Politik

Bosnien-Herzegowina: Sarajevo erwacht

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014

Die Zi­vil­ge­sell­schaft in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na wacht nach 20 Jah­ren Win­ter­schlaf wie­der auf. In der ers­ten Fe­bru­ar­wo­che 2014 gin­gen die De­mons­tran­ten in Sa­ra­je­vo auf die Stra­ße, um gegen korrupte Politiker mobil zu machen. Die Ge­walt­ zwi­schen Po­li­zei und Zi­vi­lis­ten nimmt zu. 

Die Pro­test­wel­le, die die grö­ße­ren Städ­te der mus­li­misch-kroa­ti­schen Fö­de­ra­ti­on er­schüt­tert hatte, er­reich­te in der Haupt­stadt Sa­ra­je­vo ihren Hö­he­punkt. Das Ge­bäu­de des Staats­prä­sidenten hier wurde in Brand ge­steckt. Am 9. Fe­bru­ar 2014 war der Chef der Re­gio­nal­re­gie­rung in Sa­ra­je­vo, Suad Zel­j­ko­vic, von sei­nem Amt zu­rück­ge­tre­ten.

An dem drit­ten Tag der Aus­schrei­tun­gen, am 7. Fe­bru­ar 2014, ström­ten bei­na­he 6000 De­mons­tran­ten in die In­nen­stadt von Sa­ra­je­vo und for­der­ten den Rück­tritt der Re­gie­rung. Die Pro­tes­te rich­te­ten sich gegen die mi­se­ra­ble Wirt­schafts­la­ge und die hohe Ar­beits­lo­sig­keit. „Die De­mons­tra­tio­nen sind spon­tan ent­stan­den“, be­rich­tet die Ak­ti­vis­tin Hana Ob­ra­do­vic, 25. Nach der Auf­fas­sung der Pro­tes­tie­ren­den seien so­zia­le Not und ver­brei­te­te Armut auf Miss­wirt­schaft zu­rück­zu­füh­ren.

Be­reits seit einem Jahr gin­gen jeden Diens­tag, die Be­schäf­tig­ten von  pri­va­ti­sier­ten eh­ema­li­gen Staats­be­trie­be­n (Dita, Re­sod-Gui­ming, Po­li­hem und Po­lio­chem, Anm. d. Verf.) in Tuzla auf die Stra­ße. Sie sag­ten, dass ihre Ar­beit­ge­ber die Be­trie­be ab­ge­wirt­schaf­tet hat­ten. Kor­rup­ti­on und die Fi­nanz­kri­se hät­ten dann ihr Üb­ri­ges zum Nie­der­gang der Un­ter­neh­men bei­ge­tra­gen. Die Re­gie­rung hat aus Sicht der Be­schä­tig­ten bis­her wenig zum Schutz der Ar­beits­plät­ze getan.

Stei­ne gegen Trä­nen­gas und Rauch­bom­ben

Die po­li­ti­sche Ge­stal­tung Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­nas re­sul­tiert aus dem Frie­dens­ver­trä­gen von Day­ton, die 1995 von MiloševićIzet­be­go­vić und Tuđman un­ter­zeich­net wur­den. Da­durch ent­stand auf dem Pa­pier ein ein­heit­li­cher Na­tio­nal­staat, de facto wur­den aber zwei po­li­ti­sche und ge­setz­li­che Län­der ge­schaf­fen: die ser­bi­sche Re­pu­bli­ka Srps­ka und die mus­li­misch-kroa­ti­sche Fö­de­ra­ti­on. Der Jour­na­list Mirs­ad Ba­jh­rend er­klärt, Armut und Kor­rup­ti­on seien den bei­den Tei­len ge­mein­sam, aber „auf­grund eines ge­lähm­ten po­li­ti­schen Sys­tems kam es haupt­säch­lich in der mus­li­misch-kroa­ti­schen Fö­de­ra­ti­on zu Aus­schrei­tun­gen. Dort haben Po­li­ti­ker 20 Jahre lang ihre ei­ge­nen In­ter­es­sen ver­folgt“. 

Die an­fäng­lich fried­li­chen Pro­teste, haben sich seit dem 5. Fe­bru­ar wie ein Lauf­feu­er in der Re­gi­on aus­ge­wei­tet. Ob­wohl die De­mons­tran­ten ur­sprüng­lich keine Ge­walt aus­üben woll­ten, sind die Pro­tes­te am Nach­mit­tag des 7. Fe­bru­ars  es­ka­liert. Als Ant­wort auf Stein­wür­fe und Feu­er­werks­kör­per setz­te die Po­li­zei Trä­nen­gas, Rauch­bom­ben und Was­ser­wer­fer gegen De­mons­tran­ten ein. Die Pro­tes­tie­ren­den skan­dier­ten: „Wir wol­len einen Macht­wech­sel!“. 

DIE PRO­TES­TE grei­fen wie Feuer um sich

Das in Brand ge­steck­te Re­gie­rungs­ge­bäu­de zeugt von der flam­men­den Wut ge­gen­über den In­sti­tu­tio­nen, die nicht län­ger dem Volk die­nen. „Wir haben keine Al­ter­na­ti­ve“, er­zählt ge­rührt ein jun­ger Mann mit Trä­nen in den Augen bei dem Brand. „Ich habe vor kur­zem mein Me­di­zin­stu­di­um ab­ge­schlos­sen, ich kann nicht ar­bei­ten und ich habe nicht genug Geld, um mein Glück im Aus­land zu su­chen“.

Wem ge­hört in die Pro­test­be­we­gung? Die Mei­nun­gen dar­über sind un­ter­schied­lich.

Ka­ta­ri­na Civkl, For­sche­rin beim Think Tank Po­pu­la­ri, die sich mit In­te­gra­ti­ons­po­li­tik für Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na be­fasst, be­haup­tet, der Brand in Sa­ra­je­vo könn­te von Ju­gend­li­chen ge­plant wor­den sein. Es han­delt sich um eine ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fen­de und mul­ti­eth­ni­sche Be­we­gung. Die De­mons­tran­ten sind am Wo­chen­en­de zu­rück­ge­kom­men, so­wohl zum pro­tes­tie­ren als auch um die Trüm­mer der Kra­wal­le zu be­sei­ti­gen. Nach zwan­zig Jah­ren Teil­nahms­lo­sig­keit ist die  Zi­vil­ge­sell­schaft in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na auf­ge­wacht.