Politik

Europa trumpft in erneuerbaren Energien: Noch!

Artikel veröffentlicht am 28. April 2010
Artikel veröffentlicht am 28. April 2010
Als im Januar 2009 der russisch-ukrainische Knatsch für eine Unterbrechung der Erdgaslieferungen an 18 europäische Länder sorgte, wurde einmal mehr unsere Energieabhängigkeit deutlich. Doch Europa ist auf dem besten Weg, nachhaltige Alternativenergien zu entwickeln.

Für den auf Energie spezialisierten amerikanischen Historiker John Perlin ist die Geschichte der Zivilisation ein einziger langer Kampf um Ressourcen. Um welches zeitgenössische Problem es sich auch handeln mag; alles ist schonmal dagewesen, so auch die Debatte um Energie-Ressourcen: „Als vor 3. 000 Jahren ein Pharao in den waldreichen Libanon kam, um Holz einzufordern, lachte ihn der libanesische Prinz nur aus und sagte: Du brauchst mein Holz, aber ich brauche nichts von dem, was du besitzt. Diese Episode ähnelt der heutigen Beziehungskonstellation zwischen Russland und Europa hinsichtlich der Erdgasversorgung. Das Gut, von dem man abhängig ist, kann ausgehen, will Perlin mit dieser kleinen Anekdote wohl sagen.

Gemäß Prognosen wird diese Abhängigkeit Europas von Russland noch extremer werden, meint Bo Diczfalusy, Leiter des Departements für nachhaltige Energie der Internationalen Energieagentur (IEA), die ihren Sitz in Paris hat. „Wenn nichts getan wird, müssen immer mehr Energie-Ressourcen aus Regionen importiert werden, die politisch nicht stabil sind. Und diese Unsicherheit in Bezug auf die zukünftige Energieversorgung ist einer der politischen Motoren für die Forschung im Bereich der erneuerbaren Energien.“

Diczfalusy kann sich durchaus eine Zukunft mit Alternativenergien für Europa vorstellen: „In zehn oder zwanzig Jahren wird das europäische Energiesystem komplett anders aussehen und erneuerbare Energien werden ein essentieller Teil davon sein.” Obwohl die Erwartungen infolge der Ergebnisse der UN-Klimakonferenz im Dezember 2009 in Kopenhagen gering angesetzt waren, sei die Stimmung während der im März 2010 stattfindenden Europäischen Woche für nachhaltige Energie gemäß Diczfalusy ziemlich optimistisch gewesen. „Dieser Optimismus tut gut“, sagt er. „Vor einem Jahr noch sprach man nur von Förderung  grünen Wachstums und Umwelttechnologien in Hinsicht auf Kopenhagen. Erst jetzt nach dem Klimagipfel sieht man in der Entwicklung erneuerbare Energien ein sinnvolles Hilfsmittel für den wirtschaftlichen Aufschwung.“

Europa: Champion in erneuerbaren Energien

Europa gilt bisher noch als Vorzeigeschüler in puncto erneuerbare Energien. Für die Olympischen Spiele 2008 in Peking konstruierte eine deutsche Firma (Odersun) die Solarzellen für das Dach des Olympiaparks. Den größten Teil der ausgeschriebenen Summe für Windenergie-Projekte im Rahmen des 2009-Konjunkturprogramms von Barack Obama ergatterte die spanische Firma Iberdola. Kleinere Projekte gingen aber auch an die Firma Horizon Wind Energy, die dem portugiesischen Konzern EDP Renováveis angehört. Dem italienischen Unternehmen Enel Green Power kamen über 61 Millionen Dollar für seine in Nevada angesiedelten geothermischen Anlagen zu.

Im März 2010 wurde die Initiative “Friends of the Supergrid” als “globale Chance für europäische Firmen nachhaltige Energietechnologien zu exportieren” gelabelt. Die Supergrid-Gruppe zehn führender EU-Konzerne (inklusive des in Deutschland angesiedelten Energiekonzerns Siemens) und anderer Organisationen will zudem mehr Druck machen, um eine Neuregelung für ein paneuropäisches "grünes" Energienetz zu erstellen. “Das Problem eines solchen Meganetzwerks ist nicht technologischer Art, sondern liegt vielmehr darin, eine länderübergreifende Stimme zu finden“, erklärt Alfons Benzinger von Siemens. “Momentan ist es unmöglich, die in Großbritannien produzierte Offshore-Energie nach Deutschland zu importieren. Die Systeme sind nicht kompatibel und müssen erst harmonisiert werden - über die notwendige Technologie, um diese Harmonisierung umzusetzen, verfügen wir jedoch bereits.“

Die momentane EU-Forderung: Bis 2020 sollen 38% des Energieverbrauchs über erneuerbare Energien abgedeckt werden.

„Nun besteht das Risiko, dass Europa in den nächsten Jahren überholt wird“', meint Bo Diczfalusy. “Hinsichtlich des Produktionsvolumens sind China und die USA in der Tat beeindruckend. Europa bleibt aber dennoch weltweit führend in Sachen Umwelttechnologie.” Während Euroskeptiker die nationalen Eigenheiten als Europas größte Schwäche sehen, sind diese„künstlerischen Unterschiede“ für Diczfalusy geradezu Europas Stärke. „Verschiedene Nationen Europas waren Champions in unterschiedlichen Bereichen der Alternativenergie: Dänemark in der Windenergie, Spanien in Solarenergie, Schweden in Energie aus Biomasse.

Nur durch diese Vielfalt konnte man den Wettbewerb in Europa ankurbeln, der nun auch die Forschung vorantreibt. Mit einer 'europäischen Zentralmacht' und dem Bemühen, in allem der Beste sein zu wollen, wären wir längst nicht an diesem Punkt. Ich hoffe, dass diese Art von Wettbewerb beibehalten werden kann.” Diczfalusy ist zuversichtlich, dass erneuerbare Energien die Chance für die EU sind, eine starke Macht, wenn nicht gar eine Supermacht, auf dem Weltparkett zu werden. „Sicher werden wir in Sachen Massenproduktion nicht mit China oder Indien konkurrieren können. Aber der Markt der erneuerbaren Energien braucht ausreichend technisches Wissen, gute Innovationssysteme und darüber hinaus ein Bewusstsein für den Konsumenten. Genau das ist Europas Chance.“

Für John Perlin jedoch ist das alles nichts Neues. „Cäsar dachte, die Wälder Zentraleuropas wären unerschöpflich; die Amerikaner und die Europäer dachten, die Wälder Nordamerikas wären unerschöpflich. Aber dem war nicht so. Das Trugbild der Unerschöpflichkeit ist ein Teil der Zivilisationsgeschichte. Die einzige Lösung besteht darin, erneuerbare Energien zu entwickeln, deren Ressourcen nicht ausgehen können.“ Dieses Mal kann die neue Technologie vielleicht für eine Wende in der Geschichte sorgen.

Fotos: ©squacco; ©Malu Green!/flickr