Politik

Die unendliche Geschichte des Emmanuel Macron

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2017

Emmanuel Macron wurde von mehr als 20 Millionen Wahlberechtigten zum neuen Präsidenten Frankreichs gewählt. Es ist eine schöne Geschichte, die dennoch mit Vorsicht zu genießen ist. Denn weder Ausgang noch Akteure sind bisher bekannt. Und die Situation in Frankreich hat sich nicht geändert: Das Land ist gespalten.

Seien wir mal ehrlich, niemand hat damit gerechnet. Vor sechs Monaten, als Emmanuel Macron offiziell seine Kandidatur zur Präsidentschaftswahl bekanntgab, beteuerte man noch, dass die Chancen des Kandidaten der neuen Bewegung En Marche! ungefähr genauso hoch seien wie die eines Start-ups, das sich auf Videokassetten spezialisiert. Doch wir haben uns geirrt, gewaltig sogar. Erst heute wird uns klar, welche verrückte Geschichte sich direkt vor unseren Augen abgespielt hat: Ein 39-jähriger Mann, der sich noch nie zur Wahl stellen musste und bis vor drei Jahren völlig unbekannt war, ist neuer französischer Präsident. 

Macron, Mad Max und Mario Bros

Das Drehbuch ist schnell geschrieben. Alles beginnt mit einer ordentlichen Portion Wagemut. Mut, eine Bewegung mit eigenen Initialien zu gründen, um der Aufsbruchsstimmung einer Regierung entgegenzuwirken, die immer direkt ausflippt, wenn es darum geht, etwas zu unternehem. Mut, das Wirtschaftsministerium zu verlassen und sich so in die Leere zwischen Rechts und Links zu begeben, in der viele andere bereits versagt haben. Aber auch das Glück spielte eine wichtige Rolle. Glück, dass François Fillon Kandidat der Konservativen wurde. Glück, dass sich Benoît Hamon an der Asche der Parti Socialiste verbrannte. En Marche! geht ab wie eine Rakete und lässt den konservativen Kandidaten mit seinen Skandalen und den sozialistischen Kandidaten mit seinen Problemen hinter sich.

Am Tag nach der ersten Wahlrunde zeigen die Auswertungen altbekannte Gräben. Nach Großbritanien und den USA ist nun auch Frankreich zwischen den Gewinnern und Verlieren der Globalisierung gespalten. Eigentlich ist das Land sogar viergeteilt. In den Umfragen hat En Marche! den Front National überrollt. Zehn Tage vor der Wahl hat die Bewegung die Rückkehr von „La France insoumise“ (Ungebeugtes Frankreich) von Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélonchon erlebt. Drei Gruppierungen teilen sich also mehr oder weniger die Zustimmung der Franzosen. Nur bei einer Sache scheinen sie sich einig, dem so genannten dégagisme, was so viel heißt wie „weg mit den Alteingesessenen“.

Die europäische Pasokifizierung (die ihren Namen von dem fast vollständigen Verschwinden der griechischen sozialdemokratischen Partei Pasok hat, AdR) ist auch auf die französischen Konservativen übergegangen. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der fünften Republik hat es keine der großen Zentrumzparteien in die zweiten Wahlrunde geschafft. Dabei macht Marine Le Pen (FN) seit 20 Jahren Politik, Jean-Luc Mélenchon ist seit 1968 politisch aktiv und Macron ein ehemaliger Minister. Derweil taucht François Fillon wie bei einem schlechten Remake von Mad Max immer wieder im Rückspiegel auf, um die zweite Wahlrunde dann um einen Punkt zu verpassen.

Die französischen Präsidentschaftswahlen funktionieren ein bisschen wie Mario Bros. Wenn man verliert, ist man wieder am Anfang. Gewinnt man, entdeckt man eine neue Welt. Mit einem Klick auf Play hat der Wahlkampf zwischen den beiden Wahlrunden die Ungebeugten von Mélenchon und die Konservativen von Fillon weit hinter sich gelassen. Das neue Battlefield? Whirlpool. Die Fabrik in der Picardie, die Trockner herstellt, wird schließen, denn sie soll nach Polen delokalisiert werden. Hunderte Arbeitnehmer werden ihre Jobs verlieren, Schuld ist natürlich: die Globalisierung. Das Treffen wird auf dem Parkplatz der Fabrik stattfinden: Zu unserer Rechten Marine Le Pen, die Selfies macht. Zu unserer Linken Emmanuel Macron, der nach einem 'Hygiaphon' fragt und direkt die Retourkutsche bekommt. Jemand, der nicht mal weiß, was ein Megafon ist, kenne die Straße nicht. 

In der Woche vor der Stichwahl ermöglichten die gegensätzlichen Ideen dieses viergeteilten Frankreichs einen lächerlichen Schlagabtausch. Während der schlechtesten Präsidentschaftsdebatte aller Zeiten stritt die Rechtsaußenpartei auf unterstem Niveau mit dem Kandidaten der republikanischen Front, Emmanuel Macron - der musste lediglich auf in der sechsten Klasse erworbene Wirtschaftskenntnisse hinweisen, um den Angriff abzuwehren.

Zehn Prozent

Nun haben 20 Millionen Franzosen Emmanuel Macron gewählt. Das ist weniger als ein Drittel der Bevölkerung und gleichzeitig 66,1 Prozent der Stimmen. Auf der Wählerkarte der französischen Départements gibt es kaum Nuancen. Trotz der Stimmentransferts - das sind diejenigen Wähler, die im zweiten Durchgang für einen anderen Kandidaten stimmen mussten als im ersten - Enthaltungen und taktischen Wählerstimmen, hat En Marche! scheinbar überall gewonnen. In der Stadt und auf dem Land, im Osten und im Süden, in den fillonistischen und den mélenchonistischen Hochburgen. Das ist viel, heißt aber nichts. Viele erinnern daran, dass sich 16 Millionen Franzosen nicht entscheiden wollten und niemand weiß, was sich hinter En Marche! tatsächlich verbirgt. 

Einige sprechen von einer Zustimmung der Bevölkerung von zehn Prozent, wenn es um die Ideen des neu gewählten Präsidenten geht. Wenn man den Mitarbeitern der Kampagne glaubt, ist Frankreich ein glückliches, multikulturelles, junges und proeuropäisches Land mit einem gutaussehenden, turnschuhtragenden Präsidenten. Aber: Zehn Prozent, das war auch der Beliebtheitswert des scheidenden Präsidenten François Hollande...

Die französische Politik funktioniert wie Grand Theft Auto. Alles ist möglich, aber man kommt nie ans Ziel. Nach der Präsidentschaftswahl kommen die Parlamentswahlen, durch welche die Farben des zukünftigen Parlaments und das unverzichtbare Fundament der neuen Regierung entschieden werden. Während ganz Paris über den Namen des neuen Premierministers spekuliert (der sich vielleicht nur für einen Monat in seinem Regierungssitz, dem Hôtel Matignon, niederlässt), könnte der Wahlkampf, der am 18. Juni zu Ende geht, endlich den wahren Wert von En Marche! enthüllen.

Jetzt, wo Macron neuer Präsident ist, können nun auch endlich seine inhaltlichen Ideen vorwärts gebracht werden. Die Bewegung versprach neue Gesichter, Unbekannte. Es sind genau diese „Vertreter der Zivilgesellschaft“, die überall in Frankreich und oft weit von den Kameras und dem Zank der Medienwelt entfernt kämpfen sollen. Und da die Menschen nicht so schnell vergessen, wird dieser 'Vorwärtsmarsch' erneut in einem gespaltenen Frankreich - samt FN und Ungebeugten - stattfinden. Oder eben nicht.  

Ob man nun will oder nicht, Emmanuel Macron ist eine schöne Geschichte. Vor allem aber keine klassische, die man sich von Anfang bis Ende auf einer Videokassette ansehen kann. Der Sieg des Kandidaten von En Marche! ist nur die erste Folge einer langen Serie, die genauso spannend wie unvorhersehbar erscheint. Aber: Man kann in einer späteren Folge auch immer noch einen Reinfall erleben.