Politik

Der lange Fußmarsch der Afghanen

Artikel veröffentlicht am 17. August 2009
Artikel veröffentlicht am 17. August 2009
„Im Dezember 2008 traf ich vier afghanische Kinder in einem Bus. Mich berührte ihr Lächeln und mich verletzte das rassistische Verhalten und die Oberflächlichkeit der anderen Fahrgäste. Die Kinder waren gerade zu Fuß angekommen, in der Nacht, in der der Tiber über die Ufer trat.
Ich habe sie mitgenommen, aber dann lief nichts wie erwartet…“ So beginnt die Erzählung der italienischen Journalistin Carlotta Mismetti Capua, die in einer Facebook-Gruppe von ihrem Erlebnis mit den Flüchtlingskindern berichtet.

Die Geschichte beginnt in einem Bus der Linie 175. Niemand wollte sich neben die kleinen Passagiere setzen, denn sie waren schmutzig, fremd und anders. „Die Leute murmelten: ‚Diese rumänischen Mörder.‘ Dabei sind sie doch keine Rumänen, sondern Afghanen! Es ist so leicht, Menschen in Kategorien zu zwängen und sie zu beurteilen. Kategorien töten Menschen. Rassistische Äußerungen sind schnell und unüberlegt ausgesprochen, slips of the tongue, wie die Engländer sagen. Und schon wird man zum Rassisten, ohne es zu merken. Afghanen werden zu Rumänen, Minderjährige zu Mördern. Und man selbst wird zu einer Person, die um jeden Preis einen Feind braucht.“

Das lukrative Geschäft mit den afghanischen Kindern

Akhmed und seine Reisebegleiter haben in vier Monaten 5.000 Kilometer zurückgelegt und dabei fünf Länder durchquert: Afghanistan, den Iran und die Türkei zu Fuß. Dann mit 100 anderen Flüchtlingen auf einem LKW durch Griechenland, auf einem Schiff nach Bari und von dort mit dem Zug nach Rom. Sie stammen aus Tagab, einem Dorf in den afghanischen Bergen an der Grenze zum Iran. Hier gibt es nur wenige Häuser, die Bewohner leben von der Schafzucht. Tagab ist aber auch ein Kreuzweg für den Handel mit Opium und Kindern.

Prostitution, illegale Adoption und Organhandel - das sind die "Arbeitsbereiche" der Flüchtlingskinder

Eltern zahlen den Händlern eine Summe zwischen fünf- und zehntausend Dollar. Diese „Finanztransaktion“ ermöglicht die illegale Einreise in ein anderes Land - das Ziel ist meistens unbekannt - in dem die Minderjährigen nach Angaben der Kinderschutzorganisation Save the Children in unterschiedliche Bereiche „weitervermittelt“ werden: Prostitution, Betteln, Diebstahl, Drogenhandel, Feldarbeit, Viehzucht, illegale Adoption auf internationaler Ebene und – wie vermutet wird – auch Organhandel. Handelt es sich um Waffen, Drogen, Zigaretten, spricht man gerne von Schmuggel. In diesem Fall geht es aber um Personen, also um Menschenhandel.

Ein altbekanntes Problem und doch keine Lösungen in Sicht

Die Geschichten dieser Kinder tauchen in den Statistiken auf, die jedes Jahr von verschiedenen Forschungszentren herausgegeben werden. Einer landesweiten Untersuchung des italienischen Verbands Associazione Nazionale Comuni italiani (auf Deutsch „Nationalverband italienischer Gemeinden“; A.d.R.) aus dem Jahr 2007 zufolge kamen im Jahr 2006 mehr als 7.800 „ausländische Minderjährige ohne Begleitung“ nach Italien (vor allem Jungen zwischen 15 und 17 Jahren), von denen rund zwei Drittel aus Angst vor Abschiebung aus den Aufnahmelagern flüchteten. Laut dem Istituto Nazionale di Statistica (auf Deutsch „italienisches Amt für Statistik“; A.d.R.) wurden von den lokalen Behörden mehr als 9.000 ausländische Minderjährige ohne Aufenthaltserlaubnis gemeldet.

Mit Vollendung des 18. Lebensjahres werden sie zu „irregulären Einwanderern“ und tauchen in der Illegalität unter, bis sie irgendwann einmal eine Arbeit finden. Als Ausweg bietet sich nur die Hoffnung, dass die Gastgebergesellschaft ihnen einmal ein menschenwürdiges Leben mit Zugang zu Schule, Freunden, Ausbildung und einem Antrag auf Aufenthaltserlaubnis bieten wird. Dies ist besonders wichtig, wenn die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten stammen oder Anspruch auf politisches Asyl haben.

Do it yourself rund um die Cestius-Pyramide

Sicherheit bietet der italienische Staat nur bis zur Volljährigkeit

Rom und insbesondere die Gegend um die Cestius-Pyramide sind ein wichtiges „Verteilerzentrum“ für afghanische Jugendliche, die auf die Kontakte ihrer bereits in Italien lebenden Landsleute zählen können. Hier wird entschieden, ob die Flüchtlinge in Rom bleiben oder ob die Reise in andere italienische oder europäische Städte weitergeht. Von den vier Jungen, die Carlotta im Bus der Linie 175 traf, vertraute ihr nur Akhmed und nahm ihre Hilfe an. Der einzige Volljährige verwischte sofort seine Spuren, ein anderer wurde in die Schweiz gebracht und der Jüngste ging nach London. Akhmed hat seitdem in verschiedenen betreuten Wohngemeinschaften in Rom gelebt. Bis zur Volljährigkeit hat er das Anrecht auf ein Dach über dem Kopf, Lebensmittel und eine sanitäre Grundversorgung, die die Stadtverwaltung auf der Grundlage der UN-Kinderrechtskonvention bereitstellt. „Diese Versorgung ist allerdings auf dem Mindestniveau, wie von Experten bestätigt wurde. Für die Träume und Bedürfnisse dieser Kinder fehlen Zeit und die nötige Professionalität,“ erklärt Carlotta. „Im Kommissariat spricht niemand englisch oder französisch. Und auch der Unterricht, der ihnen geboten wird, ist nicht so fortschrittlich, wie er sein sollte, sondern ausgesprochen dürftig.“

Ganz zu schweigen von dem sogenannten „Sicherheitspaket“, das am 23. Juli 2008 von der italienischen Regierung verabschiedet wurde. Die neuen Maßnahmen schränken nicht nur den Schutz von Flüchtlingen ein, sondern stehen in offensichtlichem Widerspruch zu einigen internationalen Abkommen über Immigration und Menschenrechte.

Akhmed ist seit Dezember 2008 in Italien. „Er würde gern studieren und besser italienisch lernen. Seine Eltern sind Lehrer und haben ihm die Liebe zur Kultur vermittelt. Ab September geht er in eine Schule für Ausländer, in der er die Mittelstufe abschließen kann. Was danach kommt, weiß niemand,“ sagt Carlotta. „Nun ist er schon acht Monate hier und hat noch nicht einen Tag die Schule besucht. Er verschwendet seine Zeit: das Kostbarste, was ihm geblieben ist.“

Carlotta Mismetti Capua hat einen Wunsch: Sie möchte Geld sammeln, um Akhmed die Möglichkeit zu geben, seinen Bildungsweg fortzusetzen. Kontakt und Infos im Blog La città di Asterix und in der gleichnamigen Facebook-Gruppe.