Politik

Die „Anti-Erdoğans“: Gegen den „eisernen Willen"

Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 11. Februar 2014

Istanbul ist gerade voll mit Plakaten, auf denen Erdoğan ernsthaft und entschlossen nach vorne blickt. „Eiserner Wille“ (türkisch: sağlam irade) steht darauf. Was ist aus dem „türkische Occupy“ geworden? Wir begeben uns auf die Reise durch die Türkei, denn Widerstand ist nicht nur in der Hauptstadt zu finden. 

Es sind wei­ter­hin tief­grei­fen­de ge­sell­schaft­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die den Nähr­bo­den für die Pro­tes­te in der Tür­kei lie­fern. Um diese Kon­flik­te in einer äu­ßerst viel­schich­ti­gen Ge­sell­schaft auf­zu­spü­ren, in­ter­view­ten wir vor Ort Wis­sen­schaft­lern, Ak­ti­vis­ten, Teil­neh­mer der Zi­vil­ge­sell­schaft und Künst­ler. Dabei tra­fen wir auf Men­schen, die das Ge­fühl hat­ten, an­ge­sichts der Ver­hält­nis­se fehle ihnen die Luft zum Atmen, die letz­ten Som­mer das erste Mal im gegen die Re­gie­rung pro­tes­tier­ten und deren Auf­be­geh­ren von Bag­gern über­rollt wurde

Der Pre­mier Erdoğan setzt alles in Be­we­gung, um seine AKP an der Macht zu hal­ten. Seit der Re­gie­rungs­kri­se im ver­gan­ge­nen De­zem­ber hat er zehn Mi­nis­ter aus­ge­tauscht, Hun­der­te von Po­li­zis­ten ver­setzt und einer aus­län­di­schen Ver­schwö­rung gegen die auf­stre­ben­de Wirt­schafts­macht Tür­kei die Schuld für die ak­tu­el­le Re­gie­rungs­kri­se an­ge­las­tet. Erst vor we­ni­gen Tagen wen­de­te sich Erdoğan im Ber­li­ner Tem­po­drom an Tau­sen­de der in Deutsch­land le­ben­den Tür­ken, um für die dies­jäh­rig an­ste­hen­den Kom­mu­nal- und Prä­si­dent­schafts­wah­len zu mo­bi­li­sie­ren. Alles, um die AKP am Ruder zu hal­ten. 

Die jüngs­ten Orte des Pro­tests in der Tür­kei sind auch jene, an denen be­reits die Ge­zi-Pro­test­be­we­gung im Som­mer 2013 ihren Aus­gang nahm und schritt­wei­se das ganze Land über­roll­te. 3,5 Mil­lio­nen Men­schen gin­gen in­ner­halb von nur we­ni­gen Wo­chen in über 90 Städ­ten des Lan­des gegen Erdoğans au­to­ri­tä­ren Re­gie­rungs­stil, sei­nen Ein­griff in ihre Pri­vat­sphä­re, Po­li­zei­ge­walt sowie die Aus­wüch­se einer ra­san­ten wirt­schaft­li­chen Mo­der­ni­sie­rung auf die Stra­ße. Das „tür­ki­sche Oc­cu­py“ be­gann am 28. Mai 2013 durch Um­welt­ak­ti­vis­ten, die sich gegen die an­rü­cken­den Bag­ger auf­lehn­ten, wel­che die Bäume auf der zen­tra­len Park­flä­che für ein ge­plan­tes Shop­ping­zen­trum fäl­len soll­ten. In kür­zes­ter Zeit so­li­da­ri­sier­ten sich Ein­zel­per­so­nen und un­ter­schied­lichs­te Grup­pie­run­gen mit den Ak­ti­vis­ten und es ent­stand die „freie Re­pu­blik“ von Gezi, in der sich ganz un­ter­schied­li­che Res­sen­ti­ments gegen die Re­gie­rung ent­lu­den.

„Das Ge­fühl zu er­sti­cken“ – Is­la­mi­sie­rung des All­tags

Auf un­se­rer Reise ge­lan­gen wir nach Nışantaşı, einem gla­mou­rö­sen Stadt­teil Is­tan­buls mit schi­cken Ein­rich­tungs- und Be­klei­dungs­lä­den, in di­rek­ter Nähe vom Gezi Park. Orhan Pamuk ist hier auf­ge­wach­sen und be­schreibt in sei­nem Roman „Is­tan­bul“ das eta­blier­te, li­be­ra­le und ge­bil­de­te Bür­ger­tum, das im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert in die­sen Stra­ßen ver­kehr­te. Heute säu­men den Stra­ßen­rand Caféket­ten wie Star­bucks und schi­cke Con­fi­se­ri­en. Hier tref­fen wir Deniz Sert, die aus einer Is­tan­bu­ler Fa­mi­lie stammt und diese Stadt, außer für ihre Aus­lands­auf­ent­hal­te mit der Uni, nie wirk­lich ver­las­sen hat.

Deniz hat zwei Kin­der und ist mit Mitte Drei­ßig be­reits Pro­fes­so­rin an einer Pri­vat­uni­ver­si­tät. Sie redet schnell, ges­ti­ku­lie­rend und mit en­er­gi­schem Nach­druck: „Er hat mich da­mals als Çapul­cu (Plün­de­rer) be­schimpft!“ „Er“ ist Recep Tay­yip Erdoğan. Da­mals be­zieht sich auf die Zeit der ers­ten Pro­tes­te auf dem Tak­sim-Platz im Mai 2013, wo sie das erste Mal in ihrem Leben auf Töp­fen trom­melnd gegen die Re­gie­rung auf die Stra­ße zog. Dabei sei doch je­mand wie sie das mo­der­ne Ge­sicht des Lan­des, em­pört sich Deniz. Erdoğan brau­che sol­che Men­schen wie sie; mehr­spra­chig, weit­ge­reist und als Aka­de­mi­ke­rin in ganz Eu­ro­pa ge­fragt. Noch nie­mand habe sie je als mar­gi­nal, als Ab­schaum der Be­völ­ke­rung be­zeich­net.

Wir, das sind die Bürger auf der Straße

Für sie ist es vor allem die Is­la­mi­sie­rung in den Großstädten wie Is­tan­bul, der sie ängs­tigt. Eine Freun­din, AKP-An­hän­ge­rin und be­wuss­te Kopf­tuch­trä­ge­rin, habe sie wäh­rend der Pro­tes­te auf ihrem Handy an­ge­ru­fen und ge­fragt, was denn über­haupt los sei und warum sie auch auf die Stra­ße ginge. Deniz wird nach­denk­lich. Es habe damit be­gon­nen, dass die Re­gie­rung mehr und mehr damit an­fing, in ihr Pri­vat­le­ben ein­zu­grei­fen. „Ich hatte das Ge­fühl zu er­sti­cken. Beim Ge­zi-Pro­test bin ich das erste Mal auf Men­schen ge­trof­fen, die ähn­lich den­ken wie ich. Vor­her habe ich immer ge­dacht, ich sei al­lein mit mei­nen Ge­füh­len. Dort merk­te ich, dass an­de­re die Ent­wick­lun­gen ge­nau­so be­ängs­tig­ten wie mich.“

Ei­ni­ge Wo­chen nach un­se­rem ers­ten Ge­spräch mit Deniz Sert bricht im De­zem­ber 2013 der Kor­rup­ti­ons­skan­dal in der Tür­kei aus. Sie wirkt mitt­ler­wei­le re­si­gniert, als wir sie er­neut nach ihrer Ein­schät­zung be­fra­gen. „Ich be­fürch­te, in die­sem Macht­spiel sind wir reine Be­ob­ach­ter eines Kamp­fes zwi­schen der Gü­len-Be­we­gung und der AKP“, äu­ßert sie ihre Be­sorg­nis. „Wir“, das sind die Bür­ger auf der Stra­ße, die sich nicht zu den po­li­ti­schen Eli­ten zu­ge­hö­rig füh­len und die Gezi dazu ge­bracht hat, sich selbst erst­mals als ak­ti­ve po­li­ti­sche Sub­jek­te zu be­grei­fen. Das er­neu­te au­to­ri­tä­re Auf­tre­ten der Re­gie­rung führt bei Men­schen wie Deniz je­doch zu Apa­thie und dem Ge­fühl der Macht­lo­sig­keit: „Wer immer auch von die­sen bei­den Grup­pie­run­gen ge­win­nen wird, das Volk wir dabei ver­lie­ren…“ 

Dies ist der erste von drei Tei­len einer Reportage, die sich mit dem heu­ti­gen Stand des tür­ki­schen Wi­der­stands gegen öko­no­mi­sche, kul­tu­rel­le und po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen des Erdoğan-Re­gimes aus­ein­an­der­setzt.