Mehrsprachigkeit

Was heißt Nutella-Bande auf dem Kiez?: Alltagskultur zum Nachschlagen

Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2015
Artikel veröffentlicht am 14. Dezember 2015

Der, die oder das Nutella? DUDEN kann sich einfach nicht entscheiden.  Die Nutella-Bande auf dem Hamburger Kiez ist der Öffentlichkeit ein Begriff. Als plastisches Material spielt die Schokocreme in den Installationen von Künstler Thomas Rentmeister eine Rolle. Zu einem aussagekräftigen Deonym der deutschen Alltagskultur.

"Er hat heute Tesa gekauft". Hört man diesen Satz, so weiß man sofort, dass von durchsichtigem Klebeband die Rede ist. Tesa zusammen mit Wörtern wie Zeppelin, Tempo, Labello, Pampers oder auch Hartz IV gehört zu den Deonymen der deutschen Sprache, zu Eigennamen, die zu Gattungsnamen geworden sind. Nutella ist auch mit von der Partie.  Ob Deonyme unabsichtlich einen gewissen Werbefaktor durch den Alltag transportieren, steht aus rein grammatischer Sicht nicht gerade im Vordergrund.

"Eine Zeit lang wollten die Leute erstaunlich oft wissen, welches Geschlecht das Wort "Nutella" verlangt. Wir verzeichnen alle drei Genera. Also der/die/das Nutella", stellte Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der DUDEN-Sprachberatung, im Juli dieses Jahres der SZ gegenüber fest.

Egal ob man den  Nutella löffelweise isst, ob man sich die Nutella aufs Brot schmiert oder ob man das Nutella aus einer schmutzigen Tischdecke rauswäscht, man kann also sprachlich nichts falsch machen.  

Der schwankende Genus ändert nichts an der Bedeutung des Wortes.  Aber worauf kann es verweisen?  

Umgangssprachlich als Gattungsname

Der deonymische Charakter der Schokocreme prägt sprachlich die Erzählungen von  Kindheitserinnerungen. So spricht der 1971 geborene und im Westen aufgewachsene Schriftsteller David Wagner im Wendebuch "Drüben und Drüben", das er zusammen mit im selben Jahr geborenem und im Osten aufgewachsenem Autor  Jochen Schmidt geschrieben hat, von "Marmeladen-, Honig- und Nutellabrötchen" zum Frühstück. 

 Dass Nutella in der Umgangssprache als Gattungsname verwendet wird, ist auch in den Blogs über gesundes Essen nicht zu übersehen, die es wie Strand am Meer gibt. "Nutella und Marmelade enthalten sehr viel Zucker, was ich als sehr "schädlich" empfinde" hat eine anonyme Stern-Leserin auf die Mattis Mayer-Seite des Wochenmagazins geschrieben und auf der Internetseite von urbia.de - Magazin für Familienleben wird gefragt, ob Marmelade weniger schlimm sei  als  Nutella.

Alles nur Warenfetischismus?

Auf eine wohl behütete und glückliche Kindheit einer ganzen Elterngeneration in Deutschland scheinen die Nutella-Komposita in der deutschen Umgangssprache zu verweisen, wie auch der Titel zeigt, den Autorin Tina Schütze 2014  für ihren Ratgeber gewählt hat: "Das Leben ist ein Nutellabrot. Die Welt mit Kindernaugen sehen". Sie  begründet ihre Entscheidung, indem sie betont, dass "für Kinder ein Nutellabrot etwas ganz besonders Tolles ist, was wir Erwachsenen uns zurückerobern müssten".

Obwohl ein  gewisser Werbefaktor ins Auge stechen könnte, ist die Bezeichnung nicht wörtlich zu nehmen. Nutellabrot steht für jede Leckerei, die den Alltag eines Kindes versüßen und den  eines Erwachsenen angenehmer machen kann. Im Grunde hätte sie auch Gummibärchen ins Spiel bringen können.

Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit durch die Sehnsucht nach kleinen Gewohnheiten an massenproduzierte Leckereien kann leicht mit Warenfetischismus verwechselt werden. Und in der Tat, der anonyme Leser und Rezensent  des Buches  "12 Geschichten" von David Wagner, der sich auf der Amazon-Seite 2002 über den Autor ausgelassen hat, assoziiert Nutella zwar mit in Watte gepackter Kindheit, aber ist von Wagners unschuldigen Kindheitserinnerungen nicht sehr überzeugt. "Der soll endlich raus aus seiner Nutella-Kindheit, auf die Strasse gehen und sich umsehen. Vielleicht merkt er dann mal, wo's wirklich brennt. Und langweilt uns nicht länger mit seinem als hohe Literatur getarnten selbstreferentiellen Warenfetischismus" wünscht er sich.

Was heißt Nutella-Bande auf dem Kiez?  

Den Sprung von den gemütlichen deutschen Frühstückstischen ins Hamburger Rotlicht-Milieu hat Nutella Ende der 70er geschafft. Auf der Reeperbahn war die Nutella-Bande eine Zuhälterorganisation, die den Kiez unsicher machte.

"Diesen Namen verdankt die Truppe junger Männer ihren älteren Rivalen. Die belächeln die Jungen und meinen, sie sollten mehr Nutella-Brote essen, um erstmal groß und stark zu werden" betont  die ehemalige NDR-Redakteurin Ada von der Decken in ihrem Beitrag  "Als die Killer auf den Kiez kamen". 

Die skurrile Bezeichnung  war für die Hamburger Polizei kein Fremdwort. "Die Nutella-Leute waren andere Typen, so was wie die jungen Wilden mit langen Haaren, Rolex- oder Patek-Philippe-Uhren, amerikanischen Straßenkreuzern. Ihr Umgang mit den Frauen war etwas humaner" erinnert sich Waldemar Paulsen, der zehn Jahre lang Polizist auf der Davidwache in Hamburg war, im Gespräch mit dem St. Pauli Blog des Hamburger Abendblattes.

Der Schläger in der Nutella-Bande, Thomas Born, besser bekannt als Karate Tommy, ist später sogar in Filmen und TV Serien aufgetreten. In der ARD-Erfolgsserie Berlin, Berlin, zum Beispiel, ist er in der 18. Episode der 2. Staffel mit dem Titel "20 Minuten" zu sehen. Als brüllender Sicherheitsdiestmann mit schmutzigem Mundwerk an der Kunsthochschule der Hauptfigur Lolle freut er sich auf eine schnelle Nummer mit der taffen Sara und wird prompt reingelegt.

Nutella? Das kann weg!: Rentmeisters Kunst  

"Dass ich Lebensmittel wirklich in großen Mengen verwendet habe, fing mit Nutella an. […] Es gab diese kleine Nutella-Arbeit im Jahre 1999. Ich habe ein Kunststoffregal an die Wand gehängt und mit Nutella bestrichen, mit einem Frühstücksmesser"  erzählt Künstler Thomas Rentmeister in einem Interview mit Contemporary Food Lab.  

Obwohl Rentmeister, der in Braunschweig  tätig ist, sich selber nicht als politischer Künstler betrachtet, gibt er zu, dass er an dem Seriellen, an dem Massenproduzierten interessiert sei.

Lebensmittel betrachtet er nicht als solche, sondern einfach als Materialien, die eine spezifische Qualität haben. "Das ist eben dann doch Material, das man temporär benutzt" stellt Rentmeister im Interview abschließend fest.  Nach der Ausstellung wird es entsorgt, denn es ist vergänglich.

Das, was bleibt, ist das Konzept. Und das ist weniger vergänglich.