Politik

Die Tunis-Blogger: „Das ist keine Revolution 2.0"

Artikel veröffentlicht am 17. März 2014
Artikel veröffentlicht am 17. März 2014

2011 fei­er­ten die Me­di­en welt­weit die tu­ne­si­sche „Twit­ter-Re­vo­lu­ti­on“. Die Blog­ger waren die Helden und das In­ter­net ihre Waffe. Drei Jah­ren da­nach, wer­den  Blog­ger on­line be­droht und die tra­di­tio­nel­len Par­tei­en sind wie­der an der Macht. Doch die digitalen Avantgardisten sind nicht immer „die Guten“. Es leben die Blog­ger?!

Als ich Lina Ben Mhen­ni im Grand Café du Thea­t­re in der Ave­nue Bour­gui­ba tref­fe, ist sie aus der Puste. Sie setzt sich hin, und bit­tet dabei mit einem Hand­zei­chen ihren Bo­dy­guard her­an. Ge­ra­de kam sie aus der Uni, in der sie Pro­fes­so­rin ist. Wir be­gin­nen ein Ge­spräch, aber sie schaut über die große Ave­nue hin­weg, und be­ob­ach­tet lie­ber Hun­der­te spa­zie­ren­de Leute und fah­ren­de Taxis. Vor drei Jah­ren, fand auf die­sen Stra­ßen die tu­ne­si­sche Re­vo­lu­ti­on statt. Die viel be­schrie­be­ne Cy­ber-Re­vo­lu­ti­on, hält Lina für einen rei­nen My­thos. „Die Re­vo­lu­ti­on hat auf der Stra­ße statt­ge­fun­den, nicht im vir­tu­el­len Raum“, be­tont die be­rühm­tes­te Blog­ge­rin des Lan­des, und scheint ge­nervt zu sein, das stän­dig wie­der­ho­len zu müs­sen. 

A Tu­ni­sian Girl

Lina wurde 2011 zu einer fran­zö­si­schen Fern­seh­sen­dung ein­ge­la­den. Tariq Ra­ma­dan, be­rühm­ter ara­bi­scher In­tel­lek­tu­el­ler, be­haup­tete, die Blog­ger und sie hät­ten nicht im Namen der Be­völ­ke­rung ge­spro­chen und wür­den von US-In­sti­tu­tio­nen fi­nan­ziert. „Ich kenne nie­man­den, der Geld ge­nom­men hat, um einen Blog zu star­ten. Geld wofür? Einen Blog zu er­öff­nen ist doch nicht so schwie­rig!“, ent­geg­net sie ver­är­gert, als ich sie auf die Fern­seh­show an­sprach. Ihre per­sön­li­che Bio­gra­fie er­in­nert an Filme von Ta­ran­ti­no. 2007 star­te­te sie mit einem preis­wer­ten Lap­top von Car­re­four ihren ers­ten Blog: A Tu­ni­sian Girl. „Am An­fang woll­te ich nur ‘über Lap­pa­li­en‘ schrei­ben“, ge­steht sie. Dann kam die Zen­sur von der Ben Ali Re­gie­rung und ihre No­mi­nie­rung für den Frie­dens­no­bel­preis. Lina wurde da­durch zu einer der Haupt­fi­gu­ren der Re­vo­lu­ti­on.

Ei­ni­ge Zeit ist ver­gan­gen seit dem Rück­tritt des Dik­ta­tors und der Ver­ab­schie­dung der neuen Ver­fas­sung. Heute steht Lina unter dem Schutz der Po­li­zei. „Vor der Re­vo­lu­ti­on war ich zwar in einer Art Ge­fäng­nis, aber in einem grö­ße­ren. Heute bin Opfer einer Ver­leum­dungs­kam­pa­gne und be­kom­me stän­dig Mord­dro­hun­gen über Face­book. Ein Leben ohne Po­li­zei­schutz ist nun un­denk­bar“, sagt sie und wirft einen Blick vol­ler Sar­kas­mus und Re­si­gna­ti­on auf ihre Leib­wäch­ter. Wie ist das mög­lich? Ge­hör­ten die tu­ne­si­schen Blog­ger etwa nicht zur Avant­gar­de des Vol­kes? Und das In­ter­net, ist doch nicht mehr die schar­fe Waffe der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on? „Blogs, So­ci­al Media und das In­ter­net: sie alle sind zwei­schnei­di­ge Schwer­ter der Re­vo­lu­ti­on“, räumt Lina ein. „Vor drei Jah­ren dach­te ich, jeder wolle unser Land ver­bes­sern, aber ich war eine Idea­listin.“ Drau­ßen in Tunis ist Re­gen­wet­ter; dass spie­gelt das nie­der­schmet­tern­de Bild der Cy­ber-Com­mu­ni­ty wie­der.

DAS SCHLACHT­FELD

In Afri­ka und in der ara­bi­schen Welt, hat Tu­ne­si­en die höchs­te An­zahl an Face­book-Pro­fi­len. 2011 be­sa­ßen 50% der In­ter­net­nut­zer ein Face­book-Ac­count, heute sind die Mit­glie­der auf 3,4 Mil­lio­nen ange­stie­gen. Laut den Sta­tis­ti­ken, ist die Be­nut­zung von So­ci­al Media in Tu­ne­si­en tief in die Le­bens­ge­wohn­hei­ten der Men­schen ein­ge­drun­gen. Das brach­te unter an­de­rem Abdel Karim (37) dazu, 2013 den So­ci­al Media Club Tu­ne­si­en zu grün­den. Damit be­zweck­te er, jun­gen Leu­ten (60% der Face­book-Nut­zer sind zwi­schen 24 und 34) die po­li­ti­sche Be­deu­tung der So­ci­al Net­works zu er­klä­ren. Er kommt aus Zag­houan, einer Stadt 50 Ki­lo­me­ter süd­lich von der tu­ne­si­schen Haupt­stadt, wo der Job der lo­ka­len Po­li­ti­ker vor 2011 bloß dar­aus be­stand, „den Be­am­ten Ben Alis  Bei­fall zu klat­schen“.  Er lebt seit 2002 in Tunis, spricht Ara­bisch und Fran­zö­sisch, und ver­steht Ita­lie­nisch, weil er bis vor ei­ni­ger Zeit das Si­gnal des ita­lie­ni­schen staat­li­chen Fern­seh­sen­ders Rai 1  emp­fan­gen konn­te. Ich tref­fe ihn im Kel­ler­ge­schoss eines zwei­stö­cki­gen, wei­ßen Ge­bäu­des in der Ave­nue Ju­gur­tha, wo die tu­ne­si­sche In­ter­net­agen­tur (ATI) ihren Sitz hat. Er hält ge­ra­de einen Vor­trag über Web­ra­dios und teilt die Bühne mit Henda (30), die aus dem Vier­tel Aria­na, am nörd­li­chen Stadt­rand der Haupt­stadt stammt. Sie sind beide Blog­ger und po­li­tisch aktiv. An ihrem Se­mi­nar ne­h­men zehn Leute teil. 

Hin­ter den Fens­tern wer­fen die Pal­men Schat­ten auf den Asphalt. Ab­del­ Ka­rim legt sei­nen Lap­top vol­ler Auf­kle­ber auf den Tisch. Das Re­stau­rant ist bei­na­he men­schen­leer.

„Blog­ger? Sie sind wie freie Pro­to­nen: jedes geht sei­nen ei­ge­nen Weg“, er­klärt er. „ Die En­nah­da Par­tei (is­la­mi­sche Par­tei in Tu­ne­si­en) re­kru­tiert junge Leute mit dem Ziel, So­ci­al Media zu über­wa­chen und po­li­ti­sche Kam­pa­gnen on­line zu füh­ren. So­ci­al Media ist zum Schlacht­feld ge­wor­den.“

Heut­zu­ta­ge sind die So­ci­al Net­works (Face­book liegt wei­ter vorne), der neue po­li­ti­sche Wilde Wes­ten, wo Is­la­mis­ten, Kom­mu­nis­ten und An­ar­chis­ten auf­ein­an­der­sto­ßen. Als ich nach der Rolle der Blog­ger in der Jas­min­re­vo­lu­ti­on frage, ant­wor­tet mir Henda un­ver­blümt: „Blog­ger haben nur be­dingt eine Rolle bei den Um­brü­chen ge­spielt.“ Sie redet sel­ten von „Re­vo­lu­ti­on“. Nach ihrer Auf­fas­sung haben „die Me­di­en den Ein­fluss der So­zia­len Netz­wer­ke her­un­ter­ge­spielt, und In­ter­es­se auf Ak­ti­visten ge­lenkt, die nicht un­be­dingt fried­lich waren.“ 

IM BUNDE MIT DEM TEU­FEL 2.0

Als ich Ab­del­ Ka­rim nach sei­ner Mei­nung zu den Vor­wür­fen von Tariq Ra­ma­dan frage, fährt ge­ra­de ein von der Po­li­zei es­kor­tier­tes Auto am Fens­ter vor­bei. Er blickt ihm hin­ter­her und lä­chelt viel­deu­tig.

Beim ant­wor­ten lä­chelt er nicht mehr: „Fünf be­rühm­te tu­ne­si­sche Blog­ger haben von einer Aus­bil­dung pro­fi­tiert, die von einem ame­ri­ka­ni­schen Think-Tank fi­nan­zi­ell un­ter­stützt wor­den ist."

Das finde ich nach­voll­zieh­bar. „Jeder hätte das ge­macht. Wir woll­ten Ben Ali ver­ja­gen und dafür waren wir auch be­reit, ein Bünd­nis mit dem Teu­fel ein­zu­ge­hen.“ Vor zehn Jah­ren, schon längst bevor der Be­griff „Blog­ger“ po­li­tisch kon­no­tiert war, „bil­de­te das Re­gime Leute aus, um das In­ter­net­ zu über­wa­chen und auf Bei­trä­ge in den Foren zu ant­wor­ten“, er­zählt Henda. Dann än­der­te sich alles durch die „Web­po­li­tik“, die Re­vo­lu­ti­on 2.0 und die neue Re­gie­rung. Ich frage mich, ob die Re­vo­lu­ti­on hier wirk­lich statt­ge­fun­den hat. Tat­säch­lich schei­nen so­wohl Ben Ali, als auch die Re­vo­lu­ti­on „tot“ zu sein.

Diese Re­por­ta­ge wurde im Rah­men des Pro­jekts Eu­ro­med-Tu­ni­si dank der fi­nan­zi­el­len Un­ter­stüt­zung der Lindh Foun­da­ti­on und der Part­nership mit iWatch Tu­ni­sia ver­fasst.