Politik

Eiserner Vorhang auf: Die Zukunft kommt aus Osteuropa

Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 21. Dezember 2009
Ein junger italienischer Journalist machte sich auf die Reise durch Deutschland, Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die Slowakei, jene Länder also, die hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Er hat die verborgensten Winkel dieses ehemals kommunistischen Europas bereist, um dem Europa, in dem er heute lebt, neuen Sinn einzuhauchen.

Der 31-jährige Journalist Matteo Tacconi aus Umbrien ist von Osteuropa begeistert. Er schreibt für das Parteiorgan der Partito Democratico - Europa - und für die auf europäisch-asiatische Themen spezialisierte Zeitschrift East. Von der italienischen Zeitungslandschaft hingegen ist er nur wenig begeistert. Seiner Meinung zufolge ist sie „zu politisch, zu sehr auf Berlusconi konzentriert“. Er ist davon überzeugt, dass man sich mehr dafür interessieren sollte, was jenseits der Grenzen passiert. Seine außenpolitischen Analysen beschäftigen sich deshalb mit dem Balkan, Mittelosteuropa und mit dem Gebiet „östlich von Warschau“, der ehemals „roten Welt“. In seinem Anfang Oktober 2009 von Castelvecchi herausgegebenen Buch C'era una volta il muro ('Es war einmal die Mauer') befasst er sich mit dem postkommunistischen Europa und gibt ein Bericht zur Lage in den Ländern, die hinter dem Eisernen Vorhang lagen.

Es scheint fast, als sei die Mauer nicht in Berlin gefallen...

Matteo TacconiEs gab zuerst andere Erschütterungen. In Polen mit Solidarnosc oder die Ungarn, die entscheidend für den Fall der Mauer waren. Dies waren Nationen, die an der Spitze der Befreiungsbewegung standen, die den Sturz der Regimes aktiv vorangetrieben haben. Ungarn hat den runden Tisch sofort nach Polen eingeführt und hat bereits im August '89 die Grenzzäune eingerissen. Und wenn man noch weiter in der Geschichte zurückblickt, so waren im Jahr 1956 wieder Polen und Ungarn die Protagonisten. Auch 1970 waren es wiederum die Polen, die den Takt vorgaben. Man muss weit zurückgehen, um zu den Wurzeln des 9. November 1989 zu gelangen.

Du bist davon überzeugt, dass der Osten Europa gemacht hat. Wie meinst Du das?

Wenn man vom vereinten Europa spricht, von der „Wiedervereinigung“, und alles sich auf das Jahr 2004 konzentriert und hervorgehoben wird, dass der Westen sich in Richtung Osten erweitert hat, vergisst man, dass man ohne die Ereignisse von 1989 nicht vom erweiterten bzw. vom vereinten Europa sprechen würde. Es war nicht der Westen, der den Kommunismus zu Fall gebracht hat und trotzdem erkennen wir auch heute noch nicht die Verdienste des Ostens an. Für alle im Westen war der Status Quo doch bequem, es war eine goldene Ära und man musste sich nicht um den Osten „kümmern“ - höchstens ein wenig auf emotionaler Ebene unterstützen. Selbst einige Monate bevor die Mauer fiel, sagte Andreotti noch, dass er Deutschland so möge, dass er froh sei, dass es zwei davon gebe. Mitterrand und die Thatcher fürchteten, dass ihre Vorherrschaft über den Kontinent eingeschränkt werden würde. Der Osten hat sich alleine, ohne Hilfe von außen befreit. Und ich glaube auch, dass es der Osten ist, der Europa macht. Der Westen hat die Erweiterung sehr bürokratisch verwaltet. So hat der Integrationsprozess eine halbe Ewigkeit gedauert, und zwar so lange, dass die Bedeutung von '89 geschmälert wurde. Wer erinnerte sich denn im Jahr 2004 noch daran?

Wie ist die Stimmung in diesen Ländern?

Man kann die Zukunft dort förmlich spüren. Geht man durch die Straßen von Warschau oder Budapest, aber auch durch andere kleinere Städte, dann spürt man an jeder Straßenecke Dynamik und die Lust, Dinge umzusetzen. Die Osteuropäer verlassen ihre Heimat, wandern aus und kommen wieder zurück, bauen ihre eigene Firma auf. Sie sind der Zukunft zugewandt. Wir Italiener, Franzosen, Engländer und Spanier hingegen sind doch alle faul geworden. Ein weiteres, immer noch weit verbreitetes Vorurteil, das ich widerlegen wollte, war die Traurigkeit. Man verbindet mit diesen Gegenden graue, dunkle Landstriche, die Überreste der kommunistischen Ära, die nicht enden möchte - so als ob man dort noch vor den Lebensmittelgeschäften Schlange stehen würde. Dabei sind dies farbenfrohe Orte, die man entdecken, wiederentdecken muss.

Es scheint so, als ob es noch andere Vorurteile gibt, die zu widerlegen sind...

Wir nannten es den Ostblock und denken immer noch in dieser Kategorie, obwohl es sehr unterschiedliche Länder sind. Die Polen z.B. sind impulsiv, aufbrausend und abenteuerlustig, die Ungarn hingegen sind mehr Mitteleuropäer, aber sehr herzlich, die Tschechen sind in ihrer Disziplin fast deutsch, die Slowaken sind europa- und russlandfreundlich zugleich. Und dieser ganze Reichtum, diese Vielfalt wird gar nicht als „Reichtum“ gesehen.

Gibt es kulturelle Errungenschaften, die wir unbewusst von Osteuropa übernommen haben?

Dafür muss man nur an den historisch-kulturellen Reichtum dieser Länder denken. Die Zäsur des Kalten Krieges, die 40 Jahre unter der Vorherrschaft von Moskau, haben nicht die Literatur, die Kunst, die Geschichte, das ganze kulturelle Erbe ausgelöscht. Vier Jahrzehnte unter Moskauer Vormachtstellung haben diese Nationen nicht zerstört. Dass sie auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs waren, verleitet uns immer noch dazu zu glauben, dass sie einfach nur Vasallen Moskaus waren. Dadurch haben wir vergessen, dass ihr Erbe, ihre kulturellen Werte historisch gesehen europäisch sind und all dies ist jetzt wieder zum Vorschein gekommen.

Entwickelt sich die EU nichth mehr hin zu einem föderalen System wie es in den USA existiert, anstatt sich dem Traum eines wirklich vereinten Europas zu nähern?

Das hängt mit dem Verhalten der Regierungen zusammen. Europa hängt noch an der Idee des Nationalstaats und das ist sicherlich ein Problem. Aber auch wenn der Nationalstaatsgedanke an Bedeutung verliert, müssen alle kulturellen Unterschiede notwendigerweise fortbestehen. Denn wenn wir alle gleich wären, würde dies eine Homogenisierung wie zu Zeiten der großen Imperien bedeuten. Die Unterschiede müssen jedoch in einen gemeinsamen europäischen Geist gebündelt werden. Ich denke dies ist ein zentraler Wert des heutigen und vor allem des zukünftigen Europas.

Foto: muslimpage/Flickr