. Die rumänische Dilema veche vergab einen Oscar an Merkozy als beste Hauptdarsteller im „Horrorstreifen '2011, die Haushaltsodyssee'“. Selbst in Deutschland kommt Kritik an Merkels Kurs auf.

In der Tat kann Merkels Strategie in den Augen der anderen Mitgliedstaaten rücksichtslos erscheinen: Ist die Kanzlerin nur auf persönliche Vorteile bedacht, während die anderen EU-Länder samt Euro über die Kante fallen? Sicherlich ist Merkels harter Kurs nicht ohne politisches Risiko: eine Spaltung erst der Währungsunion, dann der EU – derartige Chaos-Szenarien werden in verschiedenen Brokerhäusern bereits diskutiert. Die EU-Staaten fürchten um ihre nationale Souveränität, bestärkt von der Angst vor einem zweiten Nazi-Deutschland.

Can't-win situation für Deutschland

Deutschland hat momentan gewissermaßen den schwarzen EU-Peter inne. Britische und französische Leser kritisieren, ihre Länder machten Deutschland für eigene Fehler verantwortlich. Laut dem britischen Konservativen Boris Johnson werde „Deutschland […] einfach in diese Position gedrängt, durch seine wirtschaftliche Macht und die politische Notwenigkeit“. Deutschland befindet sich in einer „can't-win situation“, erläutert von Ex-Außenminister Joschka Fischer: „Wenn Deutschland handelt, entsteht die Furcht, dass Deutschland dominiert. Wenn Deutschland nicht handelt, entsteht die Furcht, dass sich Deutschland von Europa abwendet.“

Doch Merkel lässt die EU in ihren Plänen alles andere als außen vor. Vielmehr soll die geforderte finanzielle Disziplin die Märkte beruhigen und dadurch die EU stabilisieren – wobei die deutsche Kanzlerin unterstreicht, dass sich die Länder angesichts eines Deutschlands in Spendierhosen erstens nicht anstrengten, und dass ihnen zweitens nur von einem finanzstarken Deutschland geholfen werden könne. Und Merkels Strategie trug zunächst Früchte: Finanzschwache Länder sind ihren Staatsfinanzen zu Leibe gerückt, die Finanzmärkte freuten sich. Bis die nächsten Hiobsbotschaften kamen.

Sollte Deutschland stur bleiben und den Euro-Kollaps weiter vorantreiben, sehen viele eine düstere (oder gar keine) Zukunft für Europa. Französische Politiker nuancieren nur von „Katastrophe“ (Attali) über „Tod durch Ersticken“ (Bourlanges) zu „Ende der nationalen Demokratien“ (Myard). Einigkeit herrscht nur in einem: Deutschland hat alle Finger in Europas Zukunft; die französische Tageszeitung Le Monde sieht den alten Kontinent sogar komplett in deutschen Händen. Doch eine Sache wird völlig außer Beachtung gelassen: Im Alleingang kann Deutschland Europa nicht retten.

Illustrationen: Homepage (cc)Pentadact/flickr; Video (cc)europarl/YouTube