Politik

Die 'Phobovoltaik' der Eurogeneration: In der Krise liegt die Kraft

Article published on 16. November 2011
Article published on 16. November 2011
Gerade in Krisenzeiten zeigt sich Europas Stärke. Wir Europäer funktionieren „phobovoltaisch”: wir wandeln unsere Ängste in Energie um. In ruhigen Zeiten jedoch herrscht Stillstand. Schon drei große Krisen haben Europa neuen Antrieb gegeben: der Zweite Weltkrieg, die Ölkrise der 1970er Jahre und der Mauerfall. Jetzt bedroht uns der Finanzcrash und diesmal ist die Eurogeneration gefragt.

Ob ich Optimist bin? Nun ja, ich kann nichts dagegen tun. Ich kam Ende der 1950er Jahre als Europäer zur Welt: Meine Generation wuchs noch mit Blechspielzeug und dessen unvergesslichem Klang auf, erst dann hat Plastik den Markt erobert. Die Generation unserer Eltern war davon überzeugt, das Schlimmste überstanden zu haben – Ihr Enthusiasmus war ansteckend und sprang auf uns über.

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen von außergewöhnlichen Menschen.

Geprägt von der noch so frischen Kriegserfahrung hatten alle nur diesen einen Wunsch: kein Krieg mehr in Europa. So brachten Europas Gründungsväter De Gasperi, Schuman und Adenauer mit ihrer visionären Idee eines geeinten Europas die Feinde von gestern zusammen. Die Journalistin Barbara Spinelli zitierte in der italienischen Tageszeitung La Repubblica den Schriftsteller Joseph Conrad:„Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen von außergewöhnlichen Menschen. Sie tauchen immer dann auf, wenn andere nicht mehr weiter wissen“. Denn anstatt unterzugehen, setzte Europa die Segel und machte sich unter sicherer Führung auf zu neuen Zielen.

Auf jedes Hoch folgt jedoch ein Tief: Eine weitere Krise war nötig, um Europa einen neuen Ruck zu geben – und sie ließ nicht lange auf sich warten. Die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre mit horrenden Ölpreisen, Inflation und Unsicherheit brachte auch einen integrationspolitischen Stillstand mit sich. Diese “Eurosklerose” wurde durch die Vollendung des europäischen Binnenmarktes 1993 überwunden – Merci Monsieur Delors.

Angsthasen oder Angst schüren?

Von 1979 bis 1980 war ich selbst an der Europäischen Kommission in Brüssel. Offiziell war ich dort, um meine Abschlussarbeit in internationalem Recht zu schreiben. Aber in Wirklichkeit wollte ich über den Tellerrand der norditalienischen Provinz hinausschauen und den europäischen Geist miterleben. Und ich habe dieses dynamische Europa miterlebt, das seinen Kurs auf ein neues Ziel ausrichtete: hin zu mehr Austausch, mehr Bewegung, mehr Vielfalt.

In den 1990ern hoffte der ein oder andere auf eine Verschnaufpause. Doch dann fiel die Berliner Mauer und damit auch der Kommunismus und, welch eine Überraschung, die Europäische Unionstanderneut vor einer Herausforderung. So wurde Europa nach Osten hin erweitert und wir nahmen viele Europäer an Bord, denen es nicht so gut ging wie uns. Danke Herr Kohl, Grazie Signor Prodi. Zwar ein kompliziertes, kostspieliges, unvollkommenes und auch mühsames Vorhaben – doch man ließ sich nicht abschrecken. Und wenn wir heute von Danzig nach Lissabon fahren, dann merken wir: es war die Mühe wert.

Heute stehen wir vor einer erneuten Krise, die uns schon seit Monaten Kopfschmerzen bereitet: verschuldete EU-Staaten und Regierungen, die mit Geld und Versprechungen nur so um sich werfen, spekulative und aggressive Finanzmärkte, und ein Amerika, das keine Hilfe ist – im Gegenteil. Wurde der Euro zu früh eingeführt? Vielleicht, aber jetzt ist er da und wir müssen ihn retten. Auch mit Hilfe von Eurobonds, liebe Frau Merkel. Wird sich nun wieder einmal Europas Stärke zeigen? Ja, wenn die Generation Erasmus, die Zukunft Europas, es schafft, den Enthusiasmus weiterzutragen, mit dem sie unseren Kontinent in den letzten 20 Jahren besucht, erfahren, studiert, durchreist, gelebt, geschmeckt und geliebt hat. Ist diese Generation bereit, Europa zu retten – und ich glaube das ist sie – so werden wir wieder frischen Wind in unseren Segeln spüren.

Beppe Severgnini schreibt seit 1995 für die italienische Tageszeitung Corriere della Sera und hat zuletzt das Buch Überleben mit Berlusconi veröffentlicht (deutsche Version: Blessing-Verlag 2011). Seit 1998 leitet er das Forum "Italians", aus dem dieser Artikel stammt.

Fotos: Homepage (cc)rockcohen/flickr; Im Text (cc) europeancouncil/flickr