Politik

Antwort auf Berlusconis Medienmonopol: Italien geht ins Internet

Artikel veröffentlicht am 9. April 2010
Artikel veröffentlicht am 9. April 2010
In Italien wurden vor den wichtigen Regionalwahlen Ende März die politische Sendeformate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgesetzt. Statt zu Demonstrationen aufzurufen, zogen einige Journalisten unter dem Namen Rai per una notte einfach mit ihrer Sendung ins Internet. Vom Versuch die staatliche Zensur über das Internet zu unterlaufen.

Der Streit zwischen dem italienischen Premierminister Berlusconi und der links gerichteten Presse nahm 2002 mit dem so genannten Editto bulgaro („bulgarisches Edikt“) seinen Anfang. Damals forderte Berlusconi, als amtierender Premierminister, am Rande eines offiziellen Staatsbesuchs in Sofia die neue Leitung der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf, dafür Sorge zu tragen, dass die beiden Journalisten Enzo Biagi und Michele Santoro sowie der Kabarettist Daniele Lutazzi das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht weiter für ihre Zwecke missbrauchen können. Alle drei hatten zuvor im Fernsehen erklärt, dass der Besitz seines Medienimperiums sich nicht mit dem Amt des Premierministers verträgt. Alle drei verschwanden dann tatsächlich für eine gewisse Zeit vom Bildschirm.

Die ihm feindlichen Sendungen scheinen ihm nicht in den Kram zu passen.Die Beziehung zwischen den italienischen Spitzenpolitikern und den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind jedoch seit jeher konfliktgeladen. Die drei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Italiens wurden im Laufe der Zeit von den politischen Parteien als ein Machtinstrument missbraucht. Die Politik betrachtet die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nur allzu gern als großen Kuchen, der nach Wahlen unter den Parteien abhängig von ihrem Abschneiden verteilt wurde.

Dieses Vorgehen hat eine lange Tradition in Italien. So war der erste Sender Rai Uno lange Zeit in der Hand der Democrazia cristiana, Rai Due wurde vom Partito socialista kontrolliert und die Kommunisten hatten bei Rai Tre das Sagen. Das System funktionierte leidlich, wurde aber aus den Angeln gehoben, als der Unternehmer und Medienzar Silvio Berlusconi Mitte der 1990er Jahre in die Politik ging. Denn in einem Land, in dem die große Mehrheit der Bürger ihre Informationen fast ausschließlich aus dem Fernsehen bezieht und in dem der amtierende Premierminister drei private Fernsehsender (Mediaset) sein Eigen nennen kann, ist de facto ein Machtmonopol entstanden, das eine ausgewogene Berichterstattung, vorsichtig formuliert, schwierig macht.

Der vorerst letzte Akt im Konflikt zwischen den Parteien, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen kontrollieren wollen, und den Journalisten, die auf ihre Unabhängigkeit pochen, begann mit dem Countdown zu den Regionalwahlen, die am 28. und 29. März 2010 in Italien abgehalten wurden. Eine Direktive der Rai-Sendeleitung hatte festgelegt, dass alle Programme mit politischem Inhalt bis zum Abschluss des Wahlkampfes ausgesetzt werden. Eine so noch nie dagewesene Entscheidung, welche die politische Diskussion in einem für die Demokratie des Landes entscheidenden Augenblick schachmatt setzte.

Während der Sendung "Rai per una notte"

Und als ob die Situation nicht schon merkwürdig genug wäre, wurde nun zur gleichen Zeit bekannt, dass Silvio Berlusconi eventuell neue juristische Scherereien drohen. Einige italienische Zeitungen berichteten nämlich von abgehörten Telefongesprächen zwischen dem Premierminister Silvio Berlusconi, einigen Spitzenvertretern der unabhängigen italienischen TV-Aufsichtsbehörde Agcom und den Sendechefs der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten Rai. Aus den abgehörten Telefongesprächen geht deutlich hervor, dass Berlusconi Druck auf die Funktionäre ausgeübt hat, damit die Ausstrahlung von einigen, ihm verhassten politischen Sendungen der Rai mit allen möglichen Mitteln verhindert wird. Vor diesem Hintergrund wirkt die zwischenzeitliche Absetzung der politischen Sendungen während des Wahlkampfes für die Regionalwahlen so, als hätte die Leitung der Rai dem politischen Druck des Premierministers nachgegeben.

Mit dem Internet gegen die Zensur: Revolution 2.0?

Zuschauer während der Sendung "Rai per una notte"Das den Medien verordnete Schweigen wurde jedoch durch die Ausstrahlung der Sendung Rai per una notte im Internet gebrochen. Einer der Autoren des Formats war Michele Santoro, einer der beiden Journalisten, die vor acht Jahren noch Opfer des Editto bulgaro wurden. Während der Übertragung der Sendung hob er hervor, dass es nicht mehr möglich sein werde, abweichende Meinungen zu unterdrücken: „Egal welche Entscheidungen sie in der Zukunft treffen werden, sie werden uns nicht mehr zum Schweigen bringen.“Was die Italiener da am 25. März live im Internet sehen konnten, war eine Mischung aus seriösem Journalismus und Entertainment. Der Live-Stream der Sendung war über Dutzende Internetseiten zu sehen, die Sendung wurde aber auch von einigen digitalen Fernsehsendern und Lokalsendern übertragen. Sogar auf Dutzenden Plätzen versammelten sich Menschenmassen, um die Sendung über Fernsehleinwände zu verfolgen. Ein Ereignis, das man in Italien so noch nie gesehen hatte. So gelang es der Sendung die Zensur zu unterlaufen, indem sie neue Kommunikationskanäle nutzte.

Noch gibt es keine offiziellen Zuschauerzahlen, jedoch ist jetzt bereits schon klar, dass der Abend ein voller Erfolg war. In der Spitze gab es mehr als 130.000 gleichzeitige Zugriffe auf die offizielle Seite der Sendung, wobei all die anderen Seiten, welche die Sendung ebenfalls über einen Live-Stream zeigten, nicht einberechnet wurden. Damit wurde Rai per una notte auf Anhieb das wichtigste Medienereignis in der Geschichte des italienischen Internets. Noch ist es verfrüht zu bewerten, ob es geglückt ist, das italienische Medienmonopol zu durchbrechen. Es muss jedoch festgehalten werden, dass das Internet einen Erfolg verbuchen konnte und bewiesen hat, dass innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Menschen erreicht werden können bzw. dass die Stärken des Internets in der horizontalen Kommunikation liegen und so die klassischen, vertikalen Kommunikationswege umgangen werden können. 

Foto: ©roberto cardarella/flickr; ©giuseppe nicoloro/flickr; ©ttan/flickr; ©bramanz/flickr. Video: ©studio1radiotvnews/Youtube