Politik

Alberto Toscano: Lach- und Sachgeschichten mit und ohne Berlusconi

Artikel veröffentlicht am 9. November 2011
Artikel veröffentlicht am 9. November 2011
Silvio Berlusconi steigt aus, entsagt der Politik und seinen internationalen Engagements. Er dreht den Finanzspekulanten, seiner müden Nation und den Staatsoberhäuptern der Welt, die den Cavaliere während des letzten G20-Gipfels in Cannes quasi ignoriert hatten, den Rücken.
Zu diesem Anlass hatte er sich ausnahmsweise mal keinen Faux Pas, keine deplatzierten Witzchen oder unpassenden Gesten erlaubt. Berlusconi ist der König der “Trampel, die uns regieren”, so die Einschätzung des Journalisten Alberto Toscano in seinem kürzlich in Frankreich veröffentlichten Buch über politische Pleiten und Pannen.

"Die Trampel , die uns regieren" [Ces gaffeurs qui nous gouvernent] ist das neue, im französischen Verlagshaus Fayard erschienene Werk von Alberto Toscano. Neuerdings im Ruhestand, macht sich der ehemalige Frankreich-Korrespondent nicht erst seit gestern über bestehende Beziehungen zwischen Frankreich und Italien lustig. Dieses Mal ist Toscano mit einer Art Handbuch zu allerlei politischen Faux Pas sogar noch weiter gegangen. Er packt aus über die Politik und ihre Komminikationsstrategien und beschreibt, wie aus berühmten Pannen die Klischees einer Nation wurden. Unvergessen sind beispielsweise die geringschätzigen Repliken des Prinzen Philip von England oder des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der einst just bei Erklingen der britischen Nationalhymne spontan einen Toast auf die Queen anstimmte.

Durch das Schlüsselloch

Alberto Toscano: “In Bezug auf Carla Bruni hat Sarkozy mich beim Wort genommen”

"Das Konzept des Trampels ist ein mehrdeutiges", erklärt Toscano. Man kann einen Witz, eine taktlose Geste oder eine unpassende Rede leicht als Beleidigung auffassen. “Aber in diesem Fall ist es durch das Schlüsselloch, durch das der Leser die Intimitäten der Politiker aufdecken kann.” Im Folgenden zwei einfache Beispiele aus Frankreich: “Als Ségolène Royal in China war und die Schnelligkeit der chinesischen Justiz pries, zeigte sie ihre Schwäche, indem sie ihren Gesprächspartnern eine Freude machen wollte.” Weiter geht der Staffelstab an den französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, der bekannt dafür ist, sich auf Pressekonferenzen nicht beherrschen zu können: “Abschätzig sagte er zu einem Mitbürger 'Verzieh dich, du Penner!' [Casse-toi, pauvre con!]. Das zeigt, dass er nicht verstanden hat, wie ein Staatspräsident Menschen begegnet — Beleidigungen sind bei Sarkozy nicht wegzudenken. Wenn man nicht im Stande ist das zu umgehen, dann sollte man wohl den Beruf wechseln.”

Toscanis Buch quillt vor zeitgenössischen Patzern nur so über, um aufzuzeigen, dass sich etwas in der politischen Kommunikation verändert hat: Nachdem Rachida Dati"Inflation" mit  "Fellatio" verwechselte, wiederholte sie sich mit einem ähnlichen Schnitzer und zog so erneut die Aufmerksamkeit der Medien auf sich: "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo es gilt Dummheiten zu sagen, um in den Zeitungen gedruckt zu werden", kommentiert Toscano.

Das Podium der Patzer geht aber natürlich an Silvio Berlusconi, “aber ihn als Künstler zu bezeichnen, wäre eine Ehre, die er nicht verdient.” Im Gegenteil: Berlusconi ist “das Instrument, dem wir eine derartige Revolution zu verdanken haben — der Indikator einer demokratischen Krise ". Der Premierminister Italiens hat sich als Antipolitiker gegeben, der sich scheinbar über das "Polittheater der Marionetten" hinwegzusetzen vermocht. Aber einzig eine Demokratie in der Krise konnte ihm den Zugang zur Macht verschaffen und ermöglichte ihm derartige verbale Tiefschläge. "Nach einem Jahrzehnt des Friedens und politischer Stabilität beginnt die neue Generation zu vergessen, was Armut und Diktatur sind. Berlusconi wurde in einem Land bekannt, in dem die Demokratie am tiefsten in der Krise steckte.“ Das bedeutete für Italien: fünfzig Jahre lang Christdemokratie und eine zerstrittene Opposition, die niemals an die Macht kam.

Auf diese Weise haben die Entgleisungen auch den Weg ins Fernsehen gefunden, beispielsweise antisemitische Witze oder die berühmte Geschichte über “Romulus und Remulus, die Gründer Roms”. Silvio Berlusconi schafft damit clevere Ablenkunsmanöver, die Journalisten daran hindern sollen, tatsächlich wichtige Fragen auf den Tisch zu bringen. Mit ihm tauchte eine gewisse Leichtigkeit und Ignoranzauf, ein Virus, das schlussendlich auch einen Großteil der europäischen Staatsoberhäupter angesteckt hat. Toscano weiß: Der politische Patzer ist und bleibt zeitlos und findet nicht selten seinen Weg in die Geschichtsbücher.

Die Top 3 von Alberto Toscano

Platz 3:

Im Oktober 1945 zählt die noch junge UNO 51 Mitglieder, darunter drei, die der Sowjetunion angehören: Russland, Weiβrussland und die Ukraine. Während des Treffens einer Arbeitskomission, werden alle Delegationen aufgerufen, worauf die anwesenden Personen “anwesend” antworten sollen. “Argentinien: anwesend, Australien: anwesend, Weiβrussland: Nein.” Der Präsident der Komission versucht es erneut: “Weiβrussland? Nein." Nach der Bitte um Erklärung antwortet der weiβrussische Delegierte, welcher weder Französisch noch Englisch spricht, nicht. Ein russischer Verantwortlicher interveniert, indem er das Mysterium aufdeckt: Die Weiβrussen und die Ukrainer erhielten die Order jedes Mal gegen die Vorschläge der westlichen Länder zu stimmen.

Platz 2:

Am 9. Februar 1973 ist der italienische Auβenminister, Giuseppe Medici, bei einem Staatsbesuch in Wien. Im Laufe der Pressekonferenz stellt ihm ein vornehmer Mann eine Frage über den mittleren Osten. Ein Mitarbeiter des Ministeriums informiert: “Das ist Herr Wiesenthal, der berümte Nazijäger, welcher die Verhaftung Adolf Eichmanns in Südamerika möglich machte.” Und Medici antwortet: “Danke für Ihre Frage, Herr Eichmann.” Um den diplomatischen Zwischenfall zu retten, beginnt der Direktor des Kabinetts von Medici zu lachen und die Versammlung stimmt in den Reigen ein.

Platz 1 :

Am 11. Februar 2001 liest der indische Auβenminister vor dem UN-Sicherheitsrat erneut die Rede seines portugisischen Amtskollegen, der vorher gesprochen hatte, dabei adressiert er auch noch den Tisch mit zwei portugiesischsprachigen Ländern. Die indische Presse ist in den Tagen darauf schamlos.

Illustrationen: Homepage: (cc)p!o/flickr; Video: vicowar/YouTube