Politik

Ausgeräumt: Fünf Kosovo-Klischees

Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 17. Februar 2010
Am 17. Februar feiert Europas jüngstes Land seinen zweiten Geburtstag. Viele können den Balkanstaat noch immer nicht auf einer Landkarte verorten. Regelmäßig wird über Soldaten, organisierte Kriminalität und Visa-Querelen berichtet. Zwei WG-Bewohner in Priština - ein Kosovare und ein Deutscher - über 5 Kosovo-Mythen.

Tee in einer Bar in PristinaPriština ist eine graue und trostlose Hauptstadt: Fremde sagen oft, dass „das Gute am Winter ist, dass man den Müll nicht mehr sieht“. Die Luft ist oft mit dem beißenden Rauch des alten Kohlekraftwerks verschmutzt, das kilometerweit entfernt liegt. Doch Priština bietet eine Auswahl unzähliger Cafés, Bars und Restaurants, die es locker mit Berlin aufnehmen können. Die Hauptstadt der Schlaglöcher mag weniger hübsch als Prag sein. Doch es ist ein fröhlicher Ort, in dem das Nachtleben die ganze Woche über pulsiert.

Nichts Sehenswertes im Kosovo: Ein armes Land mit kommunistisch geprägter Infrastruktur, keine Küste - so lauten einige der Kosovo-Klischees. Kosovo ist zwar klein, doch dadurch lassen sich die wunderschönen Gjeravica-Canyons innerhalb weniger Stunden erreichen. Die Gegend eignet sich ideal zum Wandern und Klettern. Unter den lohnenden Ausflugszielen finden sich Täler, Wasserfälle, Ruinen aus der Zeit der Ottomanen, Moscheen und orthodoxe Kirchen aus dem 13. Jahrhundert oder die traditionellen Häuser mit ihren roten Ziegeldächern. Die Menschen in dieser Gegend sind besonders gastfreundlich - sie teilen gerne ihr Heim, ihre Geschichten und ihr Leben mit interessierten Besuchern. Kaum hat man Priština verlassen, schon findet man sich mit einer Einladung wieder, das traditionellen Gericht ‚Filja’ zu probieren oder hausgemachten Käse und frische Milch zu genießen. Daneben gibt es auch Highlights wie das seit 2002 bestehende Filmfestival Dokufest in Prižren, Theater, Jazz, Folklore und Schlauchbootfahren.

Kosovo hat keine Zukunft: Der Balkanstaat ist ein kleines, wirtschaftlich isoliertes Binnenland, dessen kulturelle Rückständigkeit zu Spannungen führt. Doch das größte ungenutzte Potential steckt in der Jugend des Landes. Rund 75 % der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Wegen des Krieges verbrachte ein Großteil unter ihnen viel Zeit im europäischen Ausland und den Vereinigten Staaten, machte Studienabschlüsse und lernte Englisch. Sogar die Bettler vor Ort können Gespräche auf Englisch oder Deutsch führen. Junge Leute sind kreativ, enthusiastisch, lernbegeistert und offen für Innovation. Außerdem ist es einfach, hier Geschäfte zu machen: Der Kosovo hat die niedrigsten Steuern auf dem ganzen Balkan, günstige Immobilien und niedrige Löhne (Durchschnittslohn: 160 bis 190 Euro).

Die Kampagne, an der Dhurata Lipovica mitwirkte, stammt von der Pariser Werbeagentur Saatchi and Saatchi

Kosovo ist ein fanatischer Staat: Obwohl man an vielen Ecken von Priština Moscheen sieht und die Mehrheit der Bevölkerung aus Muslimen besteht, würden weniger als 0,1% den Unterschied zwischen einem Muezzin und einem Mullah erklären können. Die Menschen trinken Alkohol und rauchen (sogar während öffentlicher Sitzungen), und es gibt weniger Frauen mit Kopftuch als in Paris. Die Stadt Gjakova hat 85% muslimische Einwohner, die vor einiger Zeit einen katholischen Bürgermeister wählten - kann es mehr Toleranz geben?

Kosovo ist nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Nato-Bombardierung 1999 immer noch ein gefährliches Land: Über 10.000 Nato KFOR-Truppen sind noch im Land stationiert. Sie sichern historische Gebäude, Kirchen und Brücken. Der weithin bekannte Streit zwischen Kosovo und Serbien ist rein politischer Natur, die gewaltsamen Zwischenfälle endeten im Jahr 1999. Man wird also am Flughafen Priština nicht erschossen. Ein UN-Report aus dem Jahr 2005 erklärte den Balkan zu einer der sichersten Regionen in Europa. Die Kriminalitätsrate des Kosovo ist eine der niedrigsten, verglichen mit den anderen Balkanländern. Laut einer 2009 veröffentlichten Kriminalitäts- und Sicherheitsstudie der EU-Kommission und der Vereinten Nationen führt Großbritannien mit der höchsten Rate in ganz Europa.

Fotos: Café in Pristina ©decafinata/Thomas Berg bei flickr;Dhurata Lipovica in einer Regierungskampagne an die Jugend ©Young European campaign, hier das Video zur Kampagne sehen/ Video: ©DokuFestTV/Youtube