Politik

Berlusconi oder über die Umerziehung der Jugend

Artikel veröffentlicht am 9. November 2011
Artikel veröffentlicht am 9. November 2011
Die post-Berlusconi-Ära steht vor der Tür: Werden wir es schaffen, uns an langweilige politische Debatten und Ideenaustausch, an die Abwesenheit eines Mannes, den man nur lieben oder hassen kann, und an das Ende eines vulgären Fernsehmodells zu gewöhnen? Wie wird sich Italien wieder an ein Gefühl für Rechtsgültigkeit und daran, wieder Steuern zu zahlen, gewöhnen?
Wie können wir Jugendlichen, die in diesem System aufgewachsen sind, das Leben wieder ernst nehmen?

Es gibt eine Sache, die ich mich schon seit langem frage. Halb resigniert, halb schamhaft. Und das jedes Mal, wenn ich einem weiteren von Berlusconis Patzern beiwohne – wenn er zum Beispiel einen seiner Witze zum Besten gibt, der auf allen Fernsehkanälen widerhallt und für immer auf Youtube abrufbar bleiben wird, wenn internationale Größen über ihn und damit über alle Italiener lachen, die er ja vertritt. Kaum habe ich mich vom Schauder der Befangenheit erholt, schaffe ich es auch nach all diesen Jahren noch nicht, die ängstliche Frage zu unterdrücken: Werden wir immer so sein?

Von der Wiege bis ins Erwachsenenalter: Berlusconi ist schon da!

Kann dieses Italien in einer eventuellen post-berlusconianischen Ära überhaupt noch umerzogen werden? Werden die Italiener überhaupt in der Lage sein, einen ernsten politischen Dialog frei von Skandalen, Lachsalven und Knalleffekten auf sich zu nehmen und zu verstehen? Ich denke dabei vor allem an die Jugendlichen. Man muss nämlich im Hinterkopf behalten, dass Berlusconi für viele junge Italiener eine eindringliche Präsenz auf dem politischen Parkett ist, die sie von Kindesbeinen an bis ins Erwachsenenalter begleitet hat. Viele Jugendliche sind mit seinen Fernsehsendern, seinen Programmen und seiner Präsenz auf der Mattscheibe aufgewachsen. Dazu kommen die Erfolge seiner Fußballmannschaft, die in den 1990er Jahren die europäische Fußballszene beherrschte. Wie werden die Italiener reagieren, wenn sie herausfinden, dass Politik nicht unbedingt Unterhaltung ist und dass eine politische Debatte nicht immer in eine Talkshow umgewandelt werden muss? Was wird das für eine Enttäuschung sein, wenn sie erkennen, dass Diskussionen und Ideenaustausch manchmal recht langwierige und schwierige Prozesse, voll Langeweile und ohne Theaterstreiche sind.

Vor einigen Jahren alarmierte uns der Historiker und Journalist Indro Montanelli in einem Interview: „Wenn es um Berlusconi geht, sollten wir nicht so sehr seine Strafen als vielmehr seine Auszeichnungen fürchten.“ Haben wir uns vielleicht alle an diese „Auszeichnungen“ gewöhnt? Der Autor eines vor kurzem in der französischen Wochenzeitung Le Nouvel Observateur erschienenen Artikels („L'Italie de l'après Berlusconi en cinq points noirs“ von Marcelle Padovani) unterstreicht neben verschiedenen Leiden, die ein post-berlusconianisches Italien plagen werden – wie zum Beispiel die europäische Finanzkrise und die bedrückend hohe Arbeitslosenzahl unter den Jugendlichen – die sogenannte „moralische Krise“ Italiens, die über Gedeih und Verderb des Landes entscheiden werde.

An dieser Stelle offenbaren sich einige der „zu fürchtenden Auszeichnungen“, vor denen uns Montanelli gewarnt hatte. Padovani erinnert an verschiedene Aspekte, wie zum Beispiel die schlechte Ausbildung der Jugendlichen (oder auch nicht) und das Ausmaß, in dem der Berlusconismus Rechtswidrigkeit und Steuerhinterziehungen begünstigt habe. Er verschweigt auch nicht, wie sehr Berlusconi das Bild der 'soubrette' und des Escort-Girls, also der unterworfenen und unterwürfigen Frau verklärt habe. Ebenso erinnert er daran, dass Berlusconi uns die Idee vererbt, dass alles erkauft und verkauft werden könne. Wie viel Zeit und Mut braucht es, um uns von all diesen Dingen zu erholen? Wir werden uns auch auf moralischem Gebiet umerziehen lassen müssen, ohne aber unbedingt in moralische Bigotterie zu verfallen.

Wen sollen wir jetzt bis zum Wahnsinn lieben oder hassen?

Wahrscheinlich werden wir uns auch zu mehr Selbstkontrolle und zu ausgeglicheneren Positionen erziehen und lernen müssen, dass ernste Debatten und Ideenaustausch nicht immer nur langweilig sind. Wir müssen unsere verlorene Rationalität wiedergewinnen! Ich denke dabei sowohl an die Berlusconianer als auch an die Nicht-Berlusconianer, schließlich wird es keine Person mehr geben, die wir bis zum Wahnsinn lieben oder hassen können werden. Es gibt wohl sonst keine Figur in der italienischen Politik, die den eigenen Personenkult so dreist betrieben hat wie der Premierminister.

Auch deswegen hat Berlusconi bei vielen Menschen extreme Gefühle hervorgerufen: Auf der einen Seite stehen rückhaltlose Liebe, Personenkult und Schmonzetten à la „Meno male che Silvio c'è“. Auf der anderen Seite rückhaltloser Hass und Verachtung. Wenn sein Name genannt wird, scheint es unmöglich zu sein, milde Reaktionen oder Desinteresse hervorzurufen. Oder noch schlimmer: Es scheint sogar unmöglich zu sein, konstruktive Kritik an seiner politischen Agenda zu üben. Dabei handelt es sich doch um eine Agenda, die in alarmierendem Maße immer an zweiter Stelle steht, da wir alle zu sehr damit beschäftigt sind, Berlusconi als Person zu lieben oder zu hassen.

Als Beispiel für die extrem unterschiedlichen Reaktionen in Bezug auf den Cavaliere genügen die Kommentare unter einem neuen Post Berlusconis auf Facebook: „Die Stimmen, die meinen Rücktritt fordern, entbehren jeder Grundlage.“ Jede Aussage Berlusconis provoziert ein Unwetter: Manche schreiben nur in Großbuchstaben („SIE SOLLTEN SICH SCHÄMEN UND VOR SCHAM NUR MIT EINEM SACK ÜBER DEM KOPF HERUMLAUFEN!“), andere fürchten sich vor dem Weltuntergang („Du solltest abgesetzt werden... so früh als möglich, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern“). Manche wünschen ihm sogar den Tod an den Hals („Du solltest nicht zurücktreten, sondern STERBEN!“). Aber andere Kommentatoren ermuntern ihn: „Herr Präsident, vergessen Sie nicht, immer nach vorne zu schauen und an uns Bürger zu denken!“ Andere Sprüche erinnern mehr an Spruchbänder aus dem Fußballstadion: „Silvio, du bist super! Gib nicht auf!“ Aber was werden die Italiener tun, wenn sie eines Tages in einer Welt ohne die eine Person, die sie alle lieben oder hassen können, aufwachen werden?

Foto: (cc) giuseppesavo/flickr