Politik

Claudia Contin, der Harlekin in uns

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2006
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2006
Die italienische Schauspielerin Claudia Contin belebt die Tradition der Commedia dell’Arte neu.

Sonntagmorgen. Der Sommer bäumt sich ein letztes Mal auf. Die Hitze ist ungewöhnlich für einen Septembertag in der Stadt Pordenone, die im Nordosten Italiens liegt. Im Hintergrund hört man aus Lautsprechern die Stimmen zeitgenössischer Schriftsteller aus Italien und dem Ausland. Sie beleben das italienische Literaturfest Pordenone legge (Pordenone liest), das zu einer Konkurrenz für das in Italien berühmte Festival von Mantua geworden ist.

Auch die Schauspielerin Claudia Contin ist auf dem Festival mit von der Partie. Sie tritt in der Tragik-Komödie Arlecchino e il suo doppi (Harlekin und sein Doppelgänger), mit der sie und die Schauspielschüler der Sperimentale dell’Attore derzeit durch Europa touren.

„Sein oder Nicht-Sein …“ Der Dialog zwischen dem burlesken Arlecchino und seinem Alter Ego Hamlet beginnt mit einer Reminiszenz an Shakespeare. Er soll das Publikum nachdenklich machen. Existenzielle Fragen werden behandelt: Wie können wir die Schwierigkeiten dieser Welt meistern? Arlecchino ist dabei „ein Optimist, der gute Teil in uns“ - eine Maske aus der Zeit des Humanismus? Hamlet dagegen „leidet beim Anblick der Leiden der Welt“ und „kämpft die Kriege der Welt im Innern nach“.

Claudia Contin, der Arlecchino, kommt uns durch die mittelalterlichen Gassen Pordenones entgegen. In der Nähe des alten Klosters sind wir zum Mittagessen verabredet. Contin hat strahlende Augen, ist schlicht gekleidet und nur leicht geschminkt.

„Ich studiere Menschen“

Lächelnd begrüßt sie mich. Ihr Blick ist durchdringend, analytisch. Claudia Contin ist Anthropologin. „Ich bin es gewohnt, Menschen zu studieren“, erklärt sie mit freundlichem Ton. „Aber während die Anthropologen weit entfernt lebende Völker untersuchen, habe ich die Commedia dell’Arte gewählt. Ich will mit Distanz auf die Gesellschaft blicken, aus der ich selber stamme. Auf eine Gesellschaft, in der niemand genau hinschaut und in der es jedem nur darum geht, gesehen zu werden.“ Ihr Arlecchino ist für sie ein Sammelbecken menschlicher Vorzüge und Mängel. Nur so wird er zu einer Persönlichkeit und gelangt ins kollektive Gedächtnis. Er soll nicht veurteilt werden, denn, so Contin: „Auch ein Mangel zeichnet eine Person aus“.

Claudia Contin erzählt aus ihrem bewegten Leben. Ihre Leidenschaft für das Theater beginnt schon, als sie 14 ist. Nach Besuch des Kunstinstituts in Venedig schreibt sie sich an der Fakultät für Architektur ein. Zugleich arbeitet sie als Schauspielerin und ist Gasthörerin an der Akademie der Schönen Künste. „In diesen Jahren habe ich nachts nur drei Stunden geschlafen, um Zeit zu finden für die Arbeit und für meine Studien“, erzählt sie, vor einem dampfenden Teller Tortelli alla ricotta sitzend.

Vobild Egon Schiele

Wie jede Künstlerin hat auch die Contin einen Lehrmeister im Geiste. Ihrer ist Egon Schiele, der österreichische Maler: „Er hat schon am Anfang des 20. Jahrhunderts den ausgemergelten, magersüchtigen und problematischen Menschen vorausgeahnt.“ Durch ihn konnte sie die Commedia dell’Arte neu entwerfen.

„Um die Masken der Personen neu zu gestalten, bin ich von traditionellen Bildwelten ausgegangen. So konnte ich eine Commedia entwickeln, die populäre Themen anspricht. Sie ist nicht nur an das traditionelle Theater gebunden und an den dort vorherrschenden psychologischen Ansatz.“ So entstand eine ganz neue „körperliche und vokale Ausbildung des Theaters“. Inspiriert durch die Themen Egon Schieles entwickelte Contin eine eigene Technik. Ihre Masken haben allen kindlichen Charakter verloren. Sie sind dramatisch.

Bei Aufführungen im Ausland werden viele Rollen vollständig in Italienisch oder in Dialekt gesprochen. Das Publikum will es so. Aber Arlecchino selbst verteilt in der Aufführung ein Papier mit der Übersetzung in die Sprache Shakespeares. Und in einigen Passagen erinnert er an „Shakespeare, Janis Joplin und die Rolling Stones“, erklärt und Contin. „Er nimmt den Dandy-Stil an oder springt vom 17. in das 20. Jahrhundert. Und genau dieser Arlecchino spricht bei den Aufführungen im Ausland dann auch Englisch.“

“In jedem von uns steckt ein Arlecchino“

Die Commedia dell’Arte macht zwar heute im Ausland, insbesondere in Spanien, Frankreich, Dänemark und Japan Furore. Im Europa des 17. Jahrhunderts war ihr Erfolg aber noch viel größer. Damals „verstand man sich unter Ausländern wesentlich leichter. Alle kamen zurecht. Vielleicht kannte der Bettler vier Worte in sehr vielen verschiedenen Sprachen, aber er arrangierte sich.“

Die Italiener, so die Schauspielerin, ignorierten ihr Erbe „snobistisch”. Doch im Ausland werde es nicht nur mit Interesse verfolgt, sondern sogar umgesetzt: „Ich habe im französischen Charleville unterrichtet. In meiner Klasse waren Südafrikaner, Chinesen, Inder…“

Aber woher rührt dieser Erfolg? „Sicherlich aus der Tatsache, dass der Arlecchino ins kollektive Gedächtnis gelangt ist. Er ist so eine Art Archetyp. In jedem, der über ein wenig Selbstironie verfügt, steckt ein Arlecchino.“

In unserer Zeit spürten wir den Einfluss der Commedia dell’Arte im Theater und im Kino, erklärt Contin. Bei Dario Fo zum Beispiel, bei Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Roberto Benigni dagegen, der durch seinen Film „Das Leben ist schön“ weltberühmt wurde, sei kein Arlecchino. Er sei arlecchinesque, denn er spiele ohne Maske. „Eine Maske entsteht dann, wenn sie unabhängig von ihrem Schauspieler existieren kann. Stirbt der Schauspieler, können sich andere seine Maske aufsetzen.“

Eine Quelle der Freiheit

Claudia-Arlecchino lebt im Hier und Jetzt: „Meine Situation war immer sehr unsicher. Ich habe Glück, so früh angefangen zu haben. So konnte ich mich an die Unsicherheit im Leben gewöhnen. Aber sie bildet auch eine große Quelle der Freiheit. Man braucht nur wenig, um zu leben und viel zu machen. Ich arbeite nach einem sehr variablen Zeitplan. Hätte ich eine Arbeit mit Arbeitszeiten von 8 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr, jeden Tag, immer, dann würde ich verrückt werden.“ Ihre Arbeit ist auch Teil ihrer Beziehung zu ihrem Lebensgefährten Ferruccio Merisi, der mit ihr gemeinsam die Theaterstücke schreibt.

Kinder hat sie keine, „weil ein Kind in eine feste Schule gehen muss und Sicherheit braucht. Aber ich habe so viele Kinder unter meinen Schülern“, meint sie lächelnd und nippt an ihrem Malzkaffee. Ihre Kinder werden ihre Maske weitertragen.