Politik

Andrew Bird: "Auch Hip Hop ist Folk"

Artikel veröffentlicht am 20. November 2009
Artikel veröffentlicht am 20. November 2009
Zuhause in Chicago - auf seiner Farm in Illinois - schreibt der 36-Jährige Songs, die Geigen, Gitarren, Stimmen und Pfeifen beinhalten und Bird zum Vertreter einer regelrechten Folk-Renaissance machen. Sein aktuelles Album Noble Beast war ein Hit in den USA und wurde in Europa, wo er noch bis zum 24. November tourt, mit Lob überhäuft.

“Der Ort hier ist wie eine alte Festung - komplett eingemauert. Aber Teile erinnern mich auch an meine Farm. Auch die liegt direkt am Wasser, gleich neben dem Mississippi“, erklärt ein relaxter Andrew Bird während des Festivals La Route du Rock de Saint Malo an der bretonischen Küste Frankreichs. Nach einer bereits 10 Jahre andauernden Karriere ist der Multi-Instrumentalist bei einem Mix aus Klassik und Avantgarde angelangt, der ihn jenseits des Indie-Rock in alchimistische Sphären katapultiert. Interview.

St. Malo - ist das die Art von Festival, die du vorziehst?

Ich mag Grizzly Bear (Indie-Rock Band aus Brooklyn) und andere Musiker wie Dominique A und Bill Calahan. Es war sehr angenehm, gestern auf dem Haldern Pop Festival in der Nähe von Düsseldorf zu spielen, Grizzly Bear und Bon Iver [Band des amerikanischen Sängers und Songwriters Justin Vernon] waren auch da. Das sind Freunde von mir. Aber es stimmt, dass ich mir ansonsten nicht viel Indie-Rock anhöre. Ich habe das Gefühl, nicht viel daraus zu lernen. Ich höre mir lieber ältere Musik von vor dem 2. Weltkrieg an. Mainstream ist nichts für mich. Es wurde nicht alles von der Musikindustrie korrumpiert, aber ihr wisst was ich meine!

Trotzdem trittst du auch ab und an mal im Fernsehen auf…

Im Musikgeschäft ist nichts festgelegt. Ich habe zu lange Musik für mich selbst gespielt, um in eine Schublade zu passen. Auch wenn ich jetzt erst 22 Jahre alt wäre und Starallüren hätte, müsste ich den gleichen Weg gehen, um Menschen glücklich zu machen. Nicht alle Bands werden von der Musikindustrie fabriziert. Einige werden ganz von selbst zu Musikern, indem sie authentisch sind und ganz einfach…singen.

Bist du in Chicago berühmt?

Ich werde in den USA nicht immer erkannt. Es ist möglich in Chicago zu leben, ohne dass mich jemand anspricht. Das bedeutet nicht, dass sie mich nicht erkennen, aber sie kommen nicht auf mich zu und sprechen mich an.

Glaubt man Künstlern, ist ihr letztes Album immer das beste. Wie steht’s mit Noble Beast?

 Mein neuestes Album Noble Beast wird das beste sein (lächelt). Ich finde es aufregend zu denken, dass ich mein bestes Album noch nicht produziert habe. Ich war sehr zufrieden mit Wheather Systems (2003) und Mysterious Production of Eggs (2005), aber ich möchte nicht sagen, dass eines davon mein bestes Album ist. Ich bevorzuge, das für das nächste Album offenzuhalten. Ich denke aber, dass ich auf Alben nicht so gut singe wie auf Festivals. 

Machst du, wie andere Musiker deiner Generation, innovativen Folk?

Man könnte mich in die Folk-Schublade stecken. Aber ich denke nicht wirklich, dass das, was ich zurzeit mache, Folk ist. Für mich ist alles Folk, dazu zählt auch Hip Hop, weil es aus Tönen besteht, die von Menschen gemacht wurden. Aber um wirklich als Folk zu gelten, muss er aus einer mündlichen Tradition heraus entstanden sein, die von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde. Etwas, das sich weiterentwickelt, eine lebendige Tradition, wahre Folk-Musik beinhaltet keine Aufnahmen.

Bist du eher Einzelgänger, wenn du an deiner Musik arbeitest?

Ich arbeite normalerweise nicht mit anderen Musikern zusammen. In einer Gruppe hängt alles davon ab, wie der Gitarrist spielt und ob es gut für den Song ist. Aber ich denke, dass ich meine interessanteste Musik alleine geschaffen habe, obwohl ich den Kameradschaftsgeist genieße.

Laufen deine Auftritte in Europa anders ab als in den USA?

Wir verlieren viel Geld in Europa.

Scheinbar haben wir die Erwartungen der Leute in nicht wirklich erfüllt. Wir verlieren viel Geld. Aber das Publikum in Spanien und Portugal ist wirklich gastfreundlich. Selten stößt man auch auf falsche Gastfreundlichkeit. Du bist ständig in Bewegung und spekulierst darüber, was du fordern kannst und was du bekommen wirst. Man bekommt den Eindruck, dass die Leute einen als Touristen ansehen. In Amerika muss man sich um alles selbst kümmern. Es ist sehr transparent und so mag ich das. Aber wenn man von Land zu Land reist, weiß man nicht, was einen erwartet. Es gibt viele Missverständnisse.

Deine beste Erinnerung?

Ich glaube das war in Deutschland. Im Mai spielten wir in einer kleinen, stinkigen, dreckigen Rock-Location. Wir kamen aus konzerthallenartigen Locations und fanden uns plötzlich an einem Ort wieder, der nur etwa 50 Leute aus Köln unterbringen konnte. Alle waren zusammengequetscht, stapelten sich übereinander und schwitzten. Es war ein großartiger Moment. Ich habe in Amerika jahrelang in Rock-Locations gespielt, aber ich hatte das Gefühl von Nähe verloren. 

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Beeilt euch, um Andrew Bird auf seinen letzten europäischen Tourdaten dieses Jahr, in Spanien zu sehen: 21. November Joy Eslava Madrid, 23. November Palau de la Musica Valencia, 24. November Sala Apolo Barcelona