Politik

Brexit: Es geht um mehr als nur Sterne im Pass

Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2017
Artikel veröffentlicht am 29. Mai 2017

Sie sind jung, aktiv, reisen und entdecken Europa. Das Problem: Sie sind Briten. Wegen des Brexits werden sie ihre Unionsbürgerschaft nun verlieren. Einfache Formalität oder Identitätskrise? Wir haben einige von denen getroffen, deren Unionsbürgerschaft weit über die Sterne im Pass hinausgeht.

„Das Recht zu wählen und an Kommunal- und Europawahlen teilzunehmen. Das Recht nicht diskriminiert zu werden. Freizügigkeit in der ganzen Union.“ Laura kennt das Konzept der Unionsbürgerschaft in- und auswendig. Nach einem Universitätsabschluss in Oxford, lebt die junge 24-jährige Britin heute in Paris, wo sie einen Master in EU Affairs absolviert. Auch wenn Laura uns die Rechte des Unionsbürgers aufzählen kann, so definiert sie diese vor allem als „das Empfinden einer europäischen Gemeinschaft und einer Einheitlichkeit“.

Als eifrige Anhängerin des europäischen Projektes hat Laura zum Referendum im letzen Sommer für 'Remain', also den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Für sie wie auch für alle anderen Briten bedeutet der Brexit auch das Ende ihrer Unionsbürgerschaft, die nur den Staatsbürgern der Mitgliedsstaaten vorbehalten ist. Für viele ist dies die Gelegenheit, ihre Ansichten zu einem oft falsch verstandenen und gar vergessenen Konzept zu überdenken.

Die alltäglichen Dinge

Die Unionsbürgerschaft geht auf den 1. Januar 1992 und die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht zurück. Was zunächt noch ein ziemlich undurchsichtiger Katalog war, erlebte  im Laufe der Zeit verschiedene Überarbeitungen und integriert heute sowohl die wirtschaftlichen als auch die politischen Rechte des Unionsbürgers - Wahlrecht bei Kommunal- und Europawahlen, Petitions- und Beschwerderecht, diplomatischer und konsularischer Schutz etc. Doch fernab von dieser Liste geht es beim Europäischsein doch um vieles mehr, vor allem um besondere Momente, um außergewöhnliche und persönliche Erfahrungen.

Madeleine aus Zentralengland kann das bezeugen. Mit nur 21 Jahren hat sie bereits in zwei anderen EU-Mitgliedsstaaten gelebt. Zuerst in Florenz, und dann in der süditalienischen Region Apulien, wo sie als Au-Pair-Mädchen arbeitete. Dann in Frankreich, in der zentralfranzösischen Stadt Bourges, wo sie als Englischlehrerin tätig war. Für Madeleine bedeutet die Unionsbürgerschaft vor allem interessante Entdeckungsreisen: verschiedene Kulturen und die „kleinen Dinge, die man woanders eben nicht findet“. „All diese Kulturstätten in Florenz, die wunderschöne Küste in Apulien, das Festival von Bourges und nicht zuletzt... der überbackende Camembert meiner französischen Mitbewohnerin!“, schwärmt sie. „Ich habe für 'Remain' gestimmt, und heute muss ich mir darüber Sorgen machen, inwiefern der Austritt Großbritanniens aus der EU meine Möglichkeiten einschränkt, im Ausland zu leben und zu arbeiten.“

Lebenswandel

Zwischen den oft unverständlichen juristischen Zeilen, steht ein Prinzip, das Madeleine und der Mehrheit der jungen Briten besonders wichtig ist: die Freizügigkeit. Dieser Pfeiler des europäischen Projektes ermöglicht es jedem Unionsbürger, sich in jedem Mitgliedsstaat frei zu bewegen, zu leben und zu arbeiten. Für manche ist die europäische Freizügigkeit mehr als nur das einfache Reisen: sie gibt die Möglichkeit für einen Neustart, einen Lebenswandel. 

„Das erste Mal war ich für ein Praktikum in einem Pariser Start-up“, erzählt uns Sarah, 24 Jahre. „Auch wenn ich eher zufällig in Frankreich gelandet bin, war diese Erfahrung für mich wie eine Offenbarung: heute nutze ich jede Gelegenheit, um hierher zurückzukehren!“ Sarah kommt aus Halifax, einer Region im Norden von England, die besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Sie hätte kaum einen stärkeren Kontrast finden können. Aber weit über die wirtschaftlichen Unterschiede hinaus, erinnert sich die junge Frau insbesondere an die kleinen Unterschiede im Alltag: „Ich bin hier viel weniger gestresst, weil der Rhythmus langsamer ist als in England. Eine mindestens einstündige Mittagspause ist in Frankreich ganz normal. Man kann sich im Alltag Zeit nehmen und das gefällt mir.“

Lucy, die seit drei Jahren in Berlin lebt, erzählt uns: „Ich habe Deutschland seit meiner Ankunft geliebt. Ich mag die Sprache und meine Persönlichkeit passt zur deutschen Lebensart. Berlin hat mich gezwungen, zu entschleunigen, das Leben zu genießen und meine Liebe zur Geschichte auszuleben. Die Deutschen haben mir beigebracht, mich progressiv mit der Geschichte zu versöhnen.“

Steht die Unionsbürgerschaft wirklich synonym für Lebenswandel? Zumindest ist man sich einig, dass die Freizügigkeit innerhalb der EU eine gewisse 'Innenansicht' ermöglicht. Sprachlicher Lokalkolorit, die beliebteste Biermarke der Region oder die meist genutzten Supermarktketten sind Elemente, die europäische Bürger langsam zusammenschweißen.

Handel mit der Unionsbürgerschaft?

Die Logik geht auf die Schöpfungsgeschichte des europäischen Projekts selbst zurück. Das Ziel: ein Gefühl für Gemeinschaft unter den europäischen Völkern herzustellen. Heute scheint die Wette halb aufgegangen zu sein. Auch wenn der Brexit eine deutliche Ablehnung der EU zeigt, hat er bei einigen paradoxerweise auch den europäischen Einheitsgedanken neu geweckt. „Ich spüre eine gewisse Solidarität mit Gleichaltrigen anderer europäischer Länder“, bestätigt Bradley, ein 22-jähriger Londoner, der drei Monate lang in Wien gearbeitet hat. „Durch mein Studium in London und meinen anschließenden Job in Österreich konnte ich viele junge Europäer treffen, die zu Freunden geworden sind. Heute bin ich traurig darüber, dass meine Regierung diesen Zusammenhalt schwächen will.“

Solidarität und ein Gefühl der Nähe: Sollte da tatsächlich ein europäisches Völkchen entstehen? Das Thema ist umstritten, die Unionsbürgerschaft begrenzt sich heute auf wenige Aspekte der Bevölkerung. Dennoch scheint das Europäischsein bei unseren Befragten doch sehr präsent zu sein. Viele sagen, dass sie sich als Europäer fühlen. Sie zeigen, dass es eine tiefgehendere Ebene der Unionsbürgerschaft gibt, als nur die rechtliche. „Durch alle Länder zu reisen, Fremdsprachen zu sprechen: Ich fühle mich heute mehr als Europäerin als als Engländerin!“, fügt Sarah hinzu. „Mir zu sagen, dass ich nun in Zukunft nach dieser Bürgerschaft fragen muss, sie sogar einfordern muss: Das fühlt sich für mich sehr komisch an!“

Der Brexit ist das Ende des britischen europäischen Traums. Auch wenn die Verhandlungen des Austritts Großbritanniens aus der EU noch nicht begonnen haben, das Problem der Unionsbürgerschaft ist bereits heute einer der wichtigsten Punkte. Im November 2016 präsentierte der luxemburgische Abgeordnete Charles Goerens die Idee einer 'assoziierten Bürgerschaft', durch welche die Briten ihre europäischen Rechte beibehalten könnten. Eine verlockende aber auch zweifelhafte Lösung: „Ich würde gerne meine Unionsbürgerschaft behalten“, sagt Laura, „aber die assoziierte Bürgerschaft wäre nicht legitim. Die Briten müssten dafür zahlen, was eine Art 'Handel' mit der Unionsbürgerschaft zur Folge hätte. Die Idee ist toll, kommt aber zu spät. Die Briten haben gewählt. Und Großbritanien hat sicher nichts, was sie der EU im Gegenzug anbieten könnte.“

Das Thema bleibt bis zu den vorgezogenen Wahlen am 8. Juni weiter offen. Die von Premierministerin Theresa May angekündigten Wahlen kamen sowohl für Großbritanien als auch für die EU überraschend. Das Ergebnis der Wahlen, welche eine konservative Mehrheit für die Brexit-Verhandlungen erzielen sollen, könnte für die Zukunft der Unionsbürgerschaft der Briten entscheidend sein. Aber egal wie die Wahlen ausgehen, Laura bleibt optimistisch: „Der Verlust meiner Unionsbürgerschaft heißt für mich nicht, dass ich keine Europäerin mehr bin. Ich werde auch weiterhin Teil dieser kulturellen und sozialen Gemeinschaft sein.“