Politik

Agreekment: Mal keine deutsche Sicht auf den Griechenland-Deal

Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2015
Artikel veröffentlicht am 17. Juli 2015

Die Schlammschlacht zwischen Griechen und Deutschen, angeheizt von der internationalen Presse, wird langsam langweilig. Es gibt sowohl weitere Gläubigerstaaten als auch andere Nationen, die unter Sparmaßnahmen zu leiden haben. Deshalb lassen wir junge Menschen aus allen Ecken Europas zum dritten Hilfspaket für Griechenland, das am Montag in einer langen Nacht ausgetüftelt wurde, zu Wort kommen.

Sophia, 31 Jahre, Schweden

“Ich denke, es ist von beiden Seiten des Verhandlungstisches aus schwierig von Fairness zu sprechen. Denn es scheint glasklar, dass alle Involvierten Fehler gemacht haben (Griechenland hat seine Zahlen etwas aufpoliert und so getan, als wüsste es von nichts; die alte griechische Regierung hat ihre Aufgabe nicht gut gemeistert, die neue griechische Regierung verspricht Luftschlösser, die Eurogruppe geißelt Griechenland etc.). Aber ich kann dieses #ThisIsACoup-Storytelling nicht ernst nehmen, auch wenn ich verstehe, warum die Leute es attraktiv finden, besonders auf der linken Seite. Ich habe allerdings auch ein Problem mit dem strikten Ultimatum, das [Bundesfinanzminister Wolfgang] Schäuble ausgesprochen hat, die "Auszeit", die Griechenland effektiv aus der Eurozone katapultieren würde."

Pieter, 25 Jahre, Holland

“Für mich sind das alles Symptome eines Systems, das vor dem Zerfall steht. Eine Geldunion ohne politische Union wird immer diese Probleme am Horizont haben. Ich bin nicht unbedingt für eine politische Union und auch nicht für den Grexit (ich befürchte den symbolischen negativen Einfluss, das wäre ein zu hohes Risiko). Aber in einer Welt ohne diese Geldunion hätte Griechenland seine eigene Währung abwerten können, um neue Investoren anzulocken und Cashflow zu stimulieren. Obendrein denke ich, dass Sparpakete nur temporäre Lösungen sein können, sie erwecken die Illusion, dass das Land nun plötzlich wieder zahlungsfähig sei, verdecken aber den Fakt, dass Regierungen mit Anleihenkäufen (so genanntes Quantitative Easing) und Rettungsaktionen (Bail-Outs) nur neue Blasen innerhalb des Markts geschaffen haben. Auf weite Sicht wird das zu einer noch größeren Finanzkrise als der von 2007/ 2008 führen."

Waldemar, 40 Jahre, Schweden

”Viele Schweden fallen aus allen Wolken in Anbetracht der harten Krise in Griechenland. Nur zum Vergleich: das letzte Rettungspaket war fast so hoch wie Schwedens gesamte Ausgaben des vergangenen Jahres. Viele Schweden denken deshalb ähnlich wie die Deutschen über Griechenland. Aber es gibt eine Minderheit, welche auch hier Tsipras Politik unterstützt. Persönlich bin ich der Meinung, dass der zuletzt gefundene Kompromiss Griechenlands Zahlungsunfähigkeit nur aufschieben wird."

Tomáš, 34 Jahre, Slowakei

“Schwierig. Ich denke, wir sind an dem Punkt angelangt, an dem jeder Deal als unfair angesehen wird - von griechischer Seite oder von Seiten der Gläubiger. Ich befürchte, es gibt keine guten Lösungen, nur viele Level schlechter Lösungsvorschläge. Der Deal, den [der griechische Premierminister Alexis] Tsipras akzeptiert hat, ist zu komplex, um mit der Antwort fair oder unfair daherzukommen. Eineige der dort genannten Konditionen sind akzeptabel, andere äußerst fragwürdig. Darüber könnte man eine ganze Dissertation schreiben. Das griechische Drama ist längst nicht ausgestanden, dieses Agreekment wird auch nicht das letzte sein. Das schlimmste Resultat ist eigentlich, dass die ganze EU geschwächt aus diesem Kuddelmuddel geht. Alte Animositäten und Stereotype sind bereits zu neuem Leben erwacht, das ganze Ding ist viel zu emotional geworden. Und ich denke nicht, dass es in absehbarer Zukunft besser wird."

Anne, 31 Jahre, Holland

“Ich war während des Referendums in Griechenland. Es stimmt, die Sicht auf Deutschland dort ist ziemlich krass. Für mich als 'Nordeuropäerin' fühlt sich das komisch an, da ich die strukturierte Denkart gewohnt bin. Deshalb finde ich, Griechenland spielt nicht unbedingt fair. Ich denke, der ausgehandelte Deal ist in dem Sinne trotzdem angemessen, dass die griechische Wirtschaft einen ordentlichen Powerboost braucht. Mit den von Merkel suggerierten Maßnahmen allein, würde das Land totgespart und kann aufgrund der hohen Zinsen nie einen Weg aus der Krise finden. Trotzdem vertrete ich auch den Standpunkt, dass wir Griechenland nicht mehr trauen können, dass viel Geld an das Land geflossen ist und sie nicht in der Lage waren, ihre Politik wieder in die Gänge zu bringen. Einen Grexit befürworte ich aber trotz allem nicht, wir sollten das Gemeinsame im Auge behalten."

Ana, 22 Jahre, Rumänien

“Für eine gerechte Bewertung der Lage fehlen mir die notwendigen sozio-ökonomischen Kenntnisse. Aber ich finde, dass ein Land, das zu einer Union gehört, sowohl von den Vorteilen profitieren als auch die Nachteile dieser Gruppe hinnehmen und gleichzeitig für deren Bürger sorgen muss. Im Fall Griechenlands hätten die Reformen, die jetzt mehr oder minder zwangsvollstreckt werden, viel früher und dafür sanfter angesetzt werden können. Fair oder nicht? Das fällt mir eher schwer zu sagen. Aber da ich aktuell keine angemessenere Alternative für Griechenland sehe, bin ich der Meinung, dass diese Reformen zumindest für die kommende Periode richtig sind. Lettland hat gezeigt, dass diese Strategie Früchte tragen kann."

Sam, 23 Jahre, Großbritannien (lebt in Australien)

“Ehrlich? Ich stehe dem griechischen Deal ziemlich skeptisch gegenüber. Das scheinen alles Überbrückungsmaßnahmen, die nicht die Meinung der Griechen repräsentieren, die im Referendum gegen die Sparauflagen gestimmt haben. Je mehr ich über die Krise höre, desto mehr denke ich, die Eurozone will Griechenland eher bestrafen als dem Land zu helfen. Hier in Australien sagen sie: "die Australier sorgen sich mehr um die griechische Wirtschaft als die Griechen selbst". Was die Menschen hier sehen, ist ein Europa, das es nicht auf die Reihe kriegt, das seine eigenen Leute geißelt. Aus der Ferne betrachtet, macht das nicht gerade Lust zurückzukommen!"

Sofia, 24 Jahre, Portugal

“Nein, der Deal ist nicht fair. Aber die Frage ist zu komplex, um sie auf das einfache Konzept der Fairness herunterzubrechen, was immer wir auch darunter verstehen mögen. Griechenland hat noch viele Reformen umzusetzen, die andere Länder im Süden Europas bereits angestoßen haben. Ich applaudiere den Griechen für ihren Mut, sich gegen die EU durchsetzen zu wollen. Aber so sehr man auch möchte, es scheint, als könne man die Spielregeln nicht ändern. Und dann gibt es da auch noch die Frage der Moral in diesem ganzen Wirrwarr. Warum profitiert der Internationale Währungsfonds beispielsweise von den Schulden einiger Länder? Er hat Milliarden Euro für griechische Kredite eingenommen."

Tuuli, 24 Jahre, Finnland

“Traditionell folgt die finnische Regierung Deutschland in der EU. Das gilt auch für die Krisensituation in Griechenland. Die finnischen Medien stellen aber auch den griechischen Standpunkt ausführlich dar. Ich habe das Gefühl, dass in letzter Zeit auch viele griechische Bürger zum Thema interviewt worden sind: Unternehmer, Studenten, Arbeiter. In Bezug auf Fairness gibt es immer zwei Sichtweisen. Griechenland hat gelogen, um Kredite zu bekommen - und es sollte sie auch zurückzahlen. Die tatsächlichen Versager sind aber die griechischen Politiker. Auch wenn die Troika die Regeln des Wirtschaftsspiels kreiert und Griechenland in den Klub aufgenommen hat, sind die Auflagen heute so hoch, dass griechische Menschen zu sehr leiden müssen. Es ist unfair, dass die Griechen so hart rangenommen werden. Der Zeitplan ist zu knapp: Die EU sollte nicht so viele Dinge in so kurzer Zeit verlangen."

Vaida, Litauen

“Den Griechen ein drittes Sparpaket zu gewähen wird die EU meiner Meinung nach noch tiefer in Probleme reiten. Und sollte die griechische Gesellschaft sich den harten Sparauflagen im Deal widersetzen, riskiert die EU auch noch finanzielle Verluste. Einerseits sollte die EU ihre Stärke demonstrieren, sollte beweisen können, dass sie in der Lage ist, einen Mitgliedsstaat zu retten. Aber diese Situation könnte auch den pervertierten Effekt haben, dass andere Länder mit Finanzproblemen weniger verantwortlich handeln und erwarten, dass der europäische Stabilitätspakt immer greift. Wenn die EU den Griechen also bereits zum dritten Mal die Hand reicht, muss sie auf der anderen Seite auch Strenge walten lassen, sollte Griechenland seine Chance erneut verspielen."

Mirna, 27 Jahre, Kroatien

"Ich denke überhaupt nicht, dass es nur um „Deutschland gegen Griechenland“ geht. Ich bin mir bei den Details des Rettungsplans zwar nicht sicher, aber ich denke, es ist der beste, der angeboten werden kann. Ich glaube auch, dass ganz Europa ein gutes Ende für diese Situation finden wollte und faire Ansprüche an Griechenland  stellen wollte. Während ich auf jeden Fall Mitgefühl habe mit „normalen“ Griechen, die leiden und wahrscheinlich ihren Lebensstandard in der Zukunft zurückschrauben müssen, ist es offensichtlich, dass die Regierungen Geld ausgaben, das ihnen nicht gehörte und wissentlich zu geringe Steuern und Steuerhinterziehung geduldet haben. Geht man außerdem nach kroatischen Zeitungen, ist die durchschnittliche Rente in Griechenland 1000 Euro – das ist mehr als das durchschnittliche kroatische Gehalt, das weniger als 300 Euro beträgt. So arm sind sie also auch wieder nicht." 

Henrique, Portugal

„Ich habe den Eindruck, dass man es vorzieht, den Kranken umzubringen anstatt ihm zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen, um die kleinen Schlauköpfe in Südeuropa nicht auf falsche Ideen zu bringen. Alles ist besser als ein Bild des Siegers Tsipras, als Souveränitätsgarant des Volkes, der Angst macht: Angst vor Berlin, Angst vor Brüssel, Angst vor der Ausrüstung der Apparatschiks von allen Seiten - die vermeintlich guten portugiesischen Studenten miteingeschlossen. Die gleichen, die neben Merkel oder Schäuble sitzen, um das Familienfoto zu verschönern. Und während man versucht, die Idee des Musterschülers der Austerität, Portugal, zu verkaufen, sind mehr als 20 Prozent des BIPs seit 2008 in die Hände von ausländischen Investoren gefallen, wie es der IWF vorgeschlagen hatte. Was bleibt nach all dem? Ein erschöpftes Land, ein Land, dessen Börse 2007 180 Milliarden Euro wert war und heute noch 50. Es ist schwer, unter solchen Umständen die Griechen nicht zu verstehen, die ebenso Opfer einer willentlichen und mehr als jemals zuvor scheinheiligen Propaganda geworden sind.“