Politik

Banlieue - Draußen vor der Tür

Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2008
Artikel veröffentlicht am 7. Februar 2008
Banlieue ist die umgangssprachliche Umkehrung von 'lieu du ban', wörtlich: Ort der Verbannung. Jenseits der Peripherie, der Stadtautobahn um Paris, reihen sich lange Hochhauszeilen dicht aneinander. Rundgang in 'le petit Nanterre', wo die Hoffnungslosigkeit regiert.

In den siebziger Jahren brauchten die französischen Fabriken Arbeitskräfte. Die Immigration aus den ehemaligen Kolonien schaffte Abhilfe und war zudem kostengünstig. Zu dieser Zeit erreichte der soziale Wohnungsbau seinen Höhepunkt: Hohe kalte Gebäude in Randgebieten und ohne Geschäfte speicherten Menschen, die heute die Arbeitslosen-Listen füllen. Bis zur Schließung der Grenze 1974 zogen viele Familien nach Frankreich, um ihr Glück zu versuchen. Der heutige Mangel an Investition und die Marginalisierung dieser Vorhöllen aus Beton sind die Früchte eines staatlichen Planes, der die Konsequenzen nicht vorhersah. Konsequenzen, mit denen sich Les Canibouts auseinandersetzt, ein Sozialzentrum in einer ganz speziellen banlieue: Le Petit Nanterre.

Das kleine Nanterre

Das Elendsviertel ist gleich doppelt isoliert: Der Fluss und die Bahnschienen trennen die 9000 Einwohner von den restlichen 76.000 Bewohnern von Nanterre. Nachbarn sind La Defénse, Geschäftsviertel von Paris, und Neully-sur-Seine, die luxuriöse Vorstadt, die Sarkozy regierte, bevor er in den Élysée-Palast einzog: Hier bezeichnete er die Bevölkerung von Vorstädten wie Nanterre als racaille (Abschaum).

Das Krankenhaus in Nanterre ist bekannt dafür, dass es Obdachlose beherbergte, als es verboten war, auf der Straße zu schlafen. Dieses Verbot ist heute zwar aufgehoben. Dafür ist es den Jugendlichen in den Vororten aber jetzt verboten, sich in den Eingangsbereichen der Häuser zu treffen: "Null-Toleranz-Politik" wird das genannt. Hartes Durchgreifen, um traurige Kapitel wie das Niederbrennen eines Busses in Nanterre während der Krawalle von 2005 zu verhindern.

In 'le petit Nanterre' befindet sich auch das sozio-kulturelle Zentrum Les Canibouts. Wie viele andere soziale Einrichtungen kann es sich über geringe Eigenfinanzierung, symbolische Einnahmen für bestimmte Aktivitäten und durch Fördermittel über Wasser halten. Die Hilfen kommen von der CAF, der französischen Familienkasse, von der DDJS, der Département-Stelle für Jugend und Sport, und vom Rathaus. Marjorie Vignon, Sozialarbeiterin bei Les Canibouts, meint: "Auf einen Antrag folgt viel Bürokratie, aber wenig Garantie auf Erfolg. Daher ist es schwierig, langfristig zu planen."

Marjorie ist Bretonin und für die 6 bis 12-jährigen Kinder verantwortlich: "Wir schaffen einen Ausgleich zwischen der Nachfrage der Bürger und Finanzmitteln, die dieser Nachfrage nicht gerecht werden." Viele Projekte werden aufgrund mangelnder Subventionen gestoppt. Um dies zu vermeiden, arbeitet das Zentrum mit dem anderen Sozialzentrum hier in 'le petit Nanterre' zusammen, das laut Valérie Méot auf Familien spezialisiert ist. Die wichtigste Aufgabe ist die Entwicklung des Viertels: Man organisiert das 'Elterncafé', wo über die Erziehung und Bildung der Kinder und über Lokalpolitik diskutiert werden kann. Oder die Weihnachtsfeier, bei der es letztes Jahr Couscous gab.

Anti-Ghetto

Wie Couscous und Weihnachten, so koexistieren auch die Religionen in der banlieue nebeneinander. Trotzdem werden die Muslime als die Verantwortlichen der Pariser Unruhen gebrandmarkt. Der Soziologe Loic Wacquant verwendet in diesem Sinne den Begriff "Anti-Ghetto", um zu verdeutlichen, dass die europäischen banlieues "nicht heterogen" sind. "Die Marginalisierung ihrer Bewohner entsteht weder durch Rasse noch durch Ethnie, sondern durch soziale Klasse", so Wacquant.

De facto verhindert die Stadtplanung der französischen Vorstädte nachbarschaftliche und gemeinschaftliche Beziehungen, die durch Religionszugehörigkeit geknüpft werden könnten. Die Vorstädte sind in einer Weise entworfen, die es zugewanderten Arbeitern erheblich schwer macht, Kontakte zu knüpfen oder sich zu unterhalten. Die triste Architektur spornt sie vielmehr zum Sparen an, um später einmal Hauseigentümer zu sein. In Bezug auf die Polizeipräsenz in vielen Wohngegenden bemerkt der Jugendgruppenleiter von Les Canibouts, Ludovic Alexandre, ironisch: "Wo sind denn die brennenden Autos und die aggressiven Jugendlichen?" Dabei deutet er auf das Fenster, hinaus auf die Straße. Er kanalisiert die kreative Energie seiner Jungs mit Theater-, Slam- und Video-Workshops und organisiert Ausflüge in die Natur am Wochenende oder in den Ferien.

Ludovic bemängelt, dass der politische Missbrauch und das Wegsehen des Staates sich in einer "von den Medien vermittelten Sicht über die banlieues" vereinen. Diese verbreiten ohne Unterbrechung Nachrichten von gewaltsamen Reaktionen und verletzten Polizisten, ohne jemals den von Polizisten verprügelten Jugendlichen, die oft auf YouTube zu sehen sind, eine Schlagzeile zu widmen. Auch den Ursprüngen der Proteste würde nicht ausreichend nachgegangen. Von diesen Ursprüngen handelt das Buch C’est de la racaille? Eh bien, j’en suis! (Aléssi Dell'Umbria: Sie sind Abschaum? Dann gehör ich auch dazu!), in dem es in einer Zeugenaussage heißt: "Gäbe es Denkmäler, dann würden keine Autos brennen."

Polizeiliche Kontrolle ist keine Lösung

Polizeiliche Kontrolle verhindert zwar, dass die Situation außer Kontrolle gerät, verbessert sie aber nicht. Der Beweis sind die Unruhen im vergangenen Herbst 2007 als Reaktion auf den Tod zweier "Abschaum"-Jugendlicher während einer polizeilichen Verfolgung. "Die wachsende polizeiliche Präsenz prallt auf die Einschränkungen der Sozialhilfe", sagt Marjorie. Sie sei sich bewusst, dass der Kapitalismus Menschen ausschließt. Sie erklärt auch, dass die meisten Aktivitäten "Werkzeuge für die Chancengleichheit" sind, wie zum Beispiel Alphabetisierungs-, Französisch- oder Informatikkurse. Daneben gibt es auch Kinderbetreuungsangebote, kulturelle Ausflüge, kostenlose Rechtsberatung oder Hilfe bei der Arbeitssuche. "Während sich viele Frauen und Kinder an uns wenden, nehmen Männer selten teil", beklagt Marjorie.

In Marjories Viertel, 'le petit Nanterre', sowie in vielen anderen Vierteln steigen auch die Festnahmen und Verhaftungen. Die Kriminalitätsrate bleibt zwar momentan auf dem gleichen Level. Aber eine schärfere strafrechtliche Politik schickt zunehmend mehr Menschen hinter Gitter. Zwischen 1996 und 2006 sind Verurteilungen zu 20 oder 30 Jahren Haft um das Dreieinhalbfache gestiegen. Dem Bericht des französischen Justizministeriums zufolge "sind die neuen Sträflinge hauptsächlich junge und sozial ausgegrenzte Männer". Die Gefängnisse "sind überfüllt", erklären die Sozialarbeiter.