Politik

Drei Schwule und ein Christdemokrat: Die irischen Präsidentschaftswahlen 2011

Artikel veröffentlicht am 13. September 2011
Artikel veröffentlicht am 13. September 2011
Was haben ein 81-jähriger Sportkommentator, ein Diskussionsteilnehmer der Show Dragon’s Den [bedeutet soviel wie 'Drachenhöhle'] und ein international aktiver Schwulenrechtler gemeinsam? Sie alle sind gesetzt für die irischen Präsidentschaftswahlen. Während die aktuelle Regierung verbissen darum kämpft, das 'höchste Amt des Landes' für sich zu behalten, kocht die Öffentlichkeit vor Wut.
Die Wahlen finden am 27. Oktober statt.

Vor ein paar Wochen, in den Tiefen von Dublins blutverkrusteten georgianischen Straßen, kündigte David Norris – bis dahin haushoher Favorit im irischen Wahlkampf ums Präsidentenamt – seinen Rückzug aus dem Rennen an. „Ich habe bewiesen, dass es für eine schwule Person nun möglich ist, als fähig für das höchste Amt des Landes angesehen zu werden“, erklärte er stolz einer prallen Meute von Journalisten.

„Ich hätte liebend gern die Möglichkeit gehabt, als Präsident von Irland, dieses Amt in den Dienst aller Menschen zu stellen, aber das ist nicht länger möglich.“ Passend zum Ende einer entschieden dramatischen Reise zitierte er den irischen Dramatiker Samuel Beckett: „Das hat nichts zu sagen“, brüllte er, „Versuch’ es wieder. Versage wieder. Versage besser!“

Ein offen schwuler, sozial-liberaler und politisch unabhängiger Kandidat

Versagen ist leider eine Disziplin, in der Irland sich im letzten Jahr mehr und mehr verbessert hat. Die Gelegenheit, einen offen homosexuell lebenden, sozial-liberalen und politisch unabhängigen Kandidaten als Präsidenten zu wählen war für viele eine Chance, dem aktuellen Monopol korrupter, nepotistischer Spießgesellen, die kürzlich die Wirtschaft zum Zusammenbruch brachten, den Mittelfinger zu zeigen.

Eine Woche vor Norris’ Rückzug versuchte die in Ungnade gefallene Fianna Fáil Partei [zu deutsch etwa 'Soldaten des Schicksals'; A.d.R.] in einer Art monumental-altmodischem Versuch der Volksanbiederung, den Moderator einer Familien-Plauder-Sendung, Gay Byrne, zu nominieren - der ist nützlicherweise davon überzeugt, dass Irland von „bösen Menschen in Brüssel“ geleitet wird. Die öffentliche Reaktion war so boshaft, dass Fianna Fáil sich zum ersten Mal in der Geschichte dazu entschloss, sich komplett aus dem Wahlkampf zurückzuziehen.

Die Spießgesellen scheinen jedoch, zum Missfallen der Nation, mit ordentlich Unterstützung durch die katholische Rechte erfolgreich wieder aufgetaucht zu sein. Norris wurde aus dem Rennen gekickt als seine Unterstützer in der jetzigen Regierung ihn plötzlich fallen ließen. Der Grund: Eine Kontroverse um ein Gnadengesuch, welches Norris im Namen seines früheren Partners schrieb, der wegen Unzucht mit Minderjährigen in Haft sitzt. Ohne ausreichende Unterstützung von Regierungsseite kam Norris als Kandidat nicht mehr in Frage, der Name des ehemals aussichtsreichen Kandidaten findet sich nun nicht einmal mehr auf dem Wahlzettel.

Öffentliche Unzufriedenheit

In der Zwischenzeit nominierte die konservative Partei Fine Gael ['Familie der Iren'; A.d.R.] selbstgefällig den christlichen Demokraten Gay Mitchell, der, obwohl er selbst eine ungenannte Anzahl von Gnadengesuchen verfasst hat, mysteriöserweise seine Regierungsunterstützung aufrecht erhalten konnte. Er scheint außerdem in Verbindung zu der extremistischen katholischen Organisation Dignitatis Humanae Institute [Das Europäische 'Institut für menschliche Würde'] und zum schwulenfeindlichen Iona Institute zu stehen. Ebenso teilt er die Auffassung des italienischen Europaabgeordneten Rocco Buttiglione, Homosexualität sei eine 'Sünde'.

„Gay Mitchell steht für alles, was dieses Land seit Jahrzehnten so gerne hinter sich lassen würde“, sagt der in Dublin lebende Student Sorcha McElrenny. „Jeder war entsetzt als Norris dazu gezwungen wurde, zurückzutreten. Das ist, wo wir uns befinden. Wir wollten Norris, weil wir der Welt zeigen wollten, wie weit wir gekommen sind. Jetzt hat man uns die Chance verwehrt, dies zu tun.“ Die öffentliche Unzufriedenheit wurde noch durch ein generell als spektakulär armselig empfundenes und offen gesagt merkwürdiges Angebot an Alternativen verstärkt. Hoffnungsvolle Anwärter auf das Präsidentenamt umfassten den Diskussionsteilnehmer der TV-Show Dragon’s Den ['Drachenhöhle'], Séan Gallagher, den Kandidaten der republikanischen Partei Sinn Féin, Gerry Adams, den 81-jährigen Sport-Kommentator Michael O Muircheartaigh und den Inhaber eines Abschlusses in Agrarwissenschaften, Dermot Mulqueen (der verspricht, eine neue Hauptstadt im Herzen des Landes zu bauen und Fruchtzucker zu verbieten).

On 27 October

Wochen, nachdem Norris sich formell aus dem Wahlkampf zurückgezogen hat, wünscht sich tatsächlich einer von drei Teilnehmern einer Umfrage die Rückkehr Norris’. Eine ganze Kampagne wurde gestartet, um ihn zurück ins Rennen zu bringen. Norris’ „größtes ‚Verbrechen’ besteht darin, ein unverblümter Kämpfer für Menschenrechte zu sein“, lässt sich auf der Webseite WeWantNorris.com lesen, „aufgrund der archaischen und undemokratischen politischen Infrastruktur in Irland. Du hast kein Mitspracherecht wenn es darum geht, wer zum Präsidenten taugt.“ Eine ähnliche Tirade an Kommentaren, die von wachsender öffentlicher Entrüstung zeugt, findet sich auf der Facebook-Seite der Kampagne Senator David Norris for President: „Wir, das Volk, verlangen das Recht, für Kandidaten zu stimmen, die wir selbst wählen, nicht für solche, die von der 'politischen Elite' für uns ausgewählt wurden“, empört sich ein Kommentator. „Lass uns nicht im Stich“, heißt es in einem anderen Kommentar, „… hier geht es nicht um eine Person, sondern um eine ganze Nation.“

Fotos: Titelbild Mit freundlicher Genehmigung von ilovelimerick.ie; Norris © Mit freundlicher Genehmigung von Paul Glennovia, offizielle Facebook-Gruppe ‚Senator David Norris for President’; Wahlprognose (cc)informatique/flickr