Politik

Beyond the Curtain: Frankreich blickt nach Berlin

Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Oktober 2014

Am 9. November 1989 war ich fünf Jahre alt. Nicht sehr alt also. Trotzdem erinnere ich mich noch an die Bilder im Fernsehen. Denn an dem Tag lief er den ganzen Abend lang, was bei uns recht ungewöhnlich war. Es waren Bilder von farbenfrohen Menschenmassen, die meine Eltern in dieser Nacht so fesselten.  

Ich habe nicht verstanden, was in dieser Nacht passierte. Aber ich hatte begriffen, dass dies ein wichtiges Ereignis für meine Eltern war. Deswegen habe ich sie gebeten, selbst von ihren Erinnerungen zu erzählen. 

„Am 9. November 1989 waren wir in Berlin. Zumindest fühlte es sich so an, als wären wir tatsächlich dort. Wir haben uns nur vom Fernseher losgeeist, um mit unseren Freunden aus (West-)Deutschland zu telefonieren. Wir wollten dieses Ereignis, von dem wir ahnten, dass es ein einzigartiger Moment sei, mit ihnen zusammen erleben. Wir wollten wissen, was die empfinden, die so viel näher am Geschehen dran waren als wir. Wenn unsere Kinder etwas älter gewesen wären, hätten wir uns sofort auf den Weg nach Berlin gemacht, um diesen einzigartigen, historischen Moment mitzuerleben.“

Der Eiserne Vorhang ließ uns erschauern

„Wir wurden fast zeitgleich mit der Mauer geboren oder zumindest kurz bevor sie errichtet wurde. Deswegen kannten wir die DDR, die durch die Mauer abgeschottet wurde, gar nicht. Während einer unserer Aufenthalte in Lüneburg haben uns unsere Freunde in die Nähe der Grenze gefahren, ans Elbufer. Was wir dort sahen, ließ uns erschauern. Nur 1000 Kilometer von unserer Heimat entfernt standen da Stacheldrahtzäune. In der Weite, hinter einer  breiten unbewohnten Fläche, konnten wir bewaffnete Soldaten und Hunde sehen. Unsere Freunde erzähten, dass sie ohne Vorwarnung schössen. Die einzigen Menschen, die wir "von drüben" kannten, waren die Weltmeisterinnen der DDR, vor allem die Schwimmerinnen mit ihren verblüffend breiten Schultern.“

„Am 9. November hatte wir das Fünfte an [französischer Fernsehsender, den es seit 1992 nicht mehr gibt, A.d.R.] und haben so lange Nachrichten geschaut, bis uns der Schlaf übermannte. Am Anfang waren wir skeptisch, da wir über die unnachgiebige Überwachung des DDR-Regimes Bescheid wussten. Wir dachten, die Öffnung der Grenze sei ein Scherz. Doch wir hatten uns getäuscht, es war tatsächlich wahr! Man konnte die Grenze passieren, ohne irgendein Risiko, ohne dass die Grenzsoldaten schossen.

Die Mauer bröckelte. Natürlich freuten wir uns darüber, dass Familien nicht mehr durch die Mauer getrennt waren, über die neue Freiheit. Aber wir dachten auch ganz egoistisch: Endlich können wir in die Oststaaten reisen, in die man zuvor als Tourist nur schwer kam: die ehemalige DDR, Heimat von Johann Sebastian Bach. Polen und der Staat, der heute gar nicht mehr existiert: die Tschechoslowakei mit ihrer wundervollen Hauptstadt Prag.

Und wir haben es getan, wir haben diese Länder bereist. Später haben wir dann auch die baltischen Staaten kennengelernt und ihre Hauptstädte Riga, Talinn und Vilnius besichtigt. In diesen Hauptstädten erzählen die Tourguides, dass der Fall der Mauer auch für sie den Anfang der Befreiung bedeutete.

Am Abend des 9. Novembers überlegten die meisten Fernsehsender noch, ob sie ihre Teams sofort vor Ort schicken sollten. Der nächste Tag war dann immer noch aufregend, denn das Tageslicht bestätigte, dass die nächtlichen Bilder auf dem Fünften tatsächlich Realität waren. Alle Medien schickten nun doch ihre Reporter vor Ort, um zu dokumentieren und zu rätseln, was in den kommenden Tagen und Wochen wohl passieren würde. Dass man sich von nun an frei bewegen konnte, bedeutete noch nicht, dass die DDR und die BRD sich wiedervereinigen würden. Die deutsche Wiedervereinigung, das war dann eine andere schöne Geschichte.“

Beyond the Curtain: 25 Jahre offene Grenzen

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren traten acht postkommunistische Staaten der EU bei. Aber was wissen wir wirklich über unsere Nachbarn jenseits der Grenze? Schreibt an berlin(at)cafebabel.com, um Teil des Reporterteams zu werden!