Politik

Billigflug in die europäische Identität

Artikel veröffentlicht am 19. August 2009
Artikel veröffentlicht am 19. August 2009
An günstige Reiseangebote sind moderne Europäer gewohnt, schließlich sind sie ja schon länger Teil des täglichen Lebens. Die negativen Auswirkungen der Billigflieger auf die Umwelt könnten aber die neue, von Ryanair und Co. gestiftete europäische Identität gefährden.

Die 700 Fluggäste des irischen Billigfliegers Ryanair, die am Londoner Flughafen Stansted strandeten, sehen das Geschäftsprinzip solcher Fluglinien möglicherweise nicht uneingeschränkt positiv. Weil es am 2. August zu wenig arbeitende Angestellte gab, konnten die Reisenden ihr Gepäck nicht rechtzeitig vor dem Abflug aufgeben. Bewaffnete Polizisten mussten das Flughafenpersonal vor den wütenden Passagieren schützen. Ob diese wohl erneut riskieren würden, mit Ryanair zu fliegen? Trotz der gelegentlichen Skandale in der Branche lässt sich der Trend des preiswerten Reisens angesichts der 62 Billigfluglinien in der EU als ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Infrastruktur bezeichnen.

Was kostet die europäische Identität?

(Image: © jon gos / Flickr)Für Nick Winterton, der viele Jahre in Camden Town in London gewohnt hat, waren günstige Flüge ein Segen, denn er fand sein zweites Zuhause in der katalanischen Stadt Tossa de Mar an der Costa Brava. „Als wir das erste Mal nicht mehr im Rahmen einer Pauschalreise, sondern eigenständig durch Europa reisten, dachten wir, 200 Pfund (ca. 235 Euro; A.d.R.) sind preiswert. Ich will gar nicht daran denken, wie viel Geld das heutzutage ist!“ Inzwischen ermöglichen Billigfluglinien ein Leben in mehr als einem Land. „Wir reisen immer mit dem Flugzeug nach Spanien und buchen nahezu ausnahmslos Ryanair nach Girona,“ sagt Nick. Derzeit kosten ein Ryanair-Flug von Luton nach Girona rund 21 Pfund (ca. 25 Euro; A.d.R.). Lächerlich preiswert, wenn man nur Handgepäck mitnimmt. Die Wahl hat man aber nicht, denn kein anderer Billigflieger bietet planmäßig Verbindungen von Luton nach Girona an.

50 Prozent Wachstum und kein Ende in Sicht?

Der Zugang zu niedrigen Tarifen für Menschen wie Nick hat den enormen Boom im europäischen Fluggeschäft noch weiter angekurbelt. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Passagiere auf innereuropäischen Flüge laut der Association of European Airlines (AEA, auf Deutsch „Verban europäischer Fluggesellschaften“; A.d.R.) um 50 Prozent. Zusammen mit dem Schengener Abkommen und der Marktöffnung für Fluggesellschaften, die beide in die 1990er Jahre fielen, hat dies unsere Art zu reisen, aber auch unsere Sicht auf uns selbst grundlegend verändert. Denn einfach und billig durch Europa zu jetten ist mittlerweile zentraler Bestandteil der europäischen Identität.

Dem Fernweh nicht nur im Jahresurlaub nachgeben

(Image: ©dullhunk / Flickr)Ebenso beispielhaft ist der Fall von Kai Andrea Sauthoff, die in Hannover lebt und arbeitet, aber seit vielen Jahren Verbindungen nach Portugal pflegt. „Ich habe in Lissabon studiert und gelebt und mich dabei Hals über Kopf in dieses wunderschöne Land verliebt. Seitdem mache ich dort mindestens einmal pro Jahr einen Monat Urlaub.“ Obwohl sie nicht dort wohnt, identifiziert sich Kai stark mit Portugal. „Ich fühle mich nicht wie ein Ausländer, weil ich mit der Zeit gelernt habe, gut portugiesisch zu sprechen und die Kultur zu lieben. Ich mag es, Deutsche zu sein. Aber weil ich Portugal so liebe, ist die europäische Identität für mich wichtiger als die nationale.“

Die Möglichkeiten, diese „Fernbeziehung“ aufrechtzuerhalten, sind für Kai allerdings beschränkt. „Ich bin schon mit allen möglichen Transportmitteln nach Portugal gereist. Mit dem Zug fahre ich besonders gerne, denn das ist eine der angenehmsten Reisemöglichkeiten. Aber es braucht natürlich einige Zeit, um so bis nach Portugal zu kommen. Ich ziehe es generell vor, mehr Tage in Portugal zu haben und weniger Zeit mit An- und Abreise zu verschwenden. Billigflüge sind einerseits schlecht für die Umwelt, aber andererseits sind sie schrecklich praktisch, wenn man schnell herumkommen will, um Freunde zu treffen, neue Länder kennen zu lernen oder in einem anderen Land zu arbeiten.“

Das Ungetüm der „Umweltunverträglichkeit“

Bedenken bezüglich der Umweltverträglichkeit beeinflussen die Debatte über die Zukunft des Flugreisens stark. Umweltschützer hoffen, dass die Aufnahme der Luftfahrt in das Programm des EU-Emissionshandels in den nächsten Jahren der Industrie Anreize schaffen wird, den Schadstoffausstoß ihrer Flugzeuge zu reduzieren. Effizientere Maschinen könnten hilfreich sein, aber ein gleichzeitiger Anstieg der Preise ist unvermeidlich. Will man weiterhin billig reisen, muss man auf Veränderungen der europäischen Infrastruktur, wie den Ausbau des Hochgeschwindigkeitszugnetzes, setzen. Auf diesem Wege könnten die Umweltbelastungen auf weitere Strecken verteilt und die Umweltbeeinträchtigungen zumindest für die Statistik reduziert werden. Aber auch wenn die ökonomischen und politischen Kosten traditioneller Verkehrsmittel berücksichtigt werden müssen, bedeutet Reisefreiheit wenig ohne Fortbewegungsmittel.

Die Europäische Identität ist in Gefahr

"Ich fühle mich vor allem als Europäer und weniger als Brite - dank der Billigflieger"

Nimmt man andere Maßnahmen wie das Verbot des Flughafenausbaus hinzu, wächst die Angst vor dem Risiko, die nach wie vor zerbrechliche europäische Identität durch eine Einschränkung der Reisefreiheit zu gefährden. Nick hat Tossa de Mar mittlerweile vollkommen in seinen Alltag integriert, ohne aber das Leben eines Auswanderers zu führen. „Es fühlt sich nicht mehr fremd an. Als wir die Wohnung gekauft hatten, fühlten wir uns schlagartig anders: Die Stadt war genauso ein Teil von uns geworden wie Camden. Wir reden manchmal in Tossa darüber, nach Hause zu fahren – und meinen damit unsere spanische Wohnung, nicht die englische.“ Identitätsprobleme sind daher vorprogrammiert. „Manchmal beschreibe ich mich als Europäer. Nur nicht auf Treffen mit anderen Europäern, weil wir dann alle in Stereotypen zurückfallen und ich sehr britisch werde. Billigflüge haben sicherlich einen großen Umbruch eingeleitet und der war durchweg positiv,“ meint Nick. Ist die europäische Identitätserfahrung in Gefahr, wenn der europäische Bürger nicht mehr schnell und billig verreisen kann?