Politik

Catherine Ashton, Ashford oder Ashley?

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2010
Vergessen wir einmal, dass sie sechs Wochen zu spät in das vom Erdbeben zerstörte Haiti reiste, eine Ministerkonferenz verpasste, dass sie weder David Miliband heißt noch Französisch spricht. Beginnen wir damit, dass einige Probleme haben, sich allein den Namen der ersten Außenministerin der EU zu merken. Vielleicht ist es der Titel „Baroness“, der die Menschen in Europa verwirrt.

Es scheint eine europäische Krankheit zu sein. Im Vereinigten Königreich erinnert ein Artikel in der Times anlässlich der ersten 100 Amtstage von Catherine Ashton daran, dass jemand aus dem rein weiblichen Publikum der BBC-Fragestunde die Baroness fälschlich „Ashcroft“ nannte. Bei einer europäischen Podiumsdiskussion, die cafebabel.com beim internationalen Journalismusfestival in Perugia am 24. April moderierte, wechselten sich die englischen Übersetzer aus dem Italienischen und Französischen darin ab, den Namen von Catherine Ashton entweder als „Ashford“ oder „Ashley“ auszusprechen. Doch nun könnte der Name der 54-Jährigen zukünftig sogar komplett in Vergessenheit geraten. Denn am 3. Mai sah sich die Europäische Kommission, deren Vizepräsidentin Ashton ist, gezwungen zu dementieren, dass die EU-Außenministerin in wenigen Monaten gehen werde.

Ashton: "Option des geringsten Widerstands"

Europa diskutieren: Ein belustigter Zuschauer stellte fest, dass mehrer Sprecher das Wort 'Wasser' in ihrem Namen hättenBruno Waterfield, der Journalist des Daily Telegraph, der dieses Gerücht am 30. April als erster anheizte, nahm zusammen mit seinen Brüsseler Kollegen Jean Quartremer und Marco Zatterin an der Podiumsdiskussion in Perugia teil. "Die EU ist stark, aber ihre Teile müssen noch zusammengefügt werden", beginnt Marco Zatterin von La Stampa. "Als die Zeit kam, die Kandidaten für Europa auszuwählen - uuups, erster Fehler." Waterfield argumentiert ähnlich wie ein andere liberale Tageszeitung (Il Sole de 24 Ore), die sich wohl eher Repräsentanten aus dem Showbusiness gewünscht hätte. „Sie entschieden sich für unbekannte Namen“, fährt Zatterin fort. "Mrs 'Ashley' und [EU-Präsident] Van Rompuy, einen sehr unscheinbaren Kandidaten."

Tatsächlich entschieden sich "unsere" 27 Regierungen der EU für die Schaffung von Ashtons Posten, mit der Verabschiedung des Lissabon-Vertrags im Sommer 2009. Bruno Waterfield kritisiert die "Geheimnistuerei", die um die Wahl der beiden neuen Köpfe der EU gemacht wurde, und nennt Ashton die 'einfachste Lösung'. „Der gegenwärtige britische Außenminister David Miliband - eine charismatische, bekannte Person - hätte den Posten bekommen sollen“, erklärt er. „Er entschied sich dagegen, weil der Labour-Regierung das Personal ausging. Ashton kam aus dem Hinterzimmer einer regionalen Gesundheitsbehörde und wurde zu einer politischen Mittelsfrau des Oberhauses [im Jahr 1999]. Sie war eine der letzten, die zur Verfügung standen, was zeigt, wie niedrig die Erwartungen der europäischen Elite an das Projekt sind."

Der französische Libération-Korrespodent in Brüssel, Jean Quatremer, kann die Ernennung jedoch nachvollziehen. „Wollten Sie Schwergewichte als Kandidaten?“, hält er dagegen. „Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy will Frankreich immer noch selbst repräsentieren. Er möchte niemanden in Brüssel, der in seinem Namen spricht. Und das gilt auch für seine Kollegen. Europäische Außenpolitik in Brüssel muss zeigen, dass sie sich von den nationalen Außenpolitiken unterscheidet, die den Briten und Franzosen sehr am Herzen liegt." Mit diesen beiden mächtigsten Diplomatien in Europa konnte der neue Außenminister der EU nur Brite oder Franzose sein. Quatremer vermutet, dass der „Schock“, einen nicht gewählten Politiker vor die nase gesetzt zu bekommen, für die Franzosen nicht neu sei. „Wir hatten eine Menge ‚ernannte‘ Politiker - denken Sie nur an Villepin“, so Quatremer. „Der Punkt ist nicht, ob Ashton die richtige Wahl war oder nicht. Es geht darum, mit wem sie arbeitet und wer sie umgibt.“ Bruno Waterfield stimmt Quatremer zu, zumindest in gewissem Maße. „Französische und britische Diplomatie sind gleichbedeutend mit Realpolitik, unliebsamen Formen des Kolonialismus“, meint er. „Wollen wir, dass sie auf Idealen und Werten basieren?“

Ashtons bisherige Arbeit

Was auch immer der Brüsseler Ausgang für die EU-Diplomatie sein wird, schauen wir uns doch mal an, was Catherine Ashton in den letzten fünf Monaten, abgesehen von der Schaffung eines mysteriösen diplomatischen Dienstes der EU, konkret auf die Beine gestellt hat. Ashton verzichtete darauf, Haiti zu besuchen, das in den ersten Wochen in ihrem neuen Amt von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde - ihre „Katastrophenreise“ fand sechs Wochen später statt. Im Februar unterstützte sie „freie und faire“ Wahlen in der Ukraine und bereiste die Balkanregionen, besuchte sowohl Serbien als auch den Kosovo. Deren Spannungen setzten sich weiter fort und sie drohte, dem EU-Balkan-Gipfel am 2. Juni fernzubleiben. Zudem erzürnte sie eine ganze Reihe Anzugträger, als sie dem ersten Treffen der EU-Verteidigungsminister fernblieb.

Im März waren die ersten 100 Tage, in denen die europäischen Medien Ashton im Amt beobachten konnten, vorüber. Die spanische Tageszeitung El Pais gab sich mit dem Titel „Besorgniserregende Ashton“ vollkommen unbeeindruckt. Einige britische Zeitungen schwanken zwischen Wut und Rechtfertigung. Die Schweden sind glücklich, dass Ashton die Entwicklungspolitik mehr in die EU-Außenpolitik einbezieht. Im April trug dann jedoch Ashtons erstes Treffen mit den EU-Verteidigungsministern Früchte: Soldaten in Afghanistan werden auf den Straßen Zugang zu forensischen Laboren haben. Kürzlich war Ashton in China und setzte sich dort für Sanktionen gegen den Iran ein.

Und so wird es weitergehen. Also, was ist es, das uns wirklich verärgert? Die Tatsache, dass Catherine Ashton einen neuen Politikertypen verkörpert? Dass sie tatsächlich für 328.000 britische Pfund im Jahr der Außen- und Sicherheitspolitik im Namen von Millionen Menschen vorsitzt? Jean Quatremer bleibt skeptisch: „Wir haben hier eine Reihe von Staaten, die um Punkt Mitternacht am 8. Mai 2010 genau 60 Jahre zusammenarbeiten“. Nur 60 Jahre. In die Zukunft projizieren können wir uns nicht, egal also, welchen Namen sie trägt.

Fotos: ©cafebabel.com moderiert eine Debatte während des Internationalen Journalismusfestival in Perugia 2010 ©Nabeelah Shabbir/ Video Ashton in Haiti ©EUXTV/ Youtube