Politik

Absurdes aus Lukaschenko-Land: Blogger Medwedew contra Spammer Lukaschenko

Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 27. Oktober 2010
Es ist eine Diktatur und es ist unsere Diktatur, in Europa, unmittelbar vor der Haustür der EU. Am 19. Dezember 2010 ist es wieder so weit, die belarussische Bevölkerung wird aufgerufen sein, ihren Präsidenten zu wählen. Bis zu diesem Stichtag präsentiert eine in Berlin ansässige Französin auf cafebabel.com die Kolumne "Absurdes aus der Diktatur".
Claudine Delacroix' zweiter Streich handelt 'Von der etwas anderen Kommunikation zwischen Staatsoberhäuptern'.

2 - Von der etwas anderen Kommunikation zwischen Staatsoberhäuptern oder: lässt sich Absurdes mit Absurdem bekämpfen?

Will man auf politischer Ebene etwas erreichen, so stehen dem Durchschnittsbürger deutlich weniger Möglichkeiten zur Verfügung als Politikern selbst. So greift man zu Protestaktionen, Unterschriftensammlungen, offenen Briefen.

Politikern - zumal solchen in hohen Staatsämtern - stehen meist andere Mittel zur Verfügung, auch und gerade, was die Kommunikation mit anderen Ländern und deren Staatschefs betrifft. Da gibt es Botschafter, Regierungskonsultationen und im Härtefall den direkten Draht von Präsident zu Präsident. Der Austausch aber, den der russische Präsident Dmitri Medwedew und sein weißrussischer Kollege Alexander Lukaschenko in den letzten Monaten pflegen, wirft all diese etablierten Fakten über den Haufen.

Nun ist uns bekannt, dass sich Lukaschenko gern als volksnahes Staatsoberhaupt gibt. Vielleicht ist das der Grund, warum Lukaschenko im vergangenen Juni, auf dem Höhepunkt des letzten Gaskrieges mit Moskau, zum Mittel des offenen Briefes griff, in dem er in der russischen Zeitung der kommunistischen Partei Prawda das Vorgehen der russischen Seite scharf kritisierte. Vielleicht war aber auch die direkte Leitung zu Medwedew gerade besetzt und Lukaschenko, ein Mann der Tat, der in einer wichtigen Angelegenheit keinen Aufschub duldet, wollte sein Anliegen beherzt-pragmatisch auf diesem Wege überbringen.

Warum dann aber eine solch rüde Reaktion von Seiten Medwedews?

Denn angesprochen auf diesen Beschwerdebrief reagierte dieser vor Journalisten - wir zitieren - 'Lukaschenko möge in Zukunft derartigen Spam doch bitte unterlassen'. Das klingt nun eigentlich eher so, als ob die direkte Leitung nicht unbedingt aufgrund eines rein technischen Defekts gestört war.

Für diejenigen, die sich lieber nicht voreilig auf diese Deutung des Vorgangs einlassen wollten und die auch das konzertierte Kreuzfeuer, mit dem die russischen Medien im Verlauf der letzten Monate Lukaschenko bedachten, nicht überzeugte, schaffte Präsident Medwedew Anfang Oktober nun Fakten: In seinem regelmäßigen Videoblog kritisiert er offen das, was er Lukaschenkos anti-russischen Kurs nennt, und fordert diesen unverblümt auf, sich weniger um die Entlassung des Moskauer Bürgermeisters und Lukaschenko-Freunds Juri Luschkow, als um seine eigenen Staatsgeschäfte zu kümmern, insbesondere um die Angelegenheit seiner verschwundenen politischen Gegner, deren Mysterium bis heute nicht aufgeklärt werden konnte.

Damit dürfte der Blogger Medwedew den Briefeschreiber Lukaschenko eindeutig übertrumpft haben und eine neue Seite in der Geschichte der unter Staatspräsidenten verwendeten Kommunikationsmittel aufgeschlagen haben.

Was folgt nun aus alldem?

1) Medwedew ist auf der Höhe der Zeit, kann sowohl die Begriffe der Informationsgesellschaft als wirkungsvolle Spitzen in seinen Äußerungen einsetzen als auch die technischen Möglichkeiten des net publishing eindeutig zu seinen Gunsten nutzen

2) Auch der letzte Zweifler sollte sich nun im Klaren darüber sein, dass Lukaschenko von Russland, welches jahrelang sein Regime mitfinanzierte, wirklich nichts mehr zu erwarten hat.

3) Wenn die Staatsbeziehungen schon ein solches Niveau an Absurdität annehmen, ist dann vielleicht derjenige ein geeigneter Kandidat für die Präsidentschaftsnachfolge, der sich in dieser Art des Spiels mit viel Ironie bewegen kann?

Wenn dem so ist, dann sollte man in der nächsten Zeit das Schicksal von Wladimir Nekljajew genauer verfolgen - seines Zeichens Schriftsteller, der aktuell das Verfahren durchläuft, sich als Kandidat im Rahmen der Kampagne "Gawary Praŭdu" ("Sag die Wahrheit") für die kommenden Präsidentschaftswahlen in Belarus am 19. Dezember zu registrieren.

Folgende Anekdote legt uns diesen Vorschlag nahe: Nachdem bekannt geworden war, dass die Beschreibung der Hinrichtung einer Katze durch einen kleinen Jungen in einem seiner Romane autobiographischen Hintergrund hat, stellte das belarussische Staatsfernsehen seine moralische Integrität in einer regelrechten Schmutzkampagne in Frage. Nekljajew antworte darauf mit einer ironischen und durchaus publikumswirksamen Geste: Er und der Kater Barsik unterschrieben ein Memorandum, in dem sich Menschen und Katzen auf freundschaftliche und konstruktive Zusammenarbeit verständigen.

Einen großen Schritt sind sie damit Medwedew und Lukaschenko im Hinblick auf die Qualität ihrer Beziehung allemal voraus.

Lest hier den ersten Teil der cafebabel.comKolumne Absurdes aus Lukaschenko-Land: 'Von Geburtstagen und Geburtsdaten'.

Illustration: ©Adrian Maganza/ adrianmaganza.blogspot.com; Video: ©Russia Today/ Youtube