Politik

AfD - Kleiner Fünf: Wollt ihr mit uns wählen?

Artikel veröffentlicht am 18. September 2017
Artikel veröffentlicht am 18. September 2017

Am 24. September finden die deutschen Bundestagswahlen statt. Auch wenn das Land Rechtsaußen-Strömungen jahrelang ziemlich gut eindämmen konnte, ist die vor wenigen Jahren gegründete Partei AfD heute drauf und dran, ins Parlament einzuziehen. Aber eine Handvoll junge Leute des Kollektivs Kleiner Fünf sind mehr als motiviert, den Populismus auf ein Minimum zu drücken.

Wie kann man konkret auf rassistische Äußerungen reagieren? Oder auf Meinungen, die unserer eigenen absolut fremd sind? Wie die Ruhe behalten und den Dialog fördern, ohne aus der Haut zu fahren? Auf der Webseite Kleiner Fünf gibt es Antworten für diejenigen, die sich fragen, wie sie auf übertriebene und oftmals fremdenfeindliche Diskurse reagieren sollen, die sich über diverse Kanäle und meistens ohne Feedback ausbreiten. Unter den Tipps steht dann meistens, dass man seinem Gegenüber handfeste Argumente entgegenbringen sollte. Und dafür sollte man ein Minimum informiert sein. Zwischen all den Merkzetteln und Erklärvideos versucht das Kollektiv Kleiner Fünf außerdem, die Hintergründe der zunehmend erstarkenden rechtspopulistischen Parteien in Deutschland zu erklären.

Wir sind 'Motivierer'

Auf dem Schirm hat Kleiner Fünf vor allem eine Partei, die mehr als andere beunruhigt: die Alternative für Deutschland. Die 2013 gegründete Partei hat in den letzten Jahren rasanten Zuwachs erlebt. Der AfD werden für den kommenden Sonntag Wahlprognosen zwischen 9% und 11% vorausgesagt. Nach deutschem Wahlrecht kann eine Partei erst dann in den Bundestag einziehen, wenn sie die 5%-Hürde knackt. Das Ziel von Kleiner Fünf ist dementsprechend simpel - das Kollektiv versucht alles Erdenkliche, damit die AfD es nicht über die 5% schafft.

Kleiner Fünf wurde 2016 ins Leben gerufen und setzt sich aus ca. 100 Leuten zusammen, die über ganz Deutschland verstreut sind. Die meisten Aktionen laufen im Netz, ab und zu ist das Team aber auch auf dem Terrain unterwegs: „Wir wollen die Leute zum Handeln bewegen. Wir sind Motivierer“, sagt Paulina Fröhlich, Sprecherin der Organisation. „Wir stehen für keine konkrete Partei. Wir wollen ganz einfach verhindern, dass eine fremdenfeindliche Partei in den Bundestag einziehen kann, und dass sie neben Einfluss auf institutioneller Ebene und medialer Aufmerksamkeit auch noch öffentliche Gelder einfahren kann. Gelder, die anschließend investiert werden, um deren Ideen auch noch auf die Folgegenerationen zu übertragen.“

Einmal pro Woche treffen sich Paulina und ihre Freundinnen in Berlin-Wedding, um Plakate zu kleben. Der Ausflug hat Züge von Aktivismus, aber die Poster von Kleiner Fünf sind alles andere als traditionelle Polit-Werbung. Auf den Postern sind Tiere zu sehen: ein Adler, ein Elefant, eine Taube. Sie sehen aus wie Vermisstenanzeigen. „Wo ist Horst? Wo ist Frieda?“, kann man lesen. Das Kollektiv will innovativ sein im politischen Dialog. Und dafür mixt es konstant Digitales mit Realität. So weiß der Passant, der die kleine Etikette vom Poster im Vorbeigehen abreißt, erst, wer (und wo) Frieda, Carlo oder Timon sind, wenn er die darauf zu lesende Adresse in seinem Browser tippt. Jedes Tier steht für große Tendenzen, die durch den Aufstieg von Rechtsaußen in Bedrohung sein könnten: Europa, soziale Sicherheit, Vielfalt, Föderalismus oder Aufarbeitung.

Willst du mit mir wählen?

Alle Aktionen des Kollektivs sind ein bisschen was für Querdenker. Eine andere Initiative besteht beispielsweise darin, kleine Verlobungsringe zu verteilen, um die Enthaltsamen dazu zu bewegen, am Sonntag wählen zu gehen. Wie das funktionieren soll? Die Motivierer versuchen nahestehende Menschen zu motivieren, Enthalter am Sonntag zum Wahlbüro zu begleiten; genau als würde man eben um dessen Hand anhalten. Sie fragen dann: „Willst Du mit mir wählen gehen?“, per Kniefall, versteht sich von selbst. Jede Stimme zählt. Jede begleitete Person ist nicht nur eine Wählerstimme mehr in der Urne, sondern auch eine Stimme weniger für die Alternative für Deutschland. 

Familienpolitik

Jede Woche schickt das Kollektiv seine Aufrufe für die Aktionen per E-Mail. Fünf Minuten, soviel kann jeder aufwenden. Für eine Generation, die einen Haufen Zeit investiert, um diverse Inhalte zu ‚liken‘ anstatt sich politisch zu engagieren, ist es nicht einfach, gegen den Klicktivismus zu kämpfen. Kleiner Fünf schlägt deshalb einfache Ideen und einen Kit zur Eigenmobilisierung vor. Unter den Vorschlägen gibt es zum Beispiel ein Polit-Quiz in einer Bar, Plakataktionen, Foto-Competitions aber auch Adressen von Vereinen für diejenigen, die sich auch über die Wahlen hinaus engagieren wollen. „Wir wollen die Arbeit nicht alleine stemmen. Wir sind nur eine Plattform, die Türen öffnen will“, fügt Paulina hinzu. Seitdem sie für das Team von Kleiner Fünf arbeitet, habe sie viele Dinge gelernt. „Alles hängt davon ab, wie man eine Person anspricht. Wenn ich jemandem gegenüberstehe, der scheinbar keinen politischen Plan hat, und ihm oder ihr dann meine eigene politische Meinung aufdrücke, dann wird sich die Person verschließen oder eingeschüchtert fühlen.“

In den Straßen von Berlin-Wedding sprechen Paulina und ihre Mitstreiter die Leute mit Humor an, zum Beispiel mit besagtem Verlobungsring. Dann kommen oft komische Situationen zustande. Zum Beispiel wenn eine Passantin erklärt, dass sie nicht weiß, wann und wo sie zur Wahl gehen soll. Das Team versucht dann über die jeweiligen Behördengänge aufzuklären. Dann kommt ein Mann, der zugibt, nicht zur Wahl gehen zu wollen. Paulina versucht einige rhetorische Methoden, um seine Position zu verstehen. Und erklärt dann: „Ich versuche erstmal ihm zuzuhören. Ihn ausreden zu lassen. Und ich sage ihm vor allem nicht, was er zu tun oder zu lassen hat. Er scheint politisch enttäuscht zu sein und fühlt sich spontan zu keiner einzigen Partei hingezogen.“ Als er geht, ruft sie ihm hinterher: „Wir hoffen, Ihnen zumindest gezeigt zu haben, dass es noch eine Handvoll junge Leute wie uns gibt, die an die Politik glauben!“

Die 26-Jährige gibt zu, dass es einfacher ist, junge Menschen mit den Aktionen von Kleiner Fünf anzusprechen. „Die neuen Generationen sind weniger Protestwähler. Sie wurden noch nicht von einem vorausgegangenen Votum enttäuscht. Aber unter ihnen gibt es eben auch viele, die erst gar nicht wählen gehen.“ Die Mitglieder der kleinen Gruppe Plakatkleber ist zwischen 23 und 27 Jahre alt. Alle haben über Freunde von Freunden von Kleiner Fünf erfahren.

Für Raphael ist es die erste Aktion. Und er ist überrascht, dass eine politische Aktion nicht immer einen Riesenaufwand bedeutet. Marie und Lore haben bereits einige Artikel für den Blog der Seite verfasst und bei anderen 'Aktionsvorschlägen' der 'Motivierer' mitgemacht. „Ich habe für den Blog geschrieben und das Prinzip dann unter meinen Freunden bekannt gemacht“, erzählt Marie. Für die Gruppe Idealisten ist die beste Möglichkeit, um Veränderung zu schaffen, bei seinen eigenen Freunden und der Familie anzufangen. Ein Sonntagsessen im Kreise der Lieben, um gegen die AfD zu argumentieren. Einem Nachbarn oder Mitbewohner Zahlen und Fakten entgegensetzen. Seinen kleinen Bruder zur Wahl begleiten. So können ganz konkrete Aktionen von Kleiner Fünf aussehen.

Die Parteien greifen für die Bundestagswahlen am kommenden 24. September nach dem Maximum an Wählerstimmen - Kleiner Fünf will genau das Gegenteil: ein Minimum erreichen. Und jede Stimme, die den Rechtspopulisten entgeht, ist für die Truppe bereits ein kleiner Wahlsieg.

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Dieser Artikel ist mit Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW - OFAJ) entstanden.

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