Politik

Balkan-Expertin Claude Fisher: "Kriegserfahrungen kann man nicht einfach so löschen"

Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 12. Juli 2011
Während in Bosnien Aufregung aufgrund der Gedenkfeier für die Opfer des Massakers von Srebrenica herrscht, wird ein ehemaliger serbischer General, Jovan Divjak, in Österreich wegen Straftaten festgehalten, die er vielleicht nie begangen hat.
Interview mit Claude Fisher, Präsidentin des Vereins Confrontations Europe und pro-bosnische Aktivistin, die davon überzeugt ist, dass die europäische Demokratie derzeitig im Balkan auf den Prüfstand gestellt wird.

Am 3. März 1992 wirdJovan Divjak, serbisch-bosnischer Ex-General der jugoslawischen Armee, am Flughafen von Wien festgenommen. Vermutlich aufgrund eines diensteifrigen Zollbeamten. Seit 4 Monaten wird der 74-Jährige dort des Verrats und zahlreicher Kriegsverbrechen beschuldigt. Während Divjak auf die spärlichen Dokumente, die seine Unschuld beteuern sollen, wartet, engagiert sich Claude Fisher, die sich auch in der Vergangenheit bereits für Bosnien eingesetzt hat, in seinem Fall. Sie spricht von einer „unglaublichen Ungerechtigkeit“.

cafebabel.com: Wer ist Jovan Divjak?

Seht das Video an, welches Jovan Divijak für unschuldig erklärt (5min50 auf Youtube)

Claude Fisher: Divjak war General der jugoslawischen Armee, der seit 1984 in Bosnien lebt und im Moment des Krieges mutig Stellung zu Milosevic bezogen hat. Und zwar bereits 1992. Serbischer Nationalität (Jovan Divjak wurde in Belgrad geboren), bezeichnet er sich heute als Bosnier. Er kämpft bis heute für ein multiethnisches Bosnien, insbesondere mit Hilfe des Vereins Obrazovanje Gradi Bosnu i Hercegovinu (OGBH) („Bildung erbaut Bosnien und Herzegowina“). Außerdem hat er ein sehr schönes Buch namens Sarajevo meine Liebe veröffentlicht. Heute beschuldigt man ihn des Verrats und zahlreicher Kriegsverbrechen während des Angriffs am 3. Mai 1992 in Sarajevo (so genannter Fall „Dobrovaljačka“; A.d.R.). Deshalb wurde er am 3. März am Wiener Flughafen festgenommen. Die Lage war durch die Verhaftung von Ratko Mladic äußerst angespannt, deshalb wurde Divjak auf Anordnung des Staatsanwaltes hin direkt zur Polizeiwache gefahren. Darüber hinaus steht er auf einer schwarzen Liste von 19 Namen, die aus der Zeit Milosevics stammt und weder von Den Haag noch von Interpol anerkannt wird. Wir warten jetzt auf die Beweise für seine Schuld oder Unschuld. Und das läuft bereits 3 Monate.

cafebabel.com: Sind Sie der Meinung, dass der Fall dieses Mannes charakteristisch für die fortwährenden Spannungen zwischen Serbien und Bosnien- Herzegowina ist?

Claude Fisher: Ja, selbstverständlich. Die Politiker nutzen Jovan aus, er ist das Herzstück politischer Auseinandersetzungen, die weit über seinen Fall hinausgehen. Seine Festnahme geschah unerwartet und zusätzlich genau eine Woche vor der Mladics. Divjak darf nicht einfach mit ihm gleichgesetzt werden. Bei Srebrenica handelt es sich immerhin um 6000 bis 8000 Tote und mehr als 15 000 Verschollene! Unser Mann wartet bereits seit zu langer Zeit. Wir haben der Europäischen Kommission und dem Parlament geschrieben, wir haben einen Brief aufgesetzt, der 62 Unterschriften aus erster Reihe vereint. Von nun an muss diese Bewegung auch auf europäischem Niveau verbreitet werden. Die Freilassung Jovan Divjaks könnte so etwas wie eine Bedingung für einen eventuellen Serbien-Beitritt zur EU darstellen.

cafebabel.com: Sind die Kriegserinnerungen in dieser Balkanregion immer noch aktuell?

Claude Fisher: Sehr aktuell, die kann man nicht einfach so von der Festplatte löschen. Diese Menschen haben schreckliche Dinge gesehen. und bis heute hat keine tatsächliche Aufarbeitung stattgefunden. Die Serben haben die Schuldfrage noch nicht verarbeitet, was die Deutschen zum Beispiel nach dem Krieg gemacht haben. Außerdem fordert die Europäische Union die Bildung eines Rechtsstaates in Bosnien, aber das scheint nach wie vor schwierig. Wir würden gerne eine bosnische Gemeinschaft gründen, aber wir schaffen es ja noch nicht einmal eine Regierung auf die Beine zu stellen. In jedem Land leben Minderheiten, die die Spannungen immer wieder hochkochen lassen. Und die Bevölkerungen kommt nicht darüber hinweg, wenn niemand für begangene Fehler geradesteht. Genau dafür wird Europa gebraucht. Österreich hat jetzt die Möglichkeit ihnen mit der Freilassung  Divjaks unter die Arme zu greifen.

Fotos: Homepage (cc)Melita/flickr ; (cc)ocasaggia/flickr ; Claude Fisher: Mit freundlicher Genehlmigung von Confrontations Europe