Politik

Erasmus für Unternehmen

Artikel veröffentlicht am 19. September 2007
Artikel veröffentlicht am 19. September 2007
Mangels Sprachkompetenz verschenken 11 Prozent der exportierenden mittelständischen und kleineren Unternehmen in der EU wichtige Handelsmöglichkeiten. Leonard Orban, EU-Kommissar und Don Quijote der Mehrsprachigkeit, will Abhilfe schaffen.

Am 21. September findet in Brüssel eine Konferenz zur Förderung von Fremdsprachen und interkultureller Kompetenz von Unternehmen statt. Ziel der Veranstaltung: die Vermittlung von Handelsstrategien für europäische Unternehmen und die bessere interkulturelle Verständigung der Mitgliedsstaaten. Die Konferenz leitet der junge EU-Kommissar Leonard Orban. Der Rumäne bekleidet das am 1. Januar dieses Jahres geschaffene Amt des EU-Kommissars für Mehrsprachigkeit. Den Sommer über bereiste er ganz Europa: Er präsentierte seine politische Agenda und versuchte dabei die europäischen Regierungschefs für sich und seine Politik zur Förderung der Fremdsprachenkenntnisse und des Dialogs zwischen den Mitgliedstaaten zu gewinnen.

Viel Englisch - wenig Mittel

Die Eurobarometer Umfrage Die Europäer und ihre Sprachen aus dem Jahr 2006 ergab, dass Englisch die meist verwendete Sprache in der EU ist. Über die Hälfte der befragten Europäer gaben an, diese Sprache zu beherrschen und zu benutzen - weit abgeschlagen folgen Deutsch (32 Prozent) und Französisch (26 Prozent). Ausgerechnet eine englische Institution - das UK National Centre for Languages – macht deutlich, dass "Englisch allein nicht genügt, damit europäische Unternehmen ihre Handelsmöglichkeiten voll ausschöpfen können."

Laut einer ihrer Studien von Anfang 2007 könnten kleinere und mittelständische Unternehmen, die in Fremdsprachenkentnisse investieren - vor allem in Russisch, Chinesisch und Arabisch - um 44,5 Prozent höhere Exportquoten aufweisen. Auf diesen Daten und der symbolträchtigen Tatsache, dass die erste Verordnung in der Geschichte der EWG die offiziellen Gemeinschaftssprachen betraf, baut Leonard Orbans Posten auf, den die Medien seit seiner Schaffung eher belächelt haben.

Die Summe, die die EU der Kommission für Mehrsprachigkeit zur Verfügung stellt, beträgt 1,1 Milliarde Euro, oder anders ausgedrückt: gerade mal 1 Prozent des Gemeinschaftshaushaltes. Obwohl dies ein Zuwachs von 20 Prozent im Vergleich zur Finanzperiode 2000-2006 bedeutet, "ist dies bei weitem nicht ausreichend", wie Orban bei einem Pressefrühstück in Paris verdeutlichte, "wenn man bedenkt, dass wir mittlerweile nicht mehr nur 11, sondern 23 Amtssprachen in der Union zählen und wir das beste Übersetzungssystem der Welt, mit über 3.500 Mitarbeitern, beibehalten wollen."

Erasmus für Unternehmen

Dieselbe britische Studie stellte fest, dass nur die Hälfte der befragten Unternehmer eine Initiative oder ein nationales Programm zur Förderung von Sprachkompetenzen in Unternehmen kennt, und keiner von ihnen an die Effizienz dieser Maßnahmen glaubt. Wie will die EU demnach dieses Niemandsland mit Leben erfüllen?

Orban hält drei Lösungsvorschläge bereit, die das Erlernen von Sprachen in der EU vorantreiben sollen: Ab 2008 wird eine Art Erasmus-Programm für Unternehmen gestartet, das den Austausch von Mitarbeitern europäischer Unternehmen ermöglicht. Darüber hinaus sollten in den Kinos mehr Filme in Originalfassung mit Untertitel laufen. "In Portugal und Rumänien kommen die Menschen sehr gut mit Fremdsprachen zu Recht", versichert Orban. "Filme sind dort schon immer in der Originalversion gezeigt worden." Außerdem soll ein Auslandsaufenthalt für postgraduierte Studenten verpflichtend werden.

Auf die Frage nach der Dominanz des Englischen als Verkehrssprache, die sich sogar auf den Gängen der Brüsseler Büros manifestiert, erklärt Orban: Seine Aufgabe sei es die Mehrsprachigkeit in Europa zu fördern, nicht einige Sprachen gegenüber dem Englischen zu privilegieren. Mit einer gewissen Häme fügt er hinzu: "Die Journalisten - egal welcher Nation - sind doch die Ersten, die das Englische fast schon systematisch in jeder Pressekonferenz verwenden."