Politik

Das Bridget Jones-Syndrom

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2006
Das Single-Dasein ist schon lange kein Makel mehr. 100 Millionen Europäer leben ohne Partner. Besonders bei jungen Frauen liegt ein männerfreies Leben im Trend.

Sie haben genug von seiner Fernsehsucht, seinen stinkenden Socken, von seinem Geiz, seiner Unbeständigkeit, von seinem „zuwenig hiervon, zuviel davon“? Treten Sie wieder in den Club der Singles ein! Im Jahr 2004 ermittelte "Eurostat", dass sich 100 Millionen europäische Herzen allein durch die Welt schlagen müssen, manchmal sind sie auf der Suche nach ihrer besseren Hälfte, manchmal nicht. In Frankreich hat sich der Anteil der allein lebenden Personen zwischen 1962 und 1999 von 6,1% auf 12,6% der Bevölkerung verdoppelt, wie das französische Statistik-Institut INSEE in einer Volkszählung ermittelte. Dasselbe Phänomen im Osten: 5 Millionen Polen waren im Jahr 2005 Single, dies sind 38,8% mehr als im Jahr 1988.

Besonders berufstätige Frauen zwischen 25 und 35 sind davon betroffen. Sie werden von den Medien bestätigt, die unablässig das Loblied der Unabhängigkeit und Selbstbestätigung singen. Ihr Leben wird von auf Singles zugeschnittenen Marketingstrategien, Fertigküche im Einpersonen-Format und „Kennenlern“-Ferien begleitet. Diese Gruppe hat ihre eigenen Codes: „Speed-Dating“, „Mann fürs Bett“, Männer, die an „emotionaler Unterkühlung“ leiden. Sie hat ihre eigenen Kultserien und -bücher: Ally McBeal, Sex and the City, die papiergewordenen Wunschträume der Bridget Jones. Und ihre eigenen Glamour-Ikonen: Einer IPSOS-Meetic Studie aus dem Februar 2006 zufolge wären besonders die europäischen Single-Frauen gern wie Sharon Stone oder Halle Barry. Kurz: Weibliche Singles verkörpern nicht gerade das Klischee einer säuerlichen und mürrischen alten Frau...

Alleinsein ohne Hemmungen

Was sind die Ursachen dieser Single-Epidemie? Die Zunahme der Scheidungen auf dem ganzen Kontinent ermuntert nicht gerade zum Heiraten. Groß-Brittannien verzeichnete etwa im Jahr 2002 einen traurigen europäischen Rekord: 40% der Ehen scheiterten. Andererseits bewirkt der immer spätere Eintritt ins Berufsleben, dass ein Leben als Single gegenüber einem Leben in Partnerschaft vorgezogen wird.

Betty, eine 26-jährige Irin, die im Europäischen Parlament in Brüssel arbeitet, hat für sich eine „Drei-Säulen-Theorie“ der Selbstverwirklichung entwickelt. Die drei Säulen sind Freunde und Familie, das Berufsleben und schließlich das Liebesleben. „Zwei von drei zu haben“ ist für Betty nicht schlecht, denn es sei schwierig, jederzeit das Gleichgewicht zwischen allen drei Säulen herzustellen.

Eine Meinung, die Sabha, 25-jährige Londonerin, teilt. Sie arbeitet in der Finanzwelt, dort herrscht harter Wettbewerb. Sabha sagt, die Frauen seien „vom Ehrgeiz zerfressen“, da sie ihren Wert auf dem Arbeits- und Gefühlsmarkt erhöhen wollten. „Da können die Männer nicht mehr mithalten“, seufzt sie resigniert. Angesichts von jungen Frauen, die sich im Beruf behaupten, hohe Ansprüche haben, und mit dem Fläschchen des Post-68er-Feminismus genährt wurden, fällt es jungen Männern schwer, ihren Platz zu finden. Der Autor Nicolas Riou hat sich auf die Problematik der männlichen Identität spezialisiert. Er behauptet, dass die Männer heutzutage „schlecht behandelt und verunsichert“ würden. Wenn sie zu männlich sind würden sie als „Machos“ bezeichnet. Wenn man jedoch wie „metrosexuelle“ Städter seine Sensibilität betont und Schönheitscremes aufträgt, werde man als ein zum Pudel degradierter Marlboro-Mann angesehen. Wahrscheinlich kann nur noch das Konzept des „Übersexuellen“, das perfekte Gemisch aus Männlichkeit und Sensibilität, den modernen Mann retten...

Alles, nur nicht heiraten

Cécile, eine 26-järige belgische Anwältin, fürchtet sich vor der Ehe. Sie glaubt, dass sie ihre Individualität in der Partnerschaft nicht mehr ausleben könne. „Ich glaube, dass man sein eigenes Potential in einer Beziehung viel weniger entdeckt“, lautet ihrer Analyse. Die Frauen würden von dem Moment an, in dem sie den Ring an ihren Finger gesteckt bekommen, unterdrückt. Jedoch sind die Vorstellungen von der Hochzeit in den 25 EU-Ländern unterschiedlich. Französische Frauen haben im Jahr 2005 im Durchschnitt mit 28,8 Jahren geheiratet, zwei Jahre später als noch im Jahr 1995. In Polen bleibt das Durchschnittsalter bei einer Hochzeit bei 24,4 Jahren.

Viele wollen nicht mehr in eine konventionelle Beziehung investieren. Sie entdecken die sexuellen Freuden ohne den Morgen danach, wie Carrie Brashaw, Heldin aus „Sex and the City“. Sie testen ohne Hemmungen „Sex- Toys“ und andere erotische Spielereien, der Verkauf dieser Artikel ist in den nördlichen Ländern Europas stark angestiegen – nicht nur die Erfolgsgeschichte der britischen Kette „Ann Summers“ beweist dies.

Oder man sucht sich einen One-night-stand. Céline kann daran nichts schlechtes finden. Aber es bleibe problematisch: „Es gibt Personen, zu denen man sich von Anfang an körperlich hingezogen fühlt. Aber es ist eine egoistische Handlung, die den anderen zum Objekt macht. Emotional sind die Eskapaden für eine Nacht wenig befriedigend“ glaubt sie. Andere sind der Meinung der feministischen Schriftstellerin Marcella Iacub. Sie sagt: „ Wenn die Frauen nicht voll und ganz von ihrer sexuellen Freiheit profitieren und diese wie die Männer ausleben, dann müssen sie sich diese Freiheit nehmen. Sie dürfen sich nicht durch eine Mutterschaft einschränken lassen, die sie daran hindert, vollkommen frei zu sein. Es steht ihnen frei, sich pornographische Produkte anzueignen, Kinder zu haben oder nicht...“

Innere Freiheit

Ob sie in ihrem Single-Dasein aufblühen, hängt auch von der Gesellschaft ab. Für Schwedinnen ist die Unabhängigkeit heute wichtiger als früher. Ein Artikel der französischen Zeitung „Nouvel Observateur“ betont, dass „in diesem Land niemand die Ehelosigkeit als Anomalie ansehen oder gar als Konsequenz eines körperlichen Nachteils ansehen muss. Das Single- Leben wird als normal angesehen. Die einzige und wahre Selbstständigkeit besteht in einem ‚geistigen Raum’ oder einer ‚inneren Freiheit’.“

Im Gegensatz dazu ist das Ledigsein in Italien lediglich ein Überganszustand, der oft mit Geldproblemen einhergeht. Auf der italienisch Flirt-Seite www.parship.it geben 35% der angemeldeten Frauen und Männer an, sich „miserabel“ zu fühlen. Elisabeth, eine ledige 24-jährige Irin, weist darauf hin, dass es viel leichter ist, in Brüssel Single zu sein als in Dublin, da der soziale Druck dort viel geringer sei.

Somit ist das Single-Dasein für einige das Synonym von Freiheit und Unabhängigkeit, andere mögen es als Scheitern empfinden. Aber das ist eine andere Geschichte...